Die Missgeburt der Einheit

Wiedervereinigung Während Kohl seine Lebenslügen vermarktet, formieren autoritär Fixierte aus Ost und West „ein Land, das nicht sein darf“. Die politische Linke muss sich neu erfinden
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Da hatte die Frau Hensel am Donnerstag einen dollen Text auf der Titelseite (Freitag vom 6.11.2014). Auch noch auf der eines Blattes, das einmal als „Ost-West-Wochenzeitung“ gegründet wurde. Mittlerweile zum „Meinungsmedium“ avanciert, sollen nun die Mauern offenbar wieder hochgezogen werden. Eine Art Ansprache an „die“ Westdeutschen sollte es sein, die namentlich im Titel genannt wurden, was zu allem Überfluss auch noch einen gewollten oder ungewollten Anklang an Günter Gaus' großartige Analyse „Die Welt der Westdeutschen“ von 1986 ergab.

Das war dann aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit, denn Gaus hätte beispielsweise nie irgendeiner Bevölkerungsgruppe pauschal unterstellt, „verkrampften Sex“ zu praktizieren, um nachfolgend per doppeltem Rittberger zuerst die eigene Behauptung zu widerrufen und dann den Widerruf selbst. Günter Gaus war ein Mann, der meinte, was er sagte.

Es geht mal wieder um das ewige Drama deutsch-deutscher Animositäten. Dabei wäre Krampf beim Sex ja fast harmlos verglichen mit dem gesellschaftlichen Dauerkrampf des letzten Vierteljahrhunderts. Im Rückblick darauf kann man die Reaktanz der Ostdeutschen teilweise schon verstehen, haben sie doch eine erstaunliche Karriere in der von Springer und Konsorten angeheizten West-Meinung gemacht.

Zuerst 40 Jahre lang die armen Brüder und Schwestern, einsperrt im kommunistischen Zuchthaus, keine Bananen, keinen Kaffee und keine richtigen Autos, dann 1990 für 10 Monate medial zum Heldenvolk stilisiert und danach ganz schnell zum „Jammer-Ossi“ herabgestuft, der weder Demokratie kann noch richtig arbeiten und dem das erst einmal beigebracht werden muss.

Zu der Schauergeschichte der deutschen Vereinigung zählt natürlich das gesamte politisch-administrative und juristische Prozedere, allein an den Interessen der übermächtigen Akteure aus dem Westen ausgerichtet, allein darauf abzielend, der DDR-Gesellschaft westliche Strukturen überzustülpen. Von Gleichberechtigung keine Spur. So geht man nicht mit Menschen um, die man für eine gemeinsame Zukunft gewinnen will.

Hinzu kam immer wieder abstoßende Symbolpolitik, wie das eisige Schweigen von CDU/CSU beim ersten Zusammentreten des 13. Bundestages 1994 und der Rede des Alterspräsidenten Stefan Heym oder das jahrelange Zurückhalten der Gelder für eine Parteienstiftung der PDS. Helmut Kohl, der Zufallskanzler der Einheit, redet sich rückblickend aus allem heraus. Man hätte nur ein „kleines Zeitfenster“ für die Wiedervereinigung gesehen und schnellstmöglich handeln müssen. So ein Blödsinn! Welche ökonomische Perspektive hätte die bis ins Mark marode DDR denn gehabt?

„Kommt die D-Mark, bleiben wir. Kommt sie nicht, gehen wir zu ihr“. Die DDR hätte gern ihre Eigenstaatlichkeit behalten können und wäre in kurzer Zeit auf die heutige Einwohnerzahl Mecklenburgs geschrumpft. Im Westen wäre es zwar etwas eng geworden, aber den Osten hätte man dafür renaturieren können. Statt endloser Investitionsruinen ein Refugium für Wildtiere – Wölfe, Luxe, Elche, schöne Greifvögel und all sowas, hmm! Ein grandioses Ökologie-Projekt wäre das geworden, mit einer womöglich weltweiten Schrittmacherfunktion. Aber Kohl und Co. ging es nicht um die Zukunft, sondern um „den Sieg“.

So gut man also ostdeutsche Empfindlichkeiten auch verstehen kann, es bleiben weiße Flecken, die immer wieder irritieren. Vor allem das verbissene Schönreden von Strukturen, an denen nichts Schönes gewesen sein kann. Wenn ich um eins froh bin, dann, dass ich die Verhältnisse in der Bundesrepublik nie verklären musste. Nach 1945 war sie der Rückzugsort der Nazis, die reihenweise unbehelligt blieben, es gab politische Skandale am laufenden Band, Korruption, Vetternwirtschaft, politische Justiz. Ein Kiesinger wurde Bundeskanzler, ein Carstens gar Präsident. Der Nazi-Richter Filbinger musste als Ministerpräsident zurücktreten, wurde aber von seinem Nach-Nachfolger Oettinger zum Widerstandskämpfer umgelogen.

Was sollte ich an all diesen falschen Strukturen gutheißen? An der Kumpanei des Staates mit den Kirchen, an deren beispiellosen Privilegien? Was an einem H.-M.Schleyer, der noch Anfang 1977 öffentlich erklärte, er sei „Deutschnationaler und SS-Offizier“ und darauf stolz. Was an einem globalen Waffenschieber wie F.J.Strauß, nach dem das heutige Bayern Flughäfen benennt?

Erträglicher wurde die BRD erst mit dem Widerstand gegen all diesen autoritären Ungeist, mit der Studentenbewegung, der Frauenbewegung, der Umweltbewegung. Mit dem denkenden Aufstand der Intellektuellen, der Emanzipation gesellschaftlicher Minderheiten. Mit Reformen, nicht zuletzt im Erziehungswesen, mit einem anderen Umgang mit Kindern, mit der Niederwerfung des Untertanengeistes des alten Deutschtums.

Nach diesen Erfahrungen ist der Osten auch beim besten Willen ein bis heute fortwährender Kulturschock. Da hört man pausenlos Geschichten, wie toll es war im Arbeiter- und Bauernstaat. Wie beispielsweise mit jugendlichen Ladendieben umgegangen wurde. Da gab es kein Verfahren, nein, die kamen an den Pranger und mussten samstags Straßen fegen, damit jeder wusste, was sie verbrochen hatten.

Da wird Überwachung und Bespitzelung gepriesen („Sicherheit“) und die Todesstrafe gefordert. Da begegnet man autoritär geprägten Charakterstrukturen, die mich an diejenigen meiner Großelterngeneration erinnern, da tritt einem eine Fremdenfeindlichkeit entgegen, die nicht zu fassen ist. Sie hetzen gegen „Ausländer“, bezeichnen sich im nächsten Satz als “Kommunisten“ und brüsten sich mit ihrer früheren „Staatsnähe“. Schon bei der üblichen Titulierung vietnamesischer Mitbürger wird mir schlecht, ob eines solch dümmlichen Ressentiments.

All das gibt es auch im Westen, wohl war. Aber die dortigen Dumpfbacken sind nicht vier Jahrzehnte zum „proletarischen Internationalismus“ erzogen worden. Bei dem Versuch, Genossinnen und Genossen, muss bei Euch gewaltig etwas schief gelaufen sein. Der DDR wird in vielen Fällen nicht deshalb nachgetrauert, weil sie sozialistisch war, sondern weil dort "Zucht und Ordnung" herrschten. Am entsetzlichsten ist der Umgang mit Kindern. Schulhöfe, auf denen das Personal von früher noch aktiv ist, sind Kasernenhöfe, dem herrischen Gebrüll nach zu urteilen.

Wer will, kaufe sich im Trödelladen mal ein „Fachbuch“ aus den Bereichen Pädagogik, Soziologie, Psychologie, produziert von VEB Sowieso. Jedes dritte Wort: Norm, normativ, normgerecht, normabweichend usw. Jedes dritte Wort! Selbst die Sprache war genormte Formelsprache. Was für ein Traum von einem Leben, sich mit anderen in vorgegebenen Phrasen zu verständigen! Warum nicht zugeben: Ja, Individualität war den Oberen verdächtig, die wollten uns als Abziehbilder ihrer Idee vom proletarischen Rädchen im Getriebe?

Mir ist es egal, woher einer kommt, mich interessiert, was er tut. Ob eine Heli-Mutter ihren Kontrollzwang einer Kaderschulung bei der FDJ verdankt oder der Verklemmtheit eines katholischen Mädchenstifts in Bayern – für das jeweilige Kind ist die eine eine ebensolche Katastrophe wie die andere.

Mit Autoritarismus kann man keine bessere Gesellschaft aufbauen. Auf der einen Seite wurden die Hacken bei Fahnenappellen zusammengeschlagen, auf der anderen züchteten die Männerbünde chauvinistischer Burschenschaften die zukünftigen Law-and-Order-Brigaden heran. Von dem unsäglichen Militaristenzirkus auf beiden Seiten ganz zu schweigen. Am Ende brannten die Häuser in Solingen und sie brannten in Lichtenhagen. Waren die einen Brandstifter besser als die anderen?

Immer schon gab es Renegaten und solche, die dem widerstehen konnten. Aktuell natürlich der Polit-Clown W.Biermann, der vor lauter Hass nicht merkt, welch erbärmliche Nummer er selber abgibt. Er, der die DDR einst so klasse fand, dass er dorthin emigrierte. Vor allem merken weder ein Biermann noch all die vielen Mitläufer auf beiden Seiten, dass sie vom herrschenden Diskurs instrumentalisiert werden. Mehrheits-Minderheitsdiskurse bringen mehr oder minder benachteiligte Gruppen gegeneinander in Stellung. Ost gegen West, Einheimische gegen Zugezogene – vom eigentlichen Konflikt zwischen oben und unten wird dadurch perfekt abgelenkt.

Ernst Bloch, als ein Gegenbeispiel, ein wirklicher Denk-Riese gegen einen Zwerg wie Biermann, wurde zwar von subalternen Kulturfunktionären im Machtrausch aus der DDR vertrieben, blieb aber ein Leben lang Marxist und war auch im hohen Alter noch der menschlichen Emanzipation verpflichtet.

Zum Peinlichsten der deutschen Gegenwart gehört das Unikum der „Linkspartei“, die eine Art Sozialismus ohne Sozialismus will, ihr geht es als Verein der Heimatvertriebenen allein um ihre Pöstchen. Besonders toll, wenn dann in gemessenem Abstand vor einer Wahl wagenknecht'sche Parolen lanciert werden, wie „deutsche Ausbildungsplätze zuerst für deutsche Jugendliche“, um drei Wochen später ebenso kalkuliert zurückgenommen zu werden. Kommt scheinbar so gelehrig daher und ist dabei so durchsichtig und platt. Eine Linke, die rechte Positionen propagiert, ist unerträglich.

Andere unter ihnen sind tatsächlich auf der Suche. Aber bitte, bitte, liebe Freunde, keinen R.Bahro als Stichwortgeber aus dem Untergrund zaubern, ja? Wieviel intellektuelle Verzweiflung muss einen befallen, um einen esoterischen „Fürst der Rettung“ zu erfinden, wie Bahro es tat, nachdem er in der Kinderschänderkommune des mehrfach verurteilten O. Mühl gewesen war. Vielleicht aber, Frau Hensel, gab es da ja unverkrampften Sex?

Was bleibt? Wer die Geschichte menschlicher Emanzipationsversuche studiert, findet viele ernsthafte Bemühungen, von der europäischen Aufklärung bis zu den Veganern. Die politische Linke braucht einen Neuanfang. Manches Werkzeug könnte sie in ihren eigenen Wurzeln finden, die freilich von parteilinkem Ballast befreit werden müssen. Menschen sind keine Maschinen, die sich auf Sozialismus programmieren ließen. Menschen sind ziemlich kompliziert.

Selbst Marx hat dies mitunter gesehen. Er schreibt im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden [immerhin 50 Jahre vor Freud!, GG]. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nie Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole und Kostüm, um in dieser alt ehrwürdigen Verkleidung und in dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen“.

Freud selbst, gewissermaßen, „von der anderen Seite kommend“, wusste sehr wohl um die prägende Kraft gesellschaftlicher Verhältnisse: „Solange sich die Tugend nicht schon auf Erden lohnt, wird die Ethik vergeblich predigen. Es erscheint auch mir unzweifelhaft, dass eine Veränderung in den Beziehungen der Menschen zum Besitz hier mehr bewirken würde als jedes ethische Gebot...[also nichts anderes als die Eigentumsfrage, und bis hierher noch analog zu linken Positionen, GG]...doch wird diese Einsicht bei den Sozialisten durch ein neuerliches idealistisches Verkennen der menschlichen Natur getrübt und für die Ausführung entwertet“. (Sigmund Freud, 1930, Das Unbehagen in der Kultur).

Besser als jede politische Debatte beleuchten Michael Endes berühmte Kinderbücher von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer Möglichkeiten des Umgangs mit dem vermeintlich „Bösen“. 1960 erschienen und als Kinderbuch mit einer schwarzen Hauptfigur ein Politikum in der postfaschistischen BRD, besiegen die Akteure mit ihrer Klugheit und ihrem Großmut die Mächte der Finsternis in deren „Land das nicht sein darf“, als einer Chiffre für den Faschismus. Sie lassen den Drachen „Mahlzahn“ am Leben, und ermöglichen so seine Verwandlung in einen „goldenen Drachen der Weisheit“, der alle Rätsel lösen und alle Fragen beantworten kann. Die Piraten der „Wilden 13“ sehen am Schluss ihre Fehler ein. Sie versenken das Land, das nicht sein darf und erschaffen damit zugleich etwas Neues. Nach Ernst Bloch etwas, „das allen in die Kindheit scheint, und worin noch niemand war: Heimat“.

19:05 08.11.2014
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