#MeToo: Der Fischer und seine "Zeit"

Eine Medienschau Bundesrichter a.D. Thomas Fischer veröffentlichte mehrere Jahre lang eine vielbeachtete Kolumne in der "Zeit".
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Auch vor und nach dem Ende der Serie "Fischer im Recht" gab es von ihm zu verschiedensten Themen Artikel dort zu lesen. Im Folgenden möchte ich mich auf einige Texte beschränken, die ein Schlaglicht auf die Verfasstheit unserer Medien werfen und die hochgeschätzte Pressefreiheit beleuchten.

Oktober

Im Oktober 2017 war zwischen dem Autoren und der "Zeit" noch eitel Sonnenschein zu verzeichnen. Der Artikel "Ich auch! Ich auch!" erschien am 25.10. und wurde 1048 mal kommentiert.

"Die Bewegung "MeToo" hat mit einer Laufzeit von drei Wochen auch Deutschland erreicht. Die Süddeutsche Zeitung, der Spiegel und die ZEIT brachten Sonderberichte, alle anderen bringen täglich ein Foto einer sorgenzerfurchten Schauspielerin (46) in Etui-Kleid (34) und High Heels (10), die es kaum fassen kann. Nachrichten-Formate aller bedeutenden deutschen TV-Sender berichten, Schauspielerinnen mit vergangener, gegenwärtiger oder erhoffter Popularität hätten ihr Schweigen gebrochen und ihre Agenten mitteilen lassen, dass ihnen selbst zwar nichts widerfahren sei, sie aber schon lange ahnten, dass es so etwas möglicherweise geben könne. Vorkämpferinnen haben gar bekannt, dass ihnen vor zehn Jahren bei einer Preisverleihung ein greiser Großschauspieler die Hand auf eine Hinterbacke legte, sie sich anschließend aber gleichwohl lächelnd mit ihm durch den Abend herzten, weil sie einfach zu traumatisiert waren, um die Gala zu stören. Auf einem Dutzend Online-Kanälen bekennen Personen, was sie selbst oder Dritte bisher verschwiegen oder verdrängt haben: dass sie Opfer sind. Kurz gesagt: Das Showbiz ist, wie Bild schon immer wusste, ein knallhartes Sexpflaster."

November

Am 10.11. erscheint der nächste Artikel "Mr. Spacey und wir", wiederum 1025 mal kommentiert.

"Die derzeit geschäftsführende Bundesfamilienministerin Katarina Barley forderte in einem Interview vor zwei Wochen: 'Was körperliche Übergriffe angeht, wie Hand aufs Knie legen, sollten wir juristisch schärfer werden.' Sie berichtete, es gebe 'bei offiziellen Fototerminen schon den einen oder anderen, der bei der Umarmung oder wenn man eng beieinandersteht, seine Hand mal länger auf der Taille lässt oder fester zugreift.'

Dieselbe Ministerin hat im Juni 2016 gemeinsam mit 600 anderen Abgeordneten ein Strafgesetz 'zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung' verabschiedet. Es ist vor genau einem Jahr in Kraft getreten… Unsere amtierende Bundesministerin forderte also ein Gesetz, das sie selbst bereits mitbeschlossen hat und das seit einem Jahr in Kraft ist. Fast die gesamte Presse hat darüber berichtet, ohne dass einem der tief betroffenen Fachjournalisten aufgefallen wäre, dass 'Hand-aufs-Knie-Legen' bereits strafbar ist."

Dieser wird sogar noch von der stellvertretenden Chefredakteurin Sabine Rückert mit einem eigenen Artikel gestützt. In "Soll das Journalismus sein?" kritisiert sie einen auf ZON erschienenen Artikel.

"Allerdings nennt die Autorin weder Ross noch Reiter. Dafür stellt sie eine Drohung in den Raum: 'Ihr wisst ja, wer Ihr seid', heißt es da unverhohlen an die Adresse der Gemeinten. Und ihr Postulat: 'Ich will, dass Ihr wisst, dass Ihr Euch ändern müsst.' Sonst – was, Kollegin Würfel? Sonst machen Sie irgendwelche Namen öffentlich? Mit welchem Recht? Und wo? In der ZEIT?"

Dezember

Auch im Dezember erscheint an prominenter Stelle ein Artikel "Im Medienrausch der Sexismus-Debatte" (945 Kommentare)

"Mit sich allein, zugleich aber einer sich permanent überschlagenden öffentlichen Kommunikation ohne Grenzen und Strukturen ausgeliefert zu sein ist ein exzellenter Nährboden für Dramatisierung, Vereinfachung und Verkennung. Das Leitbild, das die alarmistische Opferschutz-Bewegung von den Frauen in der modernen Welt zeichnet, ist überaus zwiespältig und fragil. Erwachsene, selbstbewusste, gesunde Menschen werden behandelt wie kranke Kinder, die rundum und in jeder Lage 'geschützt' werden müssen (von wem auch immer), denen auf rätselhaft historisch-'genetische' Weise ein Opferstatus zukommt und die über die Verwirklichung ihrer Sexualität nur noch mit sich selbst oder ihresgleichen sprechen können."

Januar

Der letzte Artikel von Fischer in der "Zeit" erscheint, editiert am 22.12.2017, "Das Jüngste Gericht". Inzwischen haben Journalistinnen der "Zeit" in monatelanger Recherche das Material für eine Artikelserie zum "Fall Wedel" zusammengetragen, deren erste Folgen am 03.01. ("Im Zwielicht")und 24.01.2018 ("Der Schattenmann")erscheinen. Die fundierte Kritik von Thomas Fischer erscheint jedoch nicht mehr in der "Zeit". Sein Artikel "Das Sternchen-System" vom 29.01.2018 ist im Internet zu finden und beginnt mit dem Satz "Eine Zeitungs-Redaktion hat nicht über Schuld und Unschuld eines Verdächtigen zu entscheiden". Schon das ist dem Flaggschiff des deutschen Qualitätsjournalismus zu viel. Damit weisen die Macher der "Zeit" aber auch jede Mitverantwortung weit von sich, die im letzten Absatz geäußert wird.

"Nicht „die Bosse“, sondern die Medien haben die Erniedrigungs-Maschine erfunden, genutzt und aktiv betrieben. Sie haben die „Sternchen“, deren emotionale oder finanzielle Abhängigkeit und Gefügigkeit sie zum eigenen Ruhm aus dem Dunkel der Vergessenheit ziehen, höchstselbst in dieses Dunkel getrieben. Das „System“, welches sie zu entlarven behaupten, sind sie selbst. Auch deshalb erzeugt die atemlose Präsentation der Entlarvung ein ungutes Gefühl."

Februar

Wie weit das Zerwürfnis geht, zeigt der bisher letzte Artikel von Thomas Fischer. In "Dieter Wedel, Die Zeit und der „Kameltester“" zeigt er detailliert wie sich der Chefredakteur und seine Stellvertreterin immer noch für die Aufdeckung der "Affäre Wedel" stark machen und dabei "vergessen", vor der eigenen Haustür zu kehren.

"Ich bleibe dabei: Der „Fall Wedel“ wird in seiner Bedeutung überschätzt. Das Tribunal, dessen vernichtendes Ergebnis allseits schon festzustehen scheint und das von der Zeit-Redaktion sogar immer wieder ausdrücklich als Voraussetzung (!) der Veröffentlichung genannt wird („wir halten die Frauen für glaubhaft; deshalb berichten wir“), ist auf Maßlosigkeit angelegt. Es löst die Abgrenzungen zwischen Straftaten und Belästigungen, krimineller Energie und Alltag, Personen und Systemen auf und romantisiert die „Aufdeckung“ längst verjährter (angeblicher) Straftaten zum Dienst an einer besseren Welt.

Die Motive der Protagonisten halten dem Anspruch des Edelmuts nicht stand: Wenn es nicht darum geht, Herrn Wedel ins Gefängnis zu bringen, weil er vor 25 Jahren vielleicht eine Straftat begangen hat, sondern nur um eine Enthüllung eines „Systems“, das es offenkundig heute gar nicht mehr gibt, dann zahlt Wedel mit seiner sozialen Vernichtung einen hohen Preis für die Demonstration des guten Gewissens von Redaktionen, die zugleich ihre eigenen „Kameltester“ schützen und einstweilen weiter über die wunderschönen Frauen auf den roten Teppichen der Welt berichten."

Er schließt mit dem Absatz, der über jedem "MeToo-Artikel" stehen sollte.

Strukturen“ der Macht, der Erniedrigung, der Ausbeutung, der Einschüchterung sind allgegenwärtig. Sie werden von Männern und Frauen getragen: In Unternehmen, Verwaltungen, Organisationen. Sie beherrschen die Welt und sorgen dafür, dass ein Viertel der Menschen auf Kosten der Übrigen drei Viertel im Überfluss leben. Daran zu erinnern sollte zulässig sein, selbst wenn es – zugegebenermaßen – nicht unmittelbar mit der Anzahl der Kamerafrauen beim ZDF zu tun hat."

Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Das stand in dem Artikel "Abschied von Paul Sethe" von Rudolf Augstein am 30.06.1967 in der "Zeit".

18:35 29.04.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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