Schwedischer Sonderweg vs. deutsche Strategie

In vielen Diskussionen wird vom schwedischen Sonderweg gesprochen ohne ihn zu beschreiben. Deutsche Wissenschaftler haben sich mit einer umsetzbaren Stretegie zu Wort gemeldet.
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In einem Interview sagt Anders Tegnell, Staatsepidemiologe der Schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit in Schweden, dass es nie das Ziel war, die Durchseuchung der schwedischen Bevölkerung und damit Grundimmunität zu erreichen. Stattdessen sollte mit einem Bündel von Maßnahmen, wie in anderen Staaten auch, und insbesondere mit der freiwilligen Mitwirkung der Bürger eine Überlastung des Gesundheitssystems vermieden werden. Dieses Ziel ist bisher erreicht worden. Dafür wurden Schulen und Universitäten geschlossen, größere Veranstaltungen verboten und Abstandsgebote erlassen. Die schwedische Bevölkerung trägt diese Maßnahmen weitgehend klaglos mit. Dafür ist die schwedische Wirtschaft nach Auskunft der Riksbank um 11 % eingebrochen. Kinobesuche und die Teilnahme an Sport- sowie anderen Veranstaltungen sind um 90 % eingebrochen. Der Umsatz in den geöffneten Geschäften ist um 70 % gesunken und die Auslastung der Hotels liegt bei 10 %. Auf die hohe Anzahl der Todesfälle eingehend sagte Tegnell, dass insbesondere beim Schutz der Altenheime Fehler gemacht worden sind. Die Hälfte aller Todesfälle ereignete sich dort.

Deutschland hat mit seinem moderaten Shutdown nur ein Drittel der Todesrate gegenüber Schweden, Norwegen nur ein Sechstel. Da Schweden nach Tegnells Worten den gleichen Grad der Verbreitung des Virus wie andere europäische Länder erreicht hat und eine Ausrottung des Virus ohne Impfstoff nicht möglich ist, sollen die schwedischen Maßnahmen gewährleisten, dass das Land eine lange Zeit diese Situation managen kann.

Wenn die Strategie weiterverfolgt wird und kein Impfstoff zur Verfügung steht, wird einerseits der wirtschaftliche Schaden sehr hoch sein und andererseits die Zahl der Menschenleben, die das kostet weiter steigen. In einer Studie, die zum peer review freigegeben ist, wird beziffert, dass Männer, die an oder mit Covid-19 gestorben sind durchschnittlich 14 und Frauen 12 Lebensjahre verloren haben. In der Studie wird das nach Alter und Vorerkrankungen aufgeschlüsselt.

In Deutschland ist von den Wissenschaftlern der 4 großen außeruniversitären Forschungsorganisationen - Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft – nach der Evaluation möglicher Wege aus der Krise eine adaptive Strategie vorgeschlagen worden. In dem Dokument heißt es wörtlich:

  • "Komplette Eradikation oder zügige Durchseuchung erscheinen derzeit nicht praktikabel. Die vollständige Eradikation („Ausrottung") des Virus ist im Prinzip möglich, bedarf aber internationaler Koordination und großer Anstrengung. Eine solche weltweite Eradikation ist zeitnah nicht erreichbar. Eine zügige Durchseuchung impliziert eine massive Überlastung unseres Gesundheitssystems und entsprechend viele vermeidbare Todesfälle. Keines der beiden Szenarien stellt daher eine gangbare Option dar.
  • Für eine kontrollierte Durchseuchung der Bevölkerung müssten kontakteinschränkende Maßnahmen sehr lange aufrecht erhalten werden. Das Szenario einer kontrollierten Durchseuchung setzt darauf, dass eine hinreichend große Durchseuchung der Bevölkerung so schnell erreicht werden soll, wie es die Kapazität des Gesundheitssystems zulässt. Unsere Modelle stimmen darin überein, dass sich dies selbst bei optimistischen Schätzungen der Dunkelziffer über Jahre hinziehen und viele Tote erfordern würde. In diesem Szenario müssen weiterhin harte Einschränkungen aufrecht erhalten und ständig so korrigiert werden, dass R um 1 und somit N dauerhaft knapp unter der Belastungsgrenze des Gesundheitssystems bleibt. Die verzögerte Beobachtung von N und R macht die rechtzeitigen Korrekturen der politischen Maßnahmen sehr schwierig, das Risiko einer unvorhergesenen Überlastung des Gesundheitssystems wäre also andauernd gegeben. Die lange Dauer und die schwierige Steuerung machen dieses Szenario unrealistisch.
  • Die langfristigen Auswirkungen einer COVID-19-Erkrankung auf die Gesundheit sind noch unbekannt. So gibt es Hinweise, dass nicht nur die Lunge, sondern im Rahmen von Mikrozirkulationsstörungen viele Organe (z.B. Herz, Niere, Gastrointestinaltrakt, Gehirn) betroffen sein können. Die kommenden Monate und Jahre werden hier mehr Klarheit schaffen. Dazu wären longitudinale Studien erforderlich, die wiederholt die Betroffenen hinsichtlich möglicher Spätfolgen untersuchen. Sollten sich diese Hinweise bestätigen, wäre von einer Durchseuchung der Bevölkerung zusätzlich abzuraten…"

Aus diesen und anderen Gründen entwickelten sie folgende Strategie:

"Die Betrachtung aus Sicht der theoretischen Epidemiologie favorisiert eine adaptive Strategie: Ausweitung von Testing- und Tracing-Kapazitäten zusammen mit der adaptiven Steuerung von Kontaktbeschränkungen. Ziel dieser adaptiven Strategie ist es, die Fallzahlen so weit zu senken, dass die verbleibenden Fälle zurückverfolgt und kontrolliert werden und wir so zu einem normalen gesellschaftlichen Leben zurückkehren können…

Die Modelle beinhalten drei Säulen von strukturellen Maßnahmen, die die Eindämmung gewährleisten können:

  1. Hygienische Maßnahmen, wie z.B. Mundschutz in Geschäften und öffentlichen Plätzen oder Desinfektionsstationen, um Infektionen durch unerkannte Träger zu reduzieren.
  2. Testing- und Tracing-Kapazitäten, um lokale Infektionsherde früh zu erkennen, Fälle zu isolieren, enge Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen, vorsorglich zu quarantänisieren und so Ansteckungsketten zu unterbrechen.
  3. Adaptive Steuerung von flankierenden kontakteinschränkenden Maßnahmen, um einen erneuten Anstieg der Neuinfektionen zu verhindern."

Da sie in der Vorbetrachtung schreiben: "Wir können und wollen ausdrücklich keine Güterabwägung treffen. Wir hoffen, dass unsere Zusammenfassung dazu beiträgt, in einem interdisziplinären Austausch eine gangbare Strategie zu finden, die von der Gesellschaft als Ganzes getragen wird." liegt jetzt der Ball bei der Politik, die Voraussetzungen für die Implementierung zu schaffen und schnellstmöglich eine Zahl der Neuinfektionen zu nennen, ab der die Phase 2 und damit ein halbwegs normales Leben für die Bevölkerung eingeleitet werden kann. Die bedingungslose Beendigung des Shutdown, wie sie von manchen wegen der Einschränkung der Grundrechte gefordert wird, würde dagegen mit hoher Sicherheit zu einem erneuten Aufflammen der Epidemie und vielen weiteren Todesopfern führen.

10:25 04.05.2020
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