Biotierhaltung ist besser? Von wegen…

Biotierhaltung Auf der Internationalen Grünen Woche 2015 präsentiert sich die Biolandwirtschaft unter dem Motto „Mehr Platz zum Leben“. Doch was ist an diesem Versprechen wirklich dran?
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Auf der Internationalen Grünen Woche 2015 präsentiert sich die Biolandwirtschaft unter dem Motto „Mehr Platz zum Leben“ in der Bio-Halle 1.2. Das Informations- und Unterhaltungsprogramm der Bioverbände Biokreis, Bioland, demeter und Naturland soll zeigen, „was bei Bio anders ist“.

„Mehr Platz zum Leben“ – das Motto suggeriert bessere Bedingungen, eben mehr Platz für die Tiere. Es wird von achtsamem Umgang mit unseren Mitgeschöpfen gesprochen und das Tierwohl besonders in den Fokus gerückt. Es wird immer wieder betont, dass es den Tieren zu Lebzeiten besonders gut gehe, dass jede_r Milch, Eier und Fleisch ohne schlechtes Gewissen konsumieren könne. Der Vergleich mit der konventionellen Haltung ist für diese Darstellung zentral: Da gehe es den Tieren schlecht, bei Bio sei aber alles viel besser. Die einzelnen Bioverbände wie demeter, Bioland und Naturland behaupten dann jeweils für sich, es nochmal besonders gut zu machen und sogar die EG-Bio-Richtlinien zu übertreffen. Aber stimmt das wirklich? Wie viel Wahrheit steckt in dem Slogan „Mehr Platz zum Leben“? Ist das Platzangebot bei konventioneller, EG-Öko und der Bio-Verbands-Tierhaltung wirklich so wesentlich verschieden? Wir haben uns die entsprechenden Richtlinien mal etwas genauer angesehen.

Das Platzangebot zwischen konventioneller und EG-Öko-Tierhaltung unterscheidet sich tatsächlich – wirklich besser sind die Bedingen jedoch nicht, eher ein bisschen weniger schlimm.

Beispiel: „Mastschweine“ und „Legehennen“

Ein 110 kg Schwein in konventioneller Haltung hat Anspruch auf 1 m2 Lebensraum, typischerweise auf Vollspaltenböden. Das EG-Öko-Schwein bekommt 1,5 m2 Innenfläche zugesprochen, die nur bis maximal zur Hälfte perforiert sein darf. Zusätzlich stehen ihm 1,2 m2 Außenfläche zur Verfügung. Das ist rein rechnerisch mehr als doppelt so viel Platz für das Bioschwein. In Anbetracht des natürlichen Bewegungsbedürfnisses und der Neugier von Schweinen ist es allerdings immer noch sehr, sehr wenig Platz. Ebenso wie in der konventionellen Haltung haben Bioschweine noch nicht einmal genügend Platz, um Kot- und Liegeflächen zu trennen.

Und wie sieht eigentlich diese Außenfläche aus, auf die Bio-Schweine laut Verordnung Anspruch haben? § 14 (1) der Durchführungsbestimmungen der EG-Öko-Verordnung besagt, neben den Platzangaben zu der Freifläche für Schweine, lediglich: „Freigelände kann teilweise überdacht sein.“ In der Praxis handelt es sich dann meist um eine fade Betonfläche mit etwas Stroh zum Wühlen, denn laut § 11(6) muss „Schweinen … Bewegungsflächen zum Misten und zum Wühlen zur Verfügung stehen. Zum Wühlen können verschiedene Substrate verwendet werden.“ Da steht also nichts von Wiese, Erde, Wald oder Schlamm zum Wühlen. Da muss Stroh auf Beton reichen.

Während sich konventionelle „Legehennen“ in Bodenhaltung zu neunt auf einem Quadratmeter tummeln, sind es nach EG-Öko-Verordnung sechs Hühner pro Quadratmeter, zuzüglich 4 m2 Außenfläche pro Huhn. Laut EG-Öko-Verordnung muss, „Freigelände für Geflügel … überwiegend aus einer Vegetationsdecke bestehen und Unterschlupf bieten“, da die Tiere sich, aus Angst vor Fressfeinden, nicht aus dem Stall trauen würden. In der Realität bietet diese Außenfläche oftmals jedoch keine ausreichenden Verstecke und die Tiere bleiben den ganzen Tag in den überfüllten Ställen. Rechtlichen Anspruch auf Freigelände haben sie eh nur „während mindestens eines Drittels ihrer Lebensdauer“. Für die Legehennenaufzucht, in der die Tiere heranwachsen werden, bis sie das Alter erreicht haben, ab dem sie Eier legen, gibt es überhaupt keine eigenen Vorgaben. Dort verbringen auch zukünftige Bio-Legehennen 12 Wochen eigesperrt in einem Stall, ohne Freigang.

Die maximalen Besatzgrößen pro Stallbereich für EG-Öko-Legehennen sind mit 3.000 Tieren zwar niedriger als für konventionelle Bodenhaltung für Legehennen (6.000). Und während die Stallgröße in der konventionellen Masthühnerhaltung nicht begrenzt ist, dürfen laut EG-Öko-Verordnung nur 4.800 Tiere pro Stallbereich gehalten werden. Für Hühner, die Sozialstrukturen nur in Herden mit maximal 100 Tieren ausbilden können, macht es aber sicher kaum einen Unterschied, ob sie sich ein Stallabteil mit 5.999 oder 2.999 Artgenossen teilen.

Soweit, so teilweise bekannt.

Alles anders bei Bioland, Naturland und demeter?

Die Bio-Verbände, darunter ganz vorn Naturland, Bioland und demeter, suggerieren ein „noch mehr“ an Tierwohl. Bioland verkündet auf Werbebroschüren: „Einfach Bio reicht uns nicht“. Auf der Homepage steht dann ganz konkret, bezogen auf die Tierhaltung:„Unsere Richtlinien gehen deutlich über die EU-Biorichtlinien hinaus.“ Naturland behauptet ebenfalls: „Naturland Bauern und Verarbeiter arbeiten mit höchsten ökologischen Standards, die strenger sind als die des Bio-Siegels.“ Und demeter macht zwar keine Vergleiche, rühmt sich aber, „wesensgemäße Tierhaltung“ umzusetzen, was noch besser sei als bloß artgerechte, die sich ja alle Bio-Verbände auf die Fahnen schreiben.

Umso mehr staunt man, wenn man sich die Erzeuger-Richtlinien der Bio-Verbände (Bioland, Naturland, demeter) anschaut und diese mit den EG-Öko-Vorschriften vergleicht.

Für „Mastschweine“ und „Masthühner“, „Legehennen“ und „Milchkühe“ sind die Vorgaben von Bioland und Naturland, was das Platzangebot angeht, identisch mit den EG-Öko-Vorschriften. Auch das Naturland- und Bioland-Schwein hat also, wie das EG-Öko-Schwein, nur 1,2 m2 betonierte Außenfläche zusätzlich zu den 1,5 m2 zugekoteter Innenbucht.

Auch die Hühner, die für Bioland und Naturland Eier legen, teilen sich zu sechst einen Quadratmeter Stallfläche und haben Anspruch auf 4 m2 Außenfläche pro Huhn. Auch die maximalen Besatzgrößen pro Stallbereich für Legehennen (3.000) und Masthühner (4.800) sind identisch mit den EG-Öko-Vorgaben. Und Bio-Milchkühe, einschließlich Bioland und Naturland, haben in Boxenlaufställen 6 m2 und dann nochmal 4,5 m2 Außenfläche zur Verfügung – im Vergleich zu 4,5 m2 für konventionelle Kühe.

Nochmal zur Erinnerung: Bioland schreibt auf der eigenen Homepage „Unsere Richtlinien gehen deutlich über die EU-Biorichtlinien hinaus.“ In einem, ebenfalls auf der Homepage zu findenden Vergleich der eigenen und der EG-Öko-Richtlinien, führt Bioland aber selbst die ganzen drei (!) Punkte auf, in denen sie sich, bezogen auf die Tierhaltung, von EG-Öko unterscheiden. Es sind weniger Tiere pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche erlaubt (damit es nicht zu einem Nährstoffüberschuss kommt, der zur Belastung von Luft und Wasser führt), es gibt Richtlinien für die Junghennenaufzucht (also die Hühner, die noch keine Eier legen, aber später als „Legehennen“ benutzt werden) und Medikamente dürfen nur in Ausnahmefällen gegeben werden. Und damit wollen sie deutlich besser sein als die EG-Öko-Vorschriften? Die Tiere merken davon jedenfalls nichts.

Bei demeter schließlich wird es vollends kurios. Deren Erzeugerrichtlinen enthalten nämlich gar keine konkreten Angaben zur Schweine- und Rinderhaltung. Auch auf mehrmalige Anfrage, wurden die uns nicht zugeschickt. Lediglich genaue Angaben zur Geflügelhaltung sind zu finden. Die unterscheiden sich aber auch nicht wirklich von den Richtlinien anderer Verbände. So sind 6 demeter-Legehennen auf Gitter, Rost- und Scharrflächen und 8 Tiere in Ställen mit integriertem Außenklimabereich erlaubt (EG-Öko: 6 Legehennen pro Stallquadratmeter). Und bei demeter-Mastgeflügel sind 4,4 Hühner im Mehrklimazonenstall und 8 Hühner im Warmklimastall pro m2 erlaubt, im Vergleich zu 10 Hühnern bei Bioland, Naturland und EG-Öko-Verordnung. Inwiefern soll also hier „wesensgemäße Tierhaltung“ vorliegen – und nicht bloß, wie überall, Tierausbeutung zu menschlichen Zwecken?

Aber nicht nur das Platzangebot für die Tiere, auch weitere Vorgaben lassen keine großen Unterschiede zwischen EG-Öko und den Bio-Verbandsrichtlinien erkennen.

Fixierung in Abferkelboxen

In der konventionellen Schweinezucht dürfen Zuchtsauen, die als Gebärmaschinen benutzt werden, fast die Hälfte ihres Lebens in Kastenständen und Abferkelgittern fixiert werden. Aus rein ökonomischen Gründen. So können die Sauen leichter besamt und die Ferkel angeblich nicht erdrückt werden. In der Praxis werden sie trotzdem teilweise erdrückt, da die Sau eben so fixiert ist, dass sie in ihren wenigen möglichen Bewegungen keine Rücksicht auf die Ferkel nehmen kann. Die Kastenstandshaltung ist in der Biotierhaltung nicht erlaubt. Aber nach EG-Öko-Vorgaben dürfen die Zuchtsauen 1 Woche vor bis 3 Wochen nach dem Geburtstermin in Abferkelgittern fixiert werden. Und bei den Bio-Verbänden? Laut Bioland ist das Fixieren „bei Problemsauen während und nach dem Abferkeln möglich.“ Bei Naturland ist es „nur für wenige Tage“ erlaubt. Man beachte bei beiden Verbänden das Fehlen einer konkreten Zeitangabe – fixiert werden die Sauen aber trotzdem.

Eingriffe am Tier

Das Kupieren der Schwänze, das Kastrieren und das Abschleifen der Eckzähne bei Schweinen, das Enthornen bei Rindern und das Kürzen der Schnäbel bei „Legehennen“ zählt zu den Standardverfahren in der konventionellen Tierhaltung, obwohl das Tierschutzgesetz solche Eingriffe laut §6 nur im Einzelfall erlaubt. Damit sollen u.a. Verletzungen, die sich die Tiere durch Verhaltensstörungen auf Grund der katastrophalen Lebensbedingungen zuziehen, verhindert werden. Man nimmt gern an, bei Bio würde das nicht gemacht. Aber weit gefehlt:

Auch die EG-Okö-Verordnung besagt: „Eingriffe … dürfen in der ökologischen/biologischen Tierhaltung nicht routinemäßig durchgeführt werden. Aus Sicherheitsgründen oder wenn sie der Verbesserung der Gesundheit, des Befindens oder der Hygienebedingungen der Tiere dienen, können einige dieser Eingriffe von der zuständigen Behörde jedoch fallweise genehmigt werden.“ Die Genehmigungspraxis für solche „Einzelfälle“ ist aber nicht deutlich anders, als bei konventionellen Betrieben. Ganze Ställe gelten dann als Einzelfall und Eingriffe am Tier sind Standard. Bei Bioland und Naturland sieht es quasi identisch aus. Da heißt es: „Eingriffe an Tieren dürfen nicht systematisch durchgeführt werden.“ Bei demeter heißt es erst mal ganz allgemein „dürfen die Tiere nicht an ein Haltungssystem angepasst werden (z.B. durch Enthornung oder Schnabel kürzen)“. Später findet sich aber in den Richtlinien „Das Enthornen von Tiere ist nicht zugelassen. Enthornte Tiere dürfen nicht gehalten werden. Außnahmen sind im Einzelfall mit ANG [Ausnahmegenehmigung] des demeter e.V. möglich.“

Eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen Vorgaben für die Haltung von Schweinen, Hühnern und Rindern findet ihr in dieser Tabelle.

Resümee

Doch auch in den Betrieben, wo Kühe mit Hörnern, Hennen mit ganzen Schnäbeln und Schweine mit Ringelschwänzen gehalten werden, auch dort, wo die Tiere doch mehr Platz haben als in den Richtlinien vorgeschrieben, auch dort bleiben sie Waren und Produktionsmittel, auf deren Bedürfnisse nur dann und nur insoweit Rücksicht genommen wird, wie es sich bezahlt macht. In jeder Biotierhaltung werden die Tiere eingesperrt, zwangsgeschwängert, verzüchtet, Mutter und Kind kurz nach der Geburt getrennt und nach einem kurzen Leben brutal getötet.

Wer genau hinschaut, der erkennt, es bleibt nicht viel übrig vom Versprechen: „Mehr Platz zum Leben“. Wem es wirklich um Tierwohl geht, der lebt vegan und konsumiert keine tierlichen Produkte. Und genau hinschauen - das sollte man bei allen Veranstaltungen der Grünen Woche.

16:42 24.11.2014
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