Die Tränen der Hillary Clinton

Terrorismus Der deutsche Online-Journalismus gebiert mitunter Artikel, deren Konsistenz dem Gehalt und der Funktion von Instant Suppen gleicht .
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Schnell gemacht, wenig Inhalt, aufgepeppt durch Zusatzstoffe, die die Schwäche des Produkts übertünchen sollen. Letzte Woche äußerte sich die scheidende US-Außenministerin Hillary Clinton im Kongress zu dem Angriff auf das Konsulat in Bengasi, bei dem am 11.9.2012 vier Amerikaner ums Leben kamen. Tageschau.de untertitelte ein Photo der Außenministerin folgendermaßen:

"Auf Vertuschungsvorwürfe reagierte Clinton mit Wut, bei der Erinnerung an die Opfer kamen ihr Tränen." http://i48.tinypic.com/28qj2v.jpgDiese Bildunterschrift wurde mittlerweile entfernt, im Text liest sich jedoch nach wie vor:

" Tränen für die Opfer: Clinton kämpfte mit den Tränen, als sie schilderte, wie sehr sie die Tötung des amerikanischen Botschafters Stevens und weiterer drei US-Bürger persönlich getroffen habe."

Vermutlich hatte sich der verantwortliche Redakteur an dieser Reuters-Meldung orientiert:http://i47.tinypic.com/2jfi2jb.jpg Darüberhinaus ist dem ARD Text folgendes zu entnehmen:

" An dieser Stelle wurde die ansonsten souverän und ruhig antwortende Außenministerin wütend: " Ob es ein Protest oder ein gezielter Anschlag war - welchen Unterschied machte es zu diesem Zeitpunkt? "

Zum Zeitpunkt des Todes der vier Amerikaner machte es womöglich keinen Unterschied. Clinton's Bemerkung bezog sich jedoch auf den aktuellen Zeitpunkt ihrer Anhörung und lautete im Original folgendermaßen:

" The fact is we had four dead Americans. Was it because of a protest? Or was it because of guys out for a walk one night who decided they'd go kill some Americans? What difference, at this point, does it make ? "

Zurück zu den Tränen der Außenministerin. Die Welt titelte:

"Clinton den Tränen nah bei Bengasi-Aussage"

Im Text wurde dies relativiert:

" Während ihrer Aussage schien Clinton kurzzeitig den Tränen nahe, als sie über ihre Begegnungen mit Hinterbliebenen sprach."

Clinton erwähnte übrigens lediglich eine Begegnung mit den Hinterbliebenen:

" I stood next to President Obama as the Marines carried those flag-draped caskets off the plane at Andrews. I put my arms around the mothers and fathers, sisters and brothers, sons and daughters and the wifes left alone to raise their children." (Video)

Auch Zeit Online bestätigte die Emotionalität der Außenministerin:

" Unter Tränen die Verantwortung übernommen. (...) Ein anderes Mal hatte Clinton Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken. Sie war gut mit dem ermordeten Botschafter befreundet. Selbstverständlich übernehme sie die Verantwortung für diese Tragödie, schluckte Clinton schwer. Nichts habe sie persönlich mehr getroffen, als die Särge der Toten in Empfang zu nehmen."

Schwer zu schlucken diese inhaltlich falsche Stilblüte oder kann irgendwer den Halbsatz " nichts hat mich mehr getroffen, als die Särge der Toten in Emfang zu nehmen " im Originaltext von Clinton erkennen? Zwischendurch bemerkt: Ja, sie hat tatsächlich die volle Verantwortung übernommen. Wofür eigentlich? Wofür trägt sie nun die Verantwortung ? Für die Hinterbliebenen der Opfer? Zurück zu den Tränen, die im Übrigen nicht geflossen sind, wie die Videoaufnahmen zweifelsfrei belegen. Die Bildzeitung des Bildungsbürgertums geht in die Vollen:

" Dann wird es emotional. Clintons Stimme bricht weg, sie unterdrückt die Tränen, als sie vom ermordeten Botschafter Christopher Stevens erzählt, den sie immerzu freundschaftlich nur "Chris" nennt. "Ich habe neben Präsident Obama gestanden, als die Särge aus dem Flugzeug gezogen wurden; ich habe Mütter und Väter, Schwestern und Brüder, Söhne und Töchter umarmt." Man hat Hillary Clinton in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren selten so erschüttert gesehen.(...) Doch es dauert nur Augenblicke, da schaltet sie von Trauer auf Verteidigung um: Nein, sie habe nichts von den Sicherheitsmängeln in Libyen gewusst, ihr seien die entsprechenden Berichte nicht zugeleitet worden. Clinton, das ist offensichtlich, ist keine Ministerin auf Abschiedstour, die Frau hat noch etwas vor."

Liebe Freunde bei SPON: Zitate ("as the Marines carried those flag-draped caskets off the plane at Andrews") sollten in akkuraten Übersetzungen möglichst exakt sein, es handelt sich schließlich um die Weltsprache Englisch und nicht um Persisch.

Clintons Stimme brach nicht weg, die Frequenz veränderte sich lediglich während sie den Text ablas. Ob Clinton Tränen unterdrückte ist reine Spekulation. Ob sie innerhalb von Augenblicken von Trauer auf Verteidigung umschalten kann, weil sie noch etwas vor hat (Präsidentschaftsamt USA) ist eine Theorie, die ich nicht weiter kommentiere.

Ich möchte Frau Clinton keine emotionale Kälte unterstellen. Vielleicht fühlte sie in diesem Moment tatsächlich Mitleid mit den Opfern des Anschlages. Gleichzeitig frage ich mich, wie ein Politprofi die zahllosen Opfer des sogenannten "Global War on Terrorism" überhaupt emotional verarbeiten kann. Damit meine ich nicht nur die gefallenen, suizidierten US-Soldaten, sondern auch die vielen zivilen Toten in muslimischen Ländern, die den geostrategischen Interessen der USA und ihrer Verbündeten zum Opfer fielen.

Gab es je Worte des Bedauerns oder Tränen in Anbetracht der Tatsache, dass US-Soldaten Kugeln aus den Körpern getöteter, schwangerer Afghaninnen entfernten, um einen nächtlichen Überfall zu vertuschen?

Das zentrale Problem all dieser Artikel ist nicht die überzogene Emotionaliserung, sondern die Fakten, die schlicht von der deutschen Presselandschaft ignoriert werden.

Der in Bengazi angegriffenen Botschaft war ein Gebäude angegliedert, dass CIA-Mitarbeiter und sog. "private contractors" beherbergte, die laut offizieller Leseart mit der Überwachung bewaffneter Militante beauftragt war. Diese Tatsache und weitere Hintergründe sollten der Öffentlichkeit verborgen bleiben:

"Among the more than two dozen American personnel evacuated from the city after the assault on the American mission and a nearby annex were about a dozen C.I.A. operatives and contractors, who played a crucial role in conducting surveillance and collecting information on an array of armed militant groups in and around the city.(...) Spokesmen for the C.I.A., the State Department and the White House declined to comment on the matter on Sunday. Within months of the start of Libyan revolution in February 2011, the C.I.A. began building a meaningful but covert presence in Benghazi, a locus of the rebel efforts to oust the government of Colonel Qaddafi.Though the agency has been cooperating with the new post-Qaddafi Libyan intelligence service, the size of the C.I.A.’s presence in Benghazi apparently surprised some Libyan leaders." New York Times

"As early as February 2008, Vice Admiral Robert T Moeller was saying that AFRICOM's mission was to protect "the free flow of natural resources from Africa to the global market"; yes, he did make the crucial connection to China, pronounced guilty of " challenging US interests". (...) As blowback goes, this is just the hors d'oeuvres. And it won't be confined to Mali. It will convulse Algeria and soon Niger, the source of over a third of the uranium in French nuclear power plants, and the whole Sahara-Sahel. So this new, brewing mega-Afghanistan in Africa will be good for French neoloconial interests (even though Hollande insists this is all about "peace"); good for AFRICOM; a boost for those Jihadis Formerly Known as NATO Rebels; and certainly good for the never-ending Global War on Terror (GWOT), duly renamed "kinetic military operations". Asia Times

"News Outlets Held Back Detail Of Benghazi Attack At CIA's Request. (...) Some news organizations, including the Associated Press, The New York Times and The Washington Post, already knew that the two former SEALs -- Tyrone Woods and Glen Doherty -- were working for the CIA and had agreed not to publish the information at the government's request, (...) Over the past six weeks, the Benghazi compound has been primarily described as a consulate or diplomatic mission, even though it's now being reported that just seven of the more than 30 people evacuated from the city were working for the State Department. As The Wall Street Journal wrote Thursday night, "the U.S. effort in Benghazi was at its heart a CIA operation." And now it's clear the former SEALs killed that night were not part of a security detail for U.S. Ambassador Christopher Stevens, who also died in the attack, but were working for the CIA -- a fact that, if presented earlier, might have helped reframe the murky narrative from an attack on a diplomatic mission to an attack on a location primarily used for intelligence gathering." Huffington Post "

Benghazi - as well as the middle of the desert backwater Darnah - fueled the NATO rebel war in Libya with countless Salafi-jihadis, including those directly linked to al-Qaeda via the "former" Libya Islamic Fighting Group (LIFG).There is no question that ambassador Chris Stevens was in close contact with this powerful "rebel" strand - including Islamist superstar Abdelhakim Belhadj. After Colonel Gaddafi was captured, sodomized and killed by the "rebels" - with ample previous support of American missiles and Qatari Special Forces on the ground - Libyan Islamists, with Belhaj on the forefront, started to smuggle fully weaponized Salafi-jihadis for the Syrian rebels fighting the Assad government." Asia Times "

Abdel Hakim Belhadj is a rising star in the Libyan leadership and standing for election, but his past ties to jihadi groups have sparked controversy - along with his claims of being tortured at the behest of US and British intelligence agencies under the programme known as rendition." BBC

" His name is Abdelhakim Belhaj. Some in the Middle East might have, but few in the West and across the world would have heard of him. Time to catch up. Because the story of how an al-Qaeda asset turned out to be the top Libyan military commander in still war-torn Tripoli is bound to shatter - once again - that wilderness of mirrors that is the "war on terror", as well as deeply compromising the carefully constructed propaganda of the North Atlantic Treaty Organization's (NATO's) "humanitarian" intervention in Libya. Muammar Gaddafi's fortress of Bab-al-Aziziyah was essentially invaded and conquered last week by Belhaj's men - who were at the forefront of a militia of Berbers from the mountains southwest of Tripoli. The militia is the so-called Tripoli Brigade, trained in secret for two months by US Special Forces. This turned out to be the rebels' most effective militia in six months of tribal/civil war. Already last Tuesday, Belhaj was gloating on how the battle was won, with Gaddafi forces escaping "like rats" (note that's the same metaphor used by Gaddafi himself to designate the rebels). Abdelhakim Belhaj, aka Abu Abdallah al-Sadek, is a Libyan jihadi. Born in May 1966, he honed his skills with the mujahideen in the 1980s anti-Soviet jihad in Afghanistan." Asia Times

Blowback in Mali:

" Nach Erkenntnissen des US-Sicherheitsberatungsunternehmens Stratfor sind es jedoch nicht nur Waffen aus Libyen, die den Konflikt in Mali anheizen, sondern auch zwischen 2000 und 4000 Tuareg, die einst für Geld in Gaddafis Armee dienten. Unter Mohamed Ag Najem, einem ehemaligen Oberst der libyschen Armee, kehrten sie 2011 nach Mali zurück, wo sie die Nationale Bewegung zur Befreiung von Azawad (MNLA) gründeten, die eine Zeit lang an der Seite der islamistischen Extremisten von Ansar Dine kämpften, bevor es zu Rivalitäten zwischen den beiden Gruppen kam." Süddeutsche

Blowback in Algerien:

" Für Jeremy Keenan von der School of Oriental Studies der Universität London ist Algerien der denkbar ungeeignetste Partner. Bereits in seinem letzten Buch über Amerikas Krieg gegen Terror in Afrika aus dem Jahr 2007 erklärte er die algerische Regierung und die USA zu Mitverantwortlichen für die Entführungen von Europäern in der Sahara. Heute verfügt Jeremy Keenan, der auch als Vermittler bei AQIM-Geiselnahmen fungierte, über neue Informationen und ist mehr denn je davon überzeugt, dass die Terroristen mit dem algerischen Geheimdienst, dem Département du Renseignement et de la Sécurité (DRS) zusammenarbeiten." Heise.de "

"Much publicity has recently been given by Western intelligence services and the media to the assumed link between trans-Saharan trafficking of cocaine, flown into Sahel states, especially Mali, from South America, and AQIS. While a complex network does exist between the drugs traffickers and AQIS, Western intelligence services have failed to point out in their briefings, reports and 'leaks' to the media that the leaders of both AQIS and the drug trafficking operations are either agents of or closely linked to the highest levels of state security in the countries concerned, namely Algeria's DRS and Mali's state security. American, British and other Western intelligence services are all aware of the way in which the DRS has effectively constructed the AQIM/AQIS in the Sahara-Sahel, but have failed to take action against it. This is because AQIS, far from being a threat to the West, is more of an adjunct to the West's overall strategies in the region. It provides the US with further justification for AFRICOM while providing European powers, notably France whose nuclear industry is powered by the Sahel's uranium, with the justification to intervene militarily in the resource-rich corridor of the Sahel. And, of course, the 'threat' of al-Qaeda so close to Europe, provides European countries, such as the UK, Spain, Germany, Italy and the Netherlands, with justification for their immigration, security and 'counter-terrorism' policies." Al Jazeera

Hier schließt sich der Kreis mit einigen Aussagen, die die zukünftige US-Präsidentin Hillary Clinton bei ihrer Bengazi-Anhörung machte und die leider im emotionalen Geschwurbel um ihre Tränen übersehen wurden :

" And instability in Mali has created an expanding safe haven for terrorists who look to extend their influence and plot further attacks of the kind we saw just last week in Algeria.(...) Concerns about terrorism and instability in North Africa are not new. Indeed they have been a top priority for our entire national security team. But after Benghazi, we accelerated a diplomatic campaign to increase pressure on al Qaeda in the Islamic Maghreb and other terrorist groups across the region.(...) In all these diplomatic engagements, and in near-constant contacts at every level, we have focused on targeting al Qaeda's syndicate of terror – closing safe havens, cutting off finances, countering extremist ideology, and slowing the flow of new recruits. We continue to hunt the terrorists responsible for the attacks in Benghazi and are determined to bring them to justice. And we're also using all our diplomatic and economic tools to support the emerging democracies of the region, including Libya, to strengthen security forces and provide a path away from extremism. The United States must continue to lead… in the Middle East and all around the globe. We have come a long way in the past four years. We cannot afford to retreat now. When America is absent, especially from unstable environments, there are consequences. Extremism takes root, our interests suffer, and our security at home is threatened." ABC

Die Finanzströme des sicheren Terrorismushafens Saudi-Arabien hat Frau Clinton leider in ihrer Ansprache vergessen:

" Brookings' Bruce Riedel urges intensified US support for Saudi despots: Riedel also argues that "the CIA war against al-Qaida is heavily dependent on the Kingdom" - that gets closer to the truth, but it just shows how this endless "war" is the author of most of America's bad acts in the region, and it's ironic indeed that the only government with valid links to the 9/11 perpetrators has become the closest US ally in the "war on terror", while governments with no such links - starting with Iran - have become perpetual US enemies." Guardian

Auch Innenminister Friedrich erkennt selbstverständlich die Bedrohungslage, und fordert heute, dass der Anti-Terror-Kampf gesetzlich ausgeweitet werden muss :

" Na ja, also ich glaube, dass die Bedrohungslage in den letzten zwei Jahren sich so entwickelt hat, dass man weiß, dass man eher mehr Gesetze braucht, um dieser internationalen Lage gerecht zu werden. Denken Sie jetzt an Mali, denken Sie an die Ausreise von vielen Salafisten nach Ägypten zur Weiterreise in die Ausbildungslager, die natürlich auch zurückkommen wollen. Denken Sie daran, dass wir in der Zwischenzeit einen islamistischen Anschlag in Frankfurt am Flughafen hatten. All diese Dinge müssen natürlich berücksichtigt werden. Die Sicherheitslage ist angespannt und deswegen muss man überlegen, wie kann man die Gesetzgebung der letzten Jahre so systematisch auf alle Phänomenbereiche ausweiten, damit wir da eine gute Sicherheitslage unseren Bürgern auch bieten können." Deutschlandfunk

"Das US-Verteidigungsministerium bereitet den Aufbau einer Drohnenbasis im Nordwesten Afrikas vor, um dort zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehörende Gruppen überwachen zu können. Ein Regierungsvertreter bestätigte einen entsprechenden Bericht der New York Times. Demnach sollen künftig unbewaffnete Drohnen im Luftraum über der Sahara-Region patrouillieren." Zeit Online

"Deutschland gerät wegen des Bundeswehreinsatzes in Mali offenbar wieder stärker ins Visier von Terroristen. Einem "Bild"-Bericht zufolge warnen die Sicherheitsbehörden vor einem erhöhten Anschlagsrisiko. Mögliche Anschläge könnten sich gegen deutsche Ziele im In- und Ausland richten." SPON

"Das deutsche Programm zur Entwicklung bewaffneter Drohnen ist offenbar schon deutlich weiter fortgeschritten als bisher bekannt. Das geht aus vertraulichen Unterlagen des Luftfahrtkonzerns EADS hervor, die der "Bild"-Zeitung vorliegen. In der Studie vom Juli 2010 wird detailliert das Drohnenprogramm unter dem Codenamen "Talarion" beschrieben. Nach Informationen des Blatts wurde die Präsentation für Rüstungsexperten des Verteidigungsministeriums erstellt. Dafür, so heißt es in dem Dokument, "wurden erhebliche Forschungsmittel des Verteidigungsministeriums für unbemannte Luftfahrzeugsysteme eingesetzt." EADS selbst habe für die Entwicklung "bereits mehr als 200 Millionen Euro ausgegeben."Der Konzern argumentierte in der Studie gegenüber den potentiellen Auftraggebern: "USA, Frankreich und Israel versuchen, die Systemdominanz im Segment der unbemannten Luftfahrzeugsysteme zu erzielen. Das kann nicht im europäischen Interesse sein." SPON

22:04 28.01.2013
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