Dramatischer Appell an WikiLeaks/Spiegel Titelblatt leaked

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Der Spiegel nimmt sich des Themas offensichtlich eher boulevardjournalistisch an.Dirk Niebel=schräge Wahl, Ahmadinejad ist Hitler, Berlusconi=wilde Partys: Sind das die sensationellen Enthüllungen, derentwegen die Pressefreiheit bedroht wird und die USA Menschenleben in Gefahr sieht ?

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Hilfe ! Was rollt da auf uns zu ? Das Ende der deutsch-amerikanischen Freundschaft ? Das Ende der britisch-amerikanischen Freundschaft ? Oder gar das Ende der saudi-arabisch-amerikanischen Freundschaft ? Gibt es doch keinen gemeinsamen Raketenschirm mit den Russen ? Im Namen der (inter)nationalen Sicherheit : Schafft endlich die Pressefreiheit ab, damit die USA ungestört ihren unendlichen Kampf für Demokratie und Freiheit fortsetzen können !

USA wegen Wikileaks vor diplomatischem Scherbenhaufen:

"Washington/Berlin (Reuters) - Mit einem dramatischen Appell hat die US-Regierung versucht, die Veröffentlichung kompromittierender Geheimdokumente durch die Internetplattform Wikileaks in letzter Minute doch noch zu verhindern. Der Regierung von Präsident Barack Obama droht durch die neuen Enthüllungen ein diplomatischer Scherbenhaufen, wie Äußerungen führender Diplomaten belegen. Auch deutsche Politiker werden durch die Veröffentlichung Hunderttausender diplomatischer Berichte offenbar in ein schlechtes Licht gerückt. Der US-Botschafter in Deutschland, Philip Murphy, sprach von einer Herausforderung für die deutsch-amerikanische Freundschaft. Das US-Außenministerium appellierte in einem am Sonntag veröffentlichten Schreiben an Wikileaks-Chef Julian Assange, das Material nicht zu veröffentlichen: "Es würde das Leben ungezählter unschuldiger Menschen, von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten, über Blogger und Soldaten bis hin zu Menschen gefährden, die Informationen weiterleiten, um Sicherheit und Frieden zu befördern", schreibt der Chef-Justiziar des Außenministeriums, Harold Koh. Auch laufende militärische Operationen, einschließlich solcher gegen Terroristen und Menschenschmuggler und Waffendealer seien durch eine Veröffentlichung der Dokumente gefährdet. Schon im Vorfeld der für den späten Sonntagabend erwarteten Veröffentlichung von Fernschreiben, Memos und Protokollen hatten US-Regierungssprecher die Enthüllungen als "schädlich für die US-Interessen" bezeichnet und "Spannungen in unseren Beziehungen zu anderen Staaten" vorhergesagt. Nach Angaben von mit den Dokumenten vertrauten Personen enthalten die Papiere Einschätzungen von Politikern zahlreicher Staaten durch US-Diplomaten. Unter anderem sollen auch Korruptionsvorwürfe gegen Politiker enthalten sein, die ausreichten, um "zu ernsthaften Peinlichkeiten" für einige Regierungen zu führen. Für Präsident Barack Obama könnten die Enthüllungen den Angaben zufolge erhebliche außenpolitische Komplikationen bedeuten.CLINTON BETREIBT SCHADENSBEGRENZUNG BEI WESTERWELLE.US-Außenministerin Hillary Clinton bemühte sich in Telefonaten mit zahlreichen Kollegen, darunter Bundesaußenminister Guido Westerwelle, um Schadensbegrenzung. Im Auswärtigen Amt hieß es, sie habe bei einem Telefonat mit Westerwelle am Freitag ihr Bedauern über die Publikation zum Ausdruck gebracht. Westerwelle hoffe, dass es zu keiner Beeinträchtigung von Sicherheitsinteressen und der Sicherheit deutscher Einsatzkräfte komme."

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Die Geheimnisverräter schlagen wieder zu und Wolfgang Ischinger wird es nicht verhindern auch wenn nach seiner Überzeugung im 21. Jahrhundert das Geheimnis in der Politik und der Diplomatie möglich sein muss. Denn:

" Wenn ich als deutscher Botschafter in Washington nicht gewusst hätte, dass meine Berichte zum Beispiel über den Zustand der Regierung Bush zumindest für 30 Jahre unter Verschluss bleiben würden, hätte ich manches nicht aufschreiben können oder wollen. Ich hätte ja befürchten müssen, dass ich nicht nur meine eigenen Beziehungen zu meinen Gesprächspartnern aufs Spiel setzte, sondern auch die Beziehungen der deutschen zur amerikanischen Regierung gefährdete."

Jetzt haben Sie meine Neugierde geweckt, Herr Ischinger. Was hätten Sie nicht aufschreiben können ? Sind die transatlantischen Beziehungen so fragil, dass kein Raum für Kritik bleibt und was wäre die Konsequenz einer gefährdeten Beziehung ?

Was Ischinger unter Diplomatie versteht erfahren wir an anderer Stelle:

" Nehmen wir einmal an, Deutschland steht vor Verhandlungen über ein wichtiges Thema mit einem anderen Land. Dann ist es die Aufgabe unserer dortigen Botschaft herauszufinden, wo sind die Schwachpunkte der anderen Seite. Ist da einer angreifbar, der Trunksucht verfallen, für Korruption anfällig oder sonst was. Da müssen Dinge betrachtet und benannt werden, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind."

Herr Ischinger, die Trunksucht des Boris Jelzin und G.W. Bushs Alkoholprobleme sind uns nicht verborgen geblieben und auch das weitverbreitete Phänomen der Korruption wird in der Öffentlichkeit ohne Tabus diskutiert. Bleibt sonst was: Vielleicht pikante Details über Parties mit "private contractors" aus dem "horizontalen Gewerbe" ? Geschenkt. Seit Michel Friedman geben wir uns diesbezüglich keinen Illusionen mehr hin. Ehrlich gesagt hatte ich mir unter Diplomatie etwas anderes vorgestellt als die Schnüffelei in der Privatsphäre von Staatsdienern. Ich bin gespannt, welche extrem gefährlichen Geheimnisse (secret, not 'top secret') Assange und seine "unverantwortlichen" Kollegen uns Morgen präsentieren und warum bereits im Vorfeld gewarnt wird vor Peinlichkeiten, beschämenden, teils explosiven Enthüllungen sowie der Bedrohung von Menschenleben und der Nationalen Sicherheit. Danke, Julian Assange!

Reuters:

"According to the London-based daily al-Hayat, the WikiLeaks release includes documents that show Turkey has helped al-Qaeda in Iraq -- and that the United States has supported the PKK, a Kurdish rebel organization that has been waging a separatist war against Turkey since 1984, the Washington Post reported. "

Der Standard :

" Die USA bemühen sich nach Angaben der Enthüllungswebsite WikiLeaks wegen der in Kürze erwarteten Veröffentlichung von Geheimberichten der Washingtoner Regierung bei sechs Verbündeten um Schadensbegrenzung. Amerikanische Diplomaten hätten Gespräche mit Vertretern Großbritanniens, Australiens, Kanadas, Dänemarks, Norwegens und Israels geführt, teilte WikiLeaks am Freitag über den Internet-Nachrichtendienst Twitter und unter Berufung auf lokale Medienberichte mit. Aus mehreren mit der Angelegenheit vertrauten Quellen war am Mittwoch verlautet, die Publikation könnte die Beziehungen der USA zu anderen Ländern beeinträchtigen. Ein US-Außenamtssprecher erklärte am gleichen Tag, die Regierung warne ausländische Regierungen vor. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes wollte sich in Berlin nicht näher dazu äußern."

ORF:

" Pentagon „hyperventiliert“.Seit der Ankündigung der Enthüllungswebsite WikiLeaks vor wenigen Tagen, in Kürze neue Dokumente veröffentlichen zu wollen, rotiert die US-Regierung. Offenbar geht es dabei um US-Berichte mit Korruptionsvorwürfen gegen ausländische Regierungen und vertrauliche Gesprächsprotokolle, aber auch Politiker sollen namentlich genannt werden, wie die Nachrichtenagentur Reuters exklusiv berichtete."

n-tv:

" Der Generalstabschef des US-Militärs, Mike Mullen, nannte die bevorstehende Enthüllung extrem gefährlich. Er hoffe, dass die Verantwortlichen darüber nachdächten, wie sie mit ihren Handlungen das Leben amerikanischer Soldaten in aller Welt riskierten, sagte er laut CNN."

Daily Mail:

:" 3 million documents set to go online * Bombshell leak thought to include U.S. assessments of Gordon Brown * Secret talks on return of Lockerbie bomber to Libya may also be leaked * Allegations 'include U.S. backing of Kurdish terrorists' * U.S. diplomats face being kicked out of countries in backlash * Corrupt politicians expected to be named and shamed."

Die Welt:

" Westliche Welt zittert vor Wikileaks-Enthüllungen.(...) In Deutschland werden wir wohl erfahren, was die ehemalige und die derzeitige US-Außeninisterin, Condoleeza Rice und Hillary Clinton, wirklich von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter-Steinmeier oder von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hielten und halten.Besonders positiv schneidet in den US-Dossiers dem Vernehmen nach Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ab, andere Akteure der deutschen Außenpolitik hält man in Washington offenbar für Leichtgewichte."

International Business Times:

" Will WikiLeaks unravel the American 'secret government' ? (...) That the imperatives of running a 'national security state', which was envisioned in 1947, led successive governments and secret agencies like the Central Intelligence Agency (CIA) to carry out hundreds of covert operations across the globe is quite a banal piece of information. Documents declassified dozens of years after the events have shown daring, ruthless and diplomatically unjustifiable actions undertaken by the government and secret agencies in the past.Therefore it's not puzzling that the State Department is harried over the impending revelations about more recent undercover maneuvers of the government and its agencies in various parts of the world. That could seriously undermine the success of future operations and destroy the trust of allies, though a vast majority of people, including Americans, welcome the WikiLeaks route of forcing transparency in international dealing of governments."

Der Tagesspiegel :

" Der Umfang der Publikation wird Wikileaks zufolge sieben Mal größer sein als die rund 400 000 Pentagon- Berichte, die im Oktober zum Irakkrieg veröffentlicht wurden. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ könnten unter anderem Teile aus dem Schriftverkehr über Häftlinge im Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba online gestellt werden. Außerdem würden wahrscheinlich Korruptionsfälle ans Tageslicht kommen. Die israelische Tageszeitung „Haaretz“ berichtete, die Enthüllungen könnten auch für Israel unangenehm werden. Die US-Regierung habe die Regierung in Jerusalem vorab gewarnt, dass Material aus den vergangenen fünf Jahren veröffentlicht werden könnte. Der in London ansässigen Tageszeitung „Al-Hayat“ zufolge zeigen einige der neuen Wikileaks-Dokumente, dass die Türkei der Extremistenorganisation Al Qaida im Irak geholfen hat."

Die Zeit:

" USA kontaktieren vorsorglich ihre Bündnispartner."Embassy Files", diplomatische Akten – die Internetplattform Wikileaks hat die Veröffentlichung neuer Geheimdokumente angekündigt. Die Folgen sind nicht absehbar.(...) Das deutsche Auswärtige Amt wollte eine solche Kontaktaufnahme am Freitag nicht bestätigen oder dementieren. Auf die Frage eines Journalisten antwortete Andreas Peschke, Sprecher des Ministeriums: " Ich werde hier keine Einzelaspekte der breit gefächerten Gespräche mit unseren US-amerikanischen Partnern herausgreifen." (...) Ein Sprecher des amerikanischen State Department bestätigte das indem er erklärte, die Regierung warne ausländische Regierungen vor. Das State Department wisse "nicht exakt, was Wikileaks hat oder was sie planen", sagte der Sprecher Philip Crowley. Aber der außenpolitische Schaden des Geheimnisverrats könne beträchtlich sein."

CNN:

" In preparation for the WikiLeaks dump, the British government warning United Kingdom news organizations about the publication of any material which could endanger national security. The Ministry of Defence on Friday issued a so called "D-Notice." In the rarely used notice, the MOD told the media that before they publish potentially sensitive stories of a national security nature, they should seek the advice of a senior military official to avoid breaking the order. A senior Israeli government official said the American government contacted the Israeli government a few days ago to inform them about the possibility of internal U.S. communications about Israel being publicly released."

Huffington Post:

" In Washington, State Department spokesman P.J. Crowley said U.S. diplomats were continuing the process of warning governments around the world about what might be in the documents. Many fear the cables will embarrass the United States and its allies, and reveal sensitive details of how the U.S. conducts relations with other countries. "We are all bracing for what may be coming and condemn WikiLeaks for the release of classified material," he said. "It will place lives and interests at risk. It is irresponsible." The Obama administration on Friday warned that the WikiLeaks release would endanger "lives and interests." (...) " If WikiLeaks is putting out a whole raft of embassy reporting from Moscow or State Department instructions on Russia policy this is not good news," Collins told CNN, "because these cables almost certainly will say things that will complicate relations between and among people involved, create resentments about publication of private information, and decrease the fragile confidence that has been building between the two governments. It could also reveal strategies or intentions to the detriment of our diplomatic strategy and tactics on a number of issues. And it can simply make life very difficult for embassy officers and other officials working to conduct our relations with Russia, depending on how all of this is released."

Spiegel Online:

" Das tut weh: Barack Obama hat sich beim Basketballspielen verletzt. Ein Gegenspieler habe den US-Präsidenten "unglücklich" mit dem Ellbogen im Gesicht getroffen, teilte Obamas Pressesprecher mit. Die Lippe des Präsidenten musste mit zwölf Stichen genäht werden."

Im Visier der Terroristen - wie bedroht sind wir?

Update

Spiegel-Online leakt Wikileaks Depechen-Release:

" WOHER KOMMT DAS MATERIAL, WIE BRISANT IST ES? Wie die zuvor über WikiLeaks enthüllten Irak- und Afghanistan-Protokolle wurden die Botschaftsdepeschen über ein geheimes Nachrichtennetz verschickt, das Secret Internet Protocol Router Network (SIPRNet). Dieses US-Regierungsnetz dient dem Transport von Dokumenten, die Verbreitungsbeschränkungen bis zur Stufe "secret/geheim" unterliegen. Diese zweithöchste Geheimhaltungsstufe wird laut Regierungsdefinition für Informationen verwendet, deren Veröffentlichung "der nationalen Sicherheit der USA schweren Schaden zufügen" könnte. Depeschen der Kategorie "top secret/streng geheim" sind in den WikiLeaks zugespielten Daten nicht enthalten, sie werden über einen eigenen Zugang verbreitet. Gut die Hälfte der jetzt bekannt gewordenen Botschaftskabel unterliegt keiner Geheimhaltungsstufe, 40,5 Prozent sind als "vertraulich" eingeordnet und nur sechs Prozent respektive 15.652 Depeschen als "geheim". 4330 davon sind so brisant, dass sie als "Noforn" ausgewiesen sind, also Ausländern nicht zugänglich gemacht werden dürfen."

Update

Die Zeit:

" Britische Regierung bittet Medien um Selbstzensur. Die Presse solle über Teile der Wikileaks-Dokumente schweigen, wünscht die britische Regierung. Auch der deutsche "Spiegel" will nur ausgewählte Depeschen zeigen."

Noam Chomsky:" Everybody's worried about stopping terrorism. Well, there's a really easy way: stop participating in it."

16:16 28.11.2010
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