Guttenberg: Marietta Slomka ist Deutschland

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Während die Empörung über das Afghanistan-Interview unseres Bundespräsidenten langsam abebbt, soll an dieser Stelle eine andere, wenig beachtete, rhetorische Glanzleistung gewürdigt werden. Verteidigungsminister Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg war am 12. November 2009 zu seinem ersten Besuch in Afghanistan eingetroffen. Neben Gesprächen mit dem afghanischen Präsidenten Karzai und seinem Amtskollegen Wardak, fand der Minister klare Worte für die deutschen Soldaten:

"Ich weiß, wie herausfordernd und in vielerlei Hinsicht mit Entbehrungen und Belastungen gerade dieser Einsatz in Afghanistan ist. Es klingt vielleicht ein wenig anmaßend, wenn ich jetzt sage, ich weiß das, nachdem das tatsächlich mein erster Besuch in Afghanistan ist, und wo man sehr vorsichtig sein sollte, die Dinge vom Schreibtisch aus zu bewerten."

Anmaßend, genau. Krieg spielen ist eben nicht Krieg führen. Bei aller Vorsicht am Schreibtisch: Den COM ISAF-Bericht sollten Sie schon gelesen und verstanden haben, bevor Sie das Kunduz-Bombardement als militärisch angemessen bezeichnet haben.

"Gleichzeitig habe ich heute einen Tag erfahren dürfen, der mit dem Wort "munter", noch müde umschrieben ist. Er war gut geplant, er war straff geplant, und ich habe sehr viele Eindrücke, auch in Gesprächen erfahren dürfen."

Munter ! Gut geplant ! Straff geplant !

"Eindrücke, die deutlich gemacht haben, Soldatinnen und Soldaten, dass sich das Leben hier ein wenig anders darstellt, als es mancher zuhause gern dargestellt sehen würde, so darf man das auch mal sagen und ich deswegen sehr viel Wert darauf gelegt habe, in den ersten Tagen, die ich jetzt in diesem neuen Amt verbringen darf, auch eine Wortwahl zu suchen, die, wie ich glaube, Ihren Empfindungen sehr nahe kommt, weil ich viele Eindrücke von Ihnen auch erfahren dürfte, zuhause, von solchen, die zurückkehrten und mir geschildert haben, in den letzten Jahren, wie sie Afghanistan empfinden."

Afghanistan empfinden ! Ein wenig anders, als es mancher zuhause gern dargestellt sehen würde.

"Und dass es eben nicht nur damit zusammenhängt, dass man Brunnen baut, oder dass man dieses oder jenes macht, was möglicherweise doch sich sehr unterschiedlich zu den Realitäten vor Ort darstellt, und das war der Grund, weshalb ich gleich in den ersten Tagen davon gesprochen habe, dass ich persönlich auch das Gefühl habe, dass sich in Teilen Afghanistans kriegsähnliche Zustände finden und dass ich ein großes Verständnis dafür habe, wenn die Soldatinnen und Soldaten selbst vom Krieg in Afghanistan sprechen."

Brunnen bauen, dieses oder jenes machen oder einfach nur Afghanen töten. Wie wollen Sie Taliban (gemäßigt oder nicht) von Sympathisanten, Aufständischen, Zivilisten unterscheiden, wenn sie nicht einmal afghanische Soldaten identifizieren können ? Zumal nicht jeder Aufständische gleich die westliche Gemeinschaft bedroht und Afghanistan militärisch nicht zu gewinnen ist

"Und das Ganze hat eine, ja, sagen wir mal, hübsche Debatte in Deutschland ausgelöst. Das ist die mildeste Umschreibung, die ich dafür finden konnte."

Eine hübsche Debatte, sagen wir es ruhig mal milde. Haben Sie ein Problem damit, wenn die Menschen in Deutschland diskutieren, warum deutsche Soldaten im Ausland töten und sterben ?

"Dass es eben nicht nur darum geht, irgendwie kühl, dem Soldatentum als solches nachzugehen, sondern dass Emotionen hier mitspielen."

Dem Soldatentum als solchem, ist nur sehr eingeschränkt irgendwie warm nachzugehen. Die Emotionen der getöteten Aghanen und ihrer Familien scheint Sie eher kalt zu lassen.

"Ich bin sehr dankbar, dass ich heute die Möglichkeit hatte, Herr General, mit Ihnen auch den Ehrenhain hier in Mazar-e Sharif besuchen zu dürfen und dort spüren zu dürfen, was Emotionen auch in diesem Sinn bedeuten können und bedeuten müssen, dass wir auch diese Emotionen zuzulassen haben, um zu wissen, welche Folgen dieser Dienst auch mit sich bringen kann und wir gleichzeitig uns in der politischen Verantwortung immer wieder zu verdeutlichen haben, dass wir alles zu tun haben, um für Ihre Sicherheit und Ihren Schutz zu sorgen, das man eben auch dahingehen auch eine große Verantwortung trägt."

Emotionen zulassen ! Schämt euch nicht der Tränen oder begebt euch in therapeutische Behandlung, wenn ihr Probleme mit dem Töten/Fallen habt !

"Darf ich vielleicht eine ganz kurze Fußnote nur berichten: Ich hatte gerade von hier, eine Liveschaltung zum – keine Liveschaltung, sondern es war aufgezeichnet – eine Schaltung zum „Heute-Journal“ nach Deutschland, und ich darf von Marietta Slomka ausrichten – ja jetzt lachen einige – darf Ihnen ausrichten, dass Sie und Sie meinte Deutschland, an Sie denkt. Meine Damen und Herren, das ist nicht die schlechteste Nachricht, wenn man geschaltet wird aus Afghanistan, dass so etwas gleichzeitig so auch vermittelt wird, auch gegenüber jenen, die in Deutschland das zu beurteilen haben, was Sie hier machen und was wir gemeinsam hier auch als Zielsetzung haben. Afghanistan wird uns noch mit Sicherheit eine Weile fordern."

Ja, da lachen nicht nur die Soldaten. Eine Liveschaltung würden wir gerne mal sehen, aber Interviews werden ja sicherheitshalber immer aufgezeichnet. Frau Slomka ist Deutschland ? Und sie denkt an die Soldaten in Kunduz ? Im Slomka Interview mit Guttenberg ist davon nichts zu hören, Herr Minister.

21:57 30.05.2010
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sachichma | Community