Gold Star For Robot Boy
16.01.2014 | 09:51 6

Kiesewetter-Mord vor Gericht

NSU-Prozess Heute wird in München die Ermordung der Polizistin Kiesewetter in Heilbronn verhandelt. Die Aussage ihres ehemaligen Kollegen könnte neue Fragen zum NSU-Komplex aufwerfen

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Gold Star For Robot Boy

Kiesewetter-Mord vor Gericht

Foto: CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images

Nur kurze Zeit nachdem ein Polizist glaubwürdig zu Protokoll gab, dass Thüringens LKA-Präsident Werner Jakstadt die Fahndung nach dem Terrortrio NSU 2003 behindert hat, darf man gespannt darauf sein, ob die Öffentlichkeit weiterhin der These der Bundesanwaltschaft folgt, der NSU habe aus einem abgeschotteten Dreierbund bestanden.

Wie glaubwürdig ist die Annahme, Böhnhardt und Mundlos wären die alleinigen Täter, die sich 2007 spontan zur Ermordung der beiden Beamten in Heilbronn entschlossen hätten ?

Fakt ist, der Mord von Heilbronn, die Rolle des Ku Klux Klan und die Verstrickungen der Verfassungschutzes in Baden-Württemberg lassen viele Fragen offen, wie auch Clemens Binninger, Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im NSU–Untersuchungsausschuss des Bundestages, feststellte:

„Heilbronn ist in vieler Weise unerklärlich, es passt nicht in die Serie der anderen neun Morde, an den ausländischen Mitbürgern, es wurden andere Tatwaffen eingesetzt, natürlich auch um den Zusammenhang erst gar nicht erkennen zu lassen. Heilbronn hat nach wie vor viele offene Fragen.“

Warum wurden die Phantombilder der glaubwürdigen Zeugen, sowie des angeschossenen Polizisten Martin A. nie veröffentlicht ?

Warum ähnelten sämtliche Phantombilder weder Böhnhardt noch Mundlos ?

Warum behaupten Behörden und Medien immer wieder Martin A.'s Erinnerungen seien schwach, spärlich oder lückenhaft, während in den Ermittlungsakten die Erstellung des Phantombildes gegenteilig beschrieben wird ?

"Er hatte klare und konkrete Erinnerungen an die Situation, die er sich immer wieder vor seinem inneren Auge abrief."

Wovor hat Martin A. Angst, wie es im Umfeld des Polizisten heißt ?

Warum gelten Böhnhardt und Mundlos als alleinige Täter, wenn die Ermittlungsakten inklusive Zeugenaussagen nahelegen, dass fünf bis sieben Personen unmittelbar an der Tat beteiligt gewesen sein müssen ?

Warum wurde 2007 den Hinweisen von Kiesewetters Onkel es bestehe ein "Zusammenhang mit den bundesweiten Türkenmorden" und ein Radfahrer solle bei den Morden involviert gewesen sein, nicht nachgegangen ?

Warum will der Onkel sich heute nicht mehr dazu äußern ?

Warum wurde das Handy von Michele Kiesewetter nicht sichergestellt, warum ihre Verbindungsdaten und ihr e-mail Verkehr nicht dokumentiert und ausgewertet ?

Waren Verfassungsschützer Zeuge beim Mord an Michèle Kiesewetter, wie der Stern mit Verweis auf einen geheimen Observationsbericht eines amerikanischen Geheimdienstes berichtete ?

Gab es tatsächlich keinerlei Verbindungen des NSU zur gebürtigen Thüringerin Kiesewetter ?

Warum fuhren die Attentäter Hunderte Kilometer nach Heilbronn, um dann eine beliebige Polizistin zu erschießen?

Ist es reiner Zufall, dass der Vorgesetzte Kiesewetters zeitweise Mitglied in einem schwäbischen Ableger des rassistischen Ku-Klux-Klan war ?

Ist es Zufall, dass sich Florian Heilig, der 2011
umfangreiche Aussagen zur Neonaziszene in Heilbronn und zu dem Mordanschlag 2007 machte, wenige Stunden vor seiner erneuten Vernehmung, am 16. September 2013, in seinem Auto verbrannte ?

Warum wurde der ehemalige Referatsleiter für Rechtsextremismus Günther Stengel laut Kontext Wochenzeitung wahrscheinlich vom LfV Baden-Württemberg angewiesen einen Bericht zu vernichten, den er 2003 verfasste in dem er Informationen über eine neonazistische Terrorgruppe namens NSU sowie u.a. die Namen Uwe Mundlos, Alexander Neidlein, André Kapke und Thomas Richter (V-Mann Corelli), erwähnte?

Versuchten tatsächlich Rechtsextremisten, den schwer verletzten Polizisten Martin A. im Krankenhaus auszuspähen, wie die ehemalige Informantin Krokus, eine "geborene Quelle" des Verfassungschutzes in Baden-Württemberg erklärte ?

Warum verheimlichte V-Mann-Führer Öttinger diese Information seiner Quelle Krokus und warum wurden die Krokus Akten so lange unterschlagen ?

Der Journalist Thomas Moser, der regelmäßig über diese Vorgänge berichtete, wurde von seinem Arbeitgeber erst zensiert und dann gefeuert.

Mittlerweile geben ihm selbst Teile der Mainstreammedien recht:

"Auch wenn es beim NSU-Prozess vor allem um die Schuld von Beate Zschäpe geht, stehen auch andere drängende Fragen im Raum. So ist ungeklärt, ob der NSU tatsächlich nur aus drei Personen bestand. Zweifel daran weckt der Mord an der Polizistin Kiesewetter – das legen ZDF-Recherchen nah. (...) Dem ZDF liegen Phantombilder weiterer Verdächtiger vor. Zahlreiche Zeugen wollen sie, einige mit blutverschmierten Händen, in Tatortnähe gesehen haben. Die Bilder wurden nie veröffentlicht, in den Ermittlungen spielten sie damals und heute keine Rolle. Dabei ist die fehlende Ähnlichkeit mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos doch Hinweis auf mögliche Mittäter." (ZDF 14.1.2014)

" Es gab mehr Täter, das ist nach dem Stand der Ermittlungen evident, aber nicht für die Anklagebehörde, die darum herumgegangen ist. (...) Die Ermittlungen sind nicht systematisch gelaufen, sie sind nicht zu Ende geführt worden. Ein Staatsanwalt hat gesagt wenn es nicht zu den Beiden passt dann interessieren uns diese Zeugenaussagen nicht. Das geht nicht. Das ist Ideologie." (Professor Hajo Funke WDR 2 am 16.1.2014)

Im ARD Morgenmagazin wird am 16.1.2014 demonstriert, wie durch das Weglassen von Information , das Hinzufügen von Unwahrheiten, die Umdeutung von Zeugenaussagen in Gerüchte, ein Sachverhalt staatskonform aber falsch dargestellt wird. Off Kommentar:

" Dennoch gibt die Tat Rätsel auf, halten sich hartnäckig Gerüchte. Zeugen wollen blutverschmierte Personen in der Nähe des Tatorts gesehen haben. Um Mundlos und Böhnhardt soll es sich dabei nicht gehandelt. Ermittlungsbehörden hätten angeblich Phantombilder unter Verschluss gehalten und auch über eine persönliche Beziehung von Michele Kiesewetter und dem NSU wird spekuliert. Kiesewetters Kollege Arnold soll heute als Zeuge im NSU-Prozess auftreten doch seine Aussage wird wohl wenig zur Aufklärung beitragen, denn an die Tat selbst kann sich der Polizist nicht mehr erinnern."

"Martin A. ist damit das einzige Opfer des NSU, das einen Mordanschlag überlebt hat. Der Beamte arbeitete nur wenige Monate später wieder im Polizeidienst, kann sich aber nicht an die Geschehnisse des 25. April 2007 erinnern." (Welt Online 16.1.2013)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (6)

fahrwax 16.01.2014 | 14:34

Eine schöne Fragensammlung!

Die, erkennbar auch körperlich, unausgeschafene MoMa Tante argumentiert staatstragend (wie auch sonst?).

Wo schon die "Anklageschrift" Opfer, Menschenverstand und Logik verhöhnt, werden die Leitpfähle der "Einzeltäterschaft" sichtbar.

Der Zufall und Nichtwissen / Nichtkönnen sind die wichtigsten Partner dieser V-Ermittlungen.

mcmac 16.01.2014 | 15:43

Na dann phantasieren wir doch mal, wenn die Anderen meinen, Fakten ins Konjunktive der Fantasie hinüber lügen zu müssen; machen wir mal eine schöne, richtig fette Verschwörungstheorie...

Als erste Zutat nehme man den Fakt (der im Beitrag nicht erwähnt wird), dass die grün-rote Landesregierung unter Regierungschef Kretschmann (Grüne), Innenminister Gall (SPD) und Justizminister Stickelberger (SPD) sich seit langer Zeit und bis dato vehement gegen einen landeseigenen NSU-Untersuchungsausschuss sperrt. Und das, obwohl klar ist, dass der Heilbronner Polizistinnenmord vermutlich d e r Schlüssel zur NSU-Mordserie überhaupt ist. (Nicht als Zutat für unsere krude Theorie nehme ich den Umstand, dass die Ermittlungen zum Mord an der jungen Michéle Kiesewetter jahrelang in die Irre liefen, weil angeblich mit der DNA einer Verpackerin selbiger verunreinigte Wattestäbchen die Polizei in eine völlig falsche Richtung lenkten; falls sich noch jemand erinnert.)

Michéle Kiesewetter musste sterben, weil sie mitbekommen hatte, dass der Chef ihrer Böblinger Polizeieinheit und weitere Kollegen beim schwäbischen Ku-Klux-Klan als „weiße Ritter“ angeheuert hatten. Diese Spätzle-Dependance des gewalttätigen, spießbürgerlichen, amerikanischen Rassisten- und Faschistenfanclubs aber ist mutmaßlich vor allem eine Schöpfung eines geheimen deutschen Dienstes, dessen Aufgabe seinem Namen nach eigentlich darin besteht, dass Grundgesetz zu schützen. Logisch, dass von dessen Existenz und dessen Konstruktion die damalige CDU-Landesregierung wusste. Abgesehen davon, dass 2016 mit Sicherheit wieder die CDU die Landesregierung führen wird und sich sowohl Grüne als auch BW-SPD einen Platz am Koalitions-Katzentisch ausrechnen, dürfte das Aufdecken dieser maßlosen, massiven Schweinerei, welche gemeinhin auch unter der Rubrik „staatliches Handeln“ verordnet werden muss, zu einer veritablen Staatskrise – und zwar über Baden-Württemberg hinaus – führen. Ob man das NSU-Trio, von dem man gar nicht weiß, ob es nun V-Leute oder komplett autarke Neonazis waren/sind (oder worin hier eigentlich der Unterschied bestehen soll) unter einem Vorwand nach Heilbronn lockte, um denen, falls die Sache mit den Wattestäbchen nicht halten sollte, den Mord in die Schuhe zu schieben, oder ob man diese tatsächlich als Killer beauftragte, ist noch einmal ein anderes Thema.

Vielen Dank Golden Star For Robot Boy, dass Sie konsequent an der Sachen dran bleiben. Angesichts der Diskussion um Geheimdienste im Zusammenhang mit der NSA-Affäre ist diese NSU-Affäre möglicherweise dazu angetan aufzuzeigen, zu welchen Verbrechen außer Kontrolle geratene Sicherheitsapparate auch hierzulande in der Lage sind. Hoffen wir jedoch, dass sich das oben Fabulierte nur als eine krude Verschwörungstheorie erweist.

lg-mcmac

Anhang (bisschen Thomas Moser noch zum Thema NSU):

Ungeklärter Todesfall

Neonazi-Mordserie ungelöst

Galls Versteckspiel

Die falschen Polizisten aus der Kölner Keupstraße

Kapitulation im NSU-Komplex

NSU-Ausschuss blamiert die Polizei

Doppelspiel der Schlapphüte?

Ludwigsburg-Connection

mcmac 31.01.2014 | 20:03

Der Staat als möglicher Mordbeteiligter – um diese Dimension geht es im NSU-Verfahren. Und sie erklärt vielleicht, was seit dem November 2011 geschieht: Sicherheits- und Ermittlungsbehörden vertuschen in großem Stil die Hintergründe des NSU-Mordkomplexes. Hundertfach wurden Akten vernichtet und manipuliert. Falsche Zeugen wurden in den Untersuchungsausschuss geschickt. Eine ganze Schicht staatlicher Funktionäre unterschlägt ihr Wissen gegenüber der Demokratie.

Der NSU-Komplex: Wer ermittelt gegen den Verfassungsschutz?

Neu in den Blättern (02/14); von Thomas Moser.

lg-mcmac