Talk mit Guttenberg:Kerner menschelt am Krieg vorbei

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Natürlich ist es für die Analyse des desaströsen Afghanistan-Krieges völlig wumpe was J.B. aus Masar-e Sharif berichtet. Die Ausrichtung der Sendung wird sowohl in der Sat 1 Vorankündigung , als auch in seinem heutigen Abendblatt-Interview mehr als deutlich:

"Wir haben mehrere Gäste. Einer ist ein Scharfschütze, der Patrouille fährt. Dann haben wir eine Rettungsassistentin. Dabei handelt es sich um die Frau, in deren Armen der Soldat Pauli starb, der als bisher letzter Deutscher in Afghanistan gefallen ist. Und schließlich spreche ich mit einem weiblichen Oberleutnant, einem relativ hohen Dienstgrad. Sie ist schon seit 2002 bei der Bundeswehr, wurde für den Einsatz gegen atomare, chemische und biologische Waffen ausgebildet, ist in Afghanistan aber vor allem für die Trinkwasserversorgung der Truppe verantwortlich. Mit ihr spreche ich darüber, wie es ist, wenn sie Männern Kommandos gibt und wie sie mit ihren eigenen Schwächen umgeht.(...)Ich werde den Krieg nicht moderieren. Das tue ich in der Sendung auch nicht. Ich spreche mit Soldatinnen und Soldaten sowie mit deren Chef über ihren Einsatz."

Kerner handelt also getreu seines Sendungsmottos "Menschen und ihre Geschichten". Tragische Einzelschicksale, schlichte Betroffenheitsrhetorik, der Soldat, der in ihren Armen starb und der Versuch einer Gender-Debatte im Kontext hierarchischer Strukturen innerhalb eines männerdominierten Uniformträgervereins. Natürlich darf der weibliche Oberleutnant über den Umgang mit seinen Schwächen Auskunft geben.

Mittels dieser simplen Nebelkerzen wird Kerner die entscheidende Frage zum Krieg selbstverständlich umschiffen: Warum müssen überhaupt deutsche Soldaten in Afghanistan ihr Leben aufs Spiel setzen ? Sind militärische Misserfolge, Deutsche in Särgen, der rapide "Sympathieverlust" in der afghanischen Bevölkerung, Massaker an Zivilisten, targeted killings, geheime Operationen, Verschmelzung von ISAF und OEF, skandalöse "Einsätze" von Söldnertruppen, Korruption und Drogenhandel im Umfeld der afghanischen Regierung, fragwürdige Allianzen mit Kriegsverbrechern/ Warlords sowie die zweifelhafte völkerrechtliche Legitimation dieses "Anti-Terrorkrieges" nicht Gründe genug um die Ablehnung des Afghanistan-Krieges durch die deutsche Bevölkerung zu hinterfragen ? Aber Kerner ist nicht Assange, sondern ein karrierebewußter Konformist, der sich lieber im vermeintlichen Glanze des kommenden Kanzlers suhlt und vermutlich respektvoll lächelnd den Minister nach seiner Gattin befragt um anschließend breit grinsend den Beifall der anwesenden Truppe zu erheischen.

Wenn Kerner einen Arsch in der Hose hätte, würde er die Angehörigen der Kunduz-Opfer besuchen und deren Geschichten zu Publizität verhelfen. Stattdessen macht er sich vermutlich zum medialen Erfüllungsgehilfen eines bekennenden Transatlantikers und Raketenschirmfans, den Washington gerne im Kanzleramt sehen würde. Guttenberg wird im Angesicht der banalen Plauderei Kerners die üblichen Standardphrasen/Halbwahrheiten abspulen: moderate Fortschritte, mehr Rechte für afghanische Frauen, mehr Mädchen an Schulen, deutsche Verantwortung, asymmetrischer Krieg, Rückzugsgebiete für Terroristen, Emphatie für unsere Soldaten, die unsere Sicherheit verteidigen und natürlich ganz viel Emotionen:

"Dass es eben nicht nur darum geht, irgendwie kühl, dem Soldatentum als solches nachzugehen, sondern dass Emotionen hier mitspielen."

Sat 1:

" In der Sendung geht es auch darum, wie die Soldaten und Angehörigen gerade in der Weihnachtszeit mit der Trennung von den Liebsten zurechtkommen. Und wie schwer das Leben nach der Rückkehr in die Heimat ist. Immer mehr Soldaten kommen traumatisiert aus Afghanistan zurück. Allein im ersten Halbjahr 2010 hat man 440 Soldaten mit der sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung – kurz PTBS – erfasst. Sebastian Züche (32) leidet an dieser Störung. Der Hauptmann kam körperlich unversehrt aus dem Afghanistan-Einsatz zurück, seelisch aber hat das Erlebte bei ihm tiefe Spuren hinterlassen."

Ja, das Leben kann schwer sein, wenn man an der Seite einer imperialen Großmacht geostrategisch wichtige Dritte Welt Länder okkupiert. Aber irgendwer muss sich schließlich, im Interesse des Welthandels, um die Sicherung der Handelswege und Rohstoffquellen kümmern. Tiefe Spuren und posttraumatische Störungen wird das Erlebte nicht nur bei deutschen Soldaten, sondern vor allem in der afghanischen Bevölkerung hinterlassen. Aber Herr Kerner moderiert ja nicht den Krieg. Er moderiert die Truppe . Heute Abend in Sat 1.

Kerner im Abendblatt:

"Meine Kollegen waren im November schon zu einer Vorbesichtigung da. Zwei Redakteurinnen haben damals dort auch schon gedreht. Wir haben in Afghanistan ja keinen Talk, sondern eine Magazinsendung mit Interviews gemacht. Dafür mussten einige Beiträge vorproduziert werden."

Deutschlandradio:

"Das Ministerium teilte auf eine Anfrage Ströbeles hin mit, man habe vor dem Auftritt insgesamt fünf Mal Teams des Sat.1-Moderators nach Afghanistan reisen lassen. Bereits Anfang November seien Kerners Mitarbeiter vor Ort gewesen. Die Kosten des Ministeriums bei der Show-Aufzeichnung wollte ein Sprecher Guttenbergs nicht beziffern. Die genaue Abrechnung stehe noch aus, hieß es."

New York Times:

" KABUL, Afghanistan — The International Committee of the Red Cross, which usually seeks to avoid the public eye, held a rare news conference here on Wednesday to express deep concern that Afghanistan security had deteriorated to its worst point since the overthrow of the Taliban nine years ago and was preventing aid groups from reaching victims of conflict."











20:48 16.12.2010
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