Virtual Reality im Sommerski: High-End-Show ganz ohne Schnee

Meinung Grüne Landschaft statt Winterwunderland: Was tun gegen den Schneemangel in den zahllosen Fernsehübertragungen des Wintersports? Virtual Reality wird es richten, überlegt Sportreporter Günter Klein
Ausgabe 03/2023
Abbild unserer traurigen Realität: Nur Kunstschnee in den Alpen
Abbild unserer traurigen Realität: Nur Kunstschnee in den Alpen

Foto: Imago/MiS

In den Nachrufen auf Rosi Mittermaier, die Ski-Königin, wurde es gerade wieder erwähnt: Auch die Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck waren von Mangel an Schnee geprägt. Auf die Axamer Lizum, ein Skigebiet mit einer in 1.600 Meter Höhe gelegenen Talstation, musste schon damals das wertvolle Weiß aus schneereicheren Gebieten gebracht werden. Mit Lastwagen und mit Körben, die freiwillige Helfer auf dem Rücken trugen.

Oder wir erinnern uns an die frühen 90er Jahre, als die Produktion von Kunstschnee so weit vorangeschritten war, dass er Plusgraden lange trotzen konnte. Es gab die ersten Bilder von weißen Langlaufbändern in frühlingshaft anmutender Grünlandschaft. Die Süddeutsche Zeitung formulierte die wunderbar verquirlte Überschrift „Vom Widersinn des Zwanges zum Skisport ohne Schnee“. Die Zeile könnte man in diesem Sportwinter wiederverwenden, denn es ist ja nicht besser geworden mit dem Klima, im Gegenteil: Es bestätigt sich, was die Wissenschaftler sagen: Zwar kann immer noch ein Riesenschwall Schnee vom Himmel fallen, aber er fällt eben seltener bis in die Tallagen, wo Sprungschanzen stehen und Loipen gespurt werden sollen.

Werden wir uns also allmählich verabschieden müssen von Acht-Stunden-Strecken an Samstagen und Sonntagen vor dem Fernseher? Von den Ausflügen norddeutscher Kegelvereine, angefixt durch TV-Übertragungen, zur Skisprung-Gaudi nach Winterberg und zum Biathlon nach Ruhpolding, um „Ziiieeehhh“ zu rufen oder jeden Treffer auf die Scheibe abzufeiern? Verändert sich die (deutsche) Wintersport-Konsumkultur, verabschiedet sie sich sogar auf Nimmerwiedersehen?

Nein, das nicht, aber sie befindet sich in einer Transformation.

Der Sport an sich ist relativ safe. Denn er hat Erfahrung darin, Wege zu finden, den sich seit Jahrzehnten verschlechternden Bedingungen entgegenzuwirken. Eisschnelllauf findet in der Halle statt, Eiskunstlauf und Eishockey ohnehin, Bob- und Rodelbahnen können mit entsprechendem energetischen Aufwand schon im Herbst betrieben werden. Für Skilanglauf gibt es in Thüringen einen Tunnel, in dem auch im Sommer trainiert wird, in Nordrhein-Westfalen stehen Skihallen, die ganzjährig ein Winterwunderland vorgaukeln. Skifahren draußen wird durch Verbesserung in der Kunstschnee-Technologie und die Aufbewahrung des Altschnees („Snowfarming“) noch viele Jahre möglich sein. Und – das ist die sensationellste Entwicklung – Skispringen ist auch, gänzlich ohne Schnee, auf Matten möglich. Es ist schon ein halber Sommersport.

Die Frage ist: Kann man die zunehmend winterfremde Optik im Fernsehen kaschieren? Wenn bei einer Videokonferenz mit einem Einstellungs-Klick der Homeoffice-Küchenschrank in eine wuchtige Bibliothek verwandelbar ist, könnte dann nicht ein gnädiger Filter auf grüne Bäume frisch schneegepuderte Wipfel zaubern oder die Schweißperlen der Biathletinnen am Schießstand in Schneekristalle verwandeln?

Und auch wenn die Menschen nicht mehr live an die Strecken kommen wollen – spielt man das anfeuernde Läuten der Kuhglocken eben aus dem Archiv ein. Als eine Mischung aus Realität und Videospiel dürfte der Wintersport noch lange funktionieren. Vorausgesetzt natürlich, man deckt guten Gewissens den Energiebedarf.

Die Show wird schon irgendwie weitergehen. Als High-End-Produkt für Fernsehen und Streaming. Aber mit weniger Akteuren. Die Basis für Wintersport wird sich verkleinern, wenn die von der Natur geschaffene Grundlage fehlt. Eine Rosi von der Winklmoosalm, mit Skiern an den Füßen geboren, wird es nicht mehr geben.

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