Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.
Gunnar Jeschke
RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 19:18

Da gebe ich Ihnen Recht. Es wäre besser gewesen, die Überschüsse aus den Nachbarländern abzukaufen.

Das funktioniert auch, wenn Sie an HEKS oder Helvetas (in der Schweiz) spenden, vermutlich auch beim Roten Kreuz. Es gibt in DEutschland vermutlich ähnlich arbeitende Organisationen (ich nehme an, "Brot für die Welt" weiss auch, wie man es richtig macht).

Sobald das Geld für Hungerhilfe allerdings von Regierungen kommt, benutzen die es, um auch ihre eigenen Bauernverbände glücklich zu machen.

Mitunter kann es aber auch sein, dass es nicht in der zur Verfügung stehenden Zeit möglich ist, die Ueberschüsse aus Nachbarländern aufzukaufen und zu transportieren. Das erfordert eine Infrastruktur (Lager-/Umschlagkapazitäten und Transportkapazitäten), die dort oft fehlt. Einen Hochseehafen und Transportkapazität von dort in die Fläche gibt es aber häufig.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 19:02

Na ja, ich bin eben umgekehrt nicht bereit, etwas als aussichtsreiche Lösung zu betrachten, das seit zwei Jahrzehnten probiert wird und in dieser Zeit nicht "abgehoben" hat. Die andere Biowirtschaft hat ja in genau diesem Zeitraum abgehoben.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 18:57

"Das würde so manchen Schöngeist aus der Fassung werfen."

Yep, ist ein wenig so, wie in Grebes Handwerker-Lied:

"Sag' dem Webdesigner, bau den Boiler wieder ein,

und er steht an den Grenzen, vom Webdesign."

Ich habe als Kind und Jugendlicher von meinem Vater die Grundzüge des Gärtnerns gelernt. Aber wenn ich davon leben müsste, würde mein Körperfettanteil sich wohl dem eines austrainierten Ausdauersportprofis annähern. Und tatsächlich, obwohl Gärtnern und damit vermutlich auch Bauern manchmal Spass macht, bin ich froh Arbeit als Wissenschaftler zu haben und nicht als Bauer unter den Bedingungen einer Subsistenzwirtschaft, die nicht viel mehr als 10% Ueberschuss (den Zehnten als Steuer) abwirft. Denn so war das damals.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 18:48

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin auch dagegen, subventionierte Landwirtschaftsprodukte nach Afrika zu exportieren (es sei denn, es muss einer akuten Hungersnot abgeholfen werden, weil die lokale Ernte nicht ausreicht).

Aber das Kaputtkonkurrieren kommt nicht in erster Linie von den Subventionen. Vielleicht sollten Sie den grist-Artikel eben doch mal lesen. Der mittlere amerikanische Landwirtschaftsbetrieb hat einen zehnfach höheren Hektarertrag als der mittlere afrikanische (und das dürfte in der EU nicht viel anders sein).

Die Ursachen (nicht aus dem grist-Artikel) sind mangelnde Ausbildung, mangelnde Ausbildung, mangelnde Ausbildung und schlechtere Infrastruktur (Landmaschinen, Angebot an Saatgut, Düngemitteln, Herbiziden und Pestiziden, Wettervorhersagen, Lagerräume ausreichender Qualität, Transportmittel ausreichender Qualität, etc.).

Um die Ausbildung hat sich die Entwicklungshilfe bemüht. Es gibt aber, vornehm gesagt, einen gewissen Unwillen, sich von Ausländern sagen zu lassen, wie man Dinge besser macht, für die es eine jahrzehntelange Tradition gibt.

Die Dinge in Afrika sind komplex. Geschichtliche Ursachen existieren, wobei man streiten kann, ob der Kolonialismus nicht vielleicht eher schon zu einem Anstieg der Produktivität geführt hat. Aber zumindest die Hauptursachen für mangelnde Produktivität in der Landwirtschaft sind heute andere.

Das Experiment ist in Simbabwe gemacht worden, als Mugabe die meisten weissen Farmer vertrieb, die auf ihrem Gebiet gut ausgebildet waren und das Land an Einheimische gab, die als Farmer nicht ausgebildet waren.

Was denken Sie, ist danach mit Produktivität und Erträgen geschehen? Und woran, denken Sie, lag der Einbruch? Am Klimawandel sicher nicht.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 18:24

Die Greta, ach die Greta hat ein Bild getwittert, auf dem sie in einem überfüllten Zug der Deutschen Bahn auf dem Boden sitzt. Sie hat erklärt: „Überfüllte Züge sind ein gutes Zeichen, weil die Nachfrage nach Zugreisen hoch ist!“

Nein, liebe Greta. Du hast die parallele Autobahn nicht gesehen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie extrem voll war. Die Züge sind nicht deshalb so überfüllt, weil die Nachfrage so gross, sondern weil das Angebot beschränkt ist - und gerade in Deinem Fall - weil schon wieder mal ein Zug aus technischen Grüden ausgefallen ist. Der Anteil an Zugreisenden im Vergleich zu Autoreisenden ist in der Schweiz viel höher als in Deutschland - weil das Angebot hier wirklich besser ist.

Die Deutsche Bahn, kein Fettnäpfchen auslassend, hat zwar erst versucht, Greta als Werbeträger zu vereinnahmen ("„Liebe #Greta, danke, dass Du uns Eisenbahner im Kampf gegen den Klimawandel unterstützt!"), dann aber unartig ausgeplaudert, dass VIP Greta zwischen Kassel und Hamburg in der 1. Klasse sass und "freundlich und kompetent" am Platz betreut wurde.

Oh, oh. 2. Klasse wäre klimagünstiger gewesen. Zumindest rechnen wir bei Flügen auch Economy als weniger CO2-emittierend als Business Class, weil die Business-Class-Sitze mehr Platz pro Passsagier einnehmen. Das ist in der Bahn nicht anders, denn die Hauptemission kommt vom Bewegen des schweren Zuges.

Es ist eben gar nicht so einfach, heilig zu sein.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 18:10

Ja, da haben Sie wohl Recht. Die EU-Kommission will es, weil sie darin eine Zukunftstechnologie sieht, in der Europa die Marktführerschaft erlangen kann (was bei Maschinenlernen, gern als "Künstliche Intelligenz" apostrophiert, eher unrealistisch erschiene).

Immerhin muss man Ursula von der Leyen lassen, dass sie das nicht verbrämt. Sie sagt ganz offen, dass es eine Wachstumsstrategie ist.

Man will mit steuerfinanzierten Subventionen Technologieführer werden und gleichzeitig einen moralischen Druck aufbauen, damit die anderen Länder das Zeug dann kaufen müssen.

(Die Chinesen sind freilich nicht dumm. Sie glauben vielleicht nicht an die Notwendigkeit oder Möglichkeit, dem Klimawandel wirklich ernsthaft gegenzusteuern, aber den Markt, der sich da auftut, den haben sie fest im Blick. Hat ja bei Solarmodulen auch schon geklappt.)

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 17:45

"Dabei wird regelmässig unterschlagen dass gesunderhaltende Ernährung nicht mit „Kalorien“ allein zu machen ist."

Nee, aber unterhalb einer gewissen Mindestmenge an Nahrungsenergie, gemessen in Kalorien, wird der Mensch apathisch und krankheitsanfällig und dann gibt es noch eine weitere Grenze, etwas darunter, und unter der stirbt er, der Mensch.

Und 10 Milliarden können 2050 (UN-Prognose 9,7 Milliarden) gut auf einem Planeten leben, der dann maximal 1 bis 2 Kelvin (meinetwegen °C) wärmer sein wird (die Temperatur stieg in den vergangenen drei Jahrzehnten um 0,2°C/Jahrzehnt, kein Szenario geht von einer plötzlichen starken Zunahme des Anstiegs aus). Sich an 0,2-0,4°C Anstieg pro Jahrzehnt anzupassen, ist keine Herkulesaufgabe.

Aber die 10 Milliarden können aber eben nur dann gut leben, wenn für sie alle die Mindestmenge an Nahrungsbrennwert zur Verfügung gestellt werden kann. Die konventionelle Landwirtschaft wird das allen Vorhersagen nach (die FAO dürfte das wohl tatsächlich am Besten vorhersagen können) sicher schaffen.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 17:34

"Vergleiche der Hektarerträge zwischen Permakultur und Monokultur sind bislang nicht bekannt."

Permakultur wird nun seit reichlich zwei Jahrzehnten betrieben und zwar von Leuten, die in ihrer großen Mehrheit missionarisch veranlagt sind und die Welt verbessern wollen. Die Hektarerträge von Monokulturen der verschiedensten Pflanzen kann man leicht finden. Permakultur wird seit der zeit, als ihre Verfechter sie großspurig als Landwirtschaft der Zukunft preisen genau wegen der Ertragsfrage kritisiert.

Wolle Sie mir ernsthaft weismachen, niemand von den Permakulturleuten kennt seinen Hektarertrag und, wenn er halbwegs konkurrenzfähig würde, keiner würde ihn als Gegenargument ins Feld führen?

"Nur dass einige mittelgrosse Bauernhöfe davon leben können."

Was meinen Sie mit mittegroß? Als Beispiel gern herumgereicht wird die Ferme du bec Hellouin. Sie hat 1,4 Hektar. Das kann man nicht wirklich als mittelgroß bezeichnen, eher als sehr klein für eine Bauernwirtschaft (mein Vater hat in seiner knappen Freizeit 1/8 Hektar bewirtschaftet, davon reichlich die Hälfte Nutzfläche für Obst und Gemüse). Sie lebt zudem nicht rein von der Permakultur, sondern betreibt diese neben zwei anderen Aktivitäten (darunter eine konventionellere Biolandwirtschaft).

Wenn das nicht ist, was Sie meinen, geben Sie bitte ein Link an, in dem ein mittelgroßer Bauernhof erwähnt wird, der rein von Permakultur lebt.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 16:15

"das heißt nicht, daß es in der industriellen produktion keine alternativen gäbe"

Dem ist schon so. Es ist auch sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll, an solchen Alternativen zu forschen, sie bis zur Marktreife zu entwickeln und dann einzuführen.

Die chemische Industrie könnte noch Jahrzehnte problemlos auf einer fossilen Rohstoffbasis laufen. Aber sicher nicht ewig. Die Rohstoffbasis sukzessive mit neuen Verfahren durch eine erneuerbare zu ersetzen und dabei parallel auf erneuerbare Energien überzugehen, ist sicher sinnvoll.

Nur geht das auch ohne unplausible apokalyptische Szenarien an die Wand zu malen und ohne eine asketische Pseudoreligion. Und es besteht nicht annähernd die Dringlichkeit, die derzeit in den Medien behauptet wird. Was zur Zeit am stärksten überhitzt ist, ist nicht dieser Planet, sondern die öffentliche Diskussion.

RE: Das Phänomen Greta Thunberg | 15.12.2019 | 13:48

Solche Art von Anbau ist vor allem nich mit Erträgen kompatibel, wie man sie braucht, um 8 Milliarden Menschen auf diesem Planeten (demnächst mehr) zu ernähren.

Zur Frage, ob MIneraldüngung dem Boden schadet (und zur Frage, wie es mit Hektarerträgen im Oekolandbau aussieht und was man da gern schönrechnet) gibt es einen guten Artikel auf grist.

Kurz gesagt, auch für die Behauptung, Mineraldüngung würde dem Boden schaden, gibt es keine Belege. Wäre auch erstaunlich, weil es in vielen Ländern seit Jahrzehnten gemacht wird und die Erträge steigen und steigen und steigen...