Va banque

Annexion Aus Moskauer Sicht kontrolliert das ukrainische Militär einige Tausend Quadratkilometer russischen Staatsterritoriums, einschließlich einer Großstadt mit über 700’000 Einwohnern.

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Wie für vieles, so gibt es auch für Annexionen ein übliches Schema des Ablaufs. Zunächst erlangt man die militärische Kontrolle über das Gebiet, dann erlässt man die nötigen Gesetze und eventuelle Verafassungsänderungen und zum Schluss folgen Staatsakt und Feier. So lief auch dei Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 ab. Diesmal ist alles anders. Russland kontrolliert das Gebiet der ukrainischen Oblaste Cherson und Luhansk nicht vollständig und in den Oblasten Donezk und Saporischschja befinden sich jeweils deutlich mehr als tausend Quadratkilometer in ukrainischer Hand. Dazu gehören die Stadt Saporischschja mit mehr als 720’000 Einwohnern, Kramatorsk mit mehr als 150’000 Einwohnern, und Sloviansk mit mehr als 100’000 Einwohnern, wobei sich diese Zahlen jeweils auf die Zeit vor dem 24. Februar 2022 beziehen. Was die Oblast Saporischschja betrifft, dürften mehr als die Hälfte der gegenwärtigen Bevölkerung auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet leben. Staatsakt und Feier fanden gestern, am 30. September statt, während die Abstimmung des russischen Parlaments über die nötigen Gesetzes- und Verfassungsänderungen noch aussteht.

Regierende außerhalb Russlands werden sich wohl denken: Die müssen es aber nötig haben. Vermutlich denkt das auch so mancher in russischen Regierungskreisen, wo bis Ende 2021 auf formelle Korrektheit noch großer Wert gelegt wurde. Im Folgenden analysiere ich die Rede Putins anlässlich der Annexion, die internationalen Reaktionen, die militärische Lage und die Teilmobilisierung in Russland sowie die Sabotageakte gegen die Gaspipelines North Stream 1 und 2, die ebenfalls zur gegenwärtigen Eskalalation des Ukraine-Kriegs gehören. Auf dieser Basis diskutiere ich dann die gegenwärtige Situation Russlands und Westeuropas und die wahrscheinlichen Strategien beider Seiten für den kommenden Winter.

Putins Rede

Ein vollständiges englischsprachiges Transkript von Putins Rede anlässlich der Annexion von mehr als 20% des ukrainischen Territoriums findet sich bei Miragenews. Putin beruft sich anfangs auf Artikel 1 der UN-Charta, in dem von der Selbstbestimmung der Völker die Rede ist, und auf den Willen von Millionen. Wie immer die tatsächlichen Meinungen der Bevölkerung in den annektierten Gebieten einschließlich der von dort Geflohenen sich verteilen, dürfte es dort wohl tatsächlich Millionen geben, die diese Annexion gutheißen. Bevor Artikel 1 der UN-Charta auf die Selbstbestimmung der Völker zu sprechen kommt, redet er allerdings von dem Ziel, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche zu unterdrücken.

Putin kommt dann auf den “russischen Frühling” 2014 in der Ostukraine zu sprechen, die er als Novorossija bezeichnet, und auf “all jene, die für das Recht starben, ihre Muttersprache zu sprechen, ihre Kultur, ihre Traditionen, ihren Glauben zu bewahren”. Von den Opfern des Kriegs 2022 auf russischer Seite erwähnt er speziell den Sohn des stellvertretenden Innenministers Inguschetiens, Nurmagomed Gadzhimagomedov, der sich als Fallschirmjäger bereits am 27. Feburar mit einer Handgranate in die Luft sprengte, als er von ukrainischen Soldaten umrundet war. Putin nennt Gadzhimagomedov einen Helden.

Nach einer Schweigeminute redet Putin von 1000 Jahren Geschichte und beschreibt den Zerfall der Sowjetunion dann mit den folgenden Worten: “1991 beschlossen die Vertreter der damaligen Parteieliten in Beloweschskaja Puschtscha, ohne die Bürger zu fragen, den Zusammenbruch der UdSSR, und die Menschen sahen sich plötzlich von ihrer Heimat abgeschnitten. Dies zerriss und zerstückelte die Gemeinschaft unseres Volkes und wurde zu einer nationalen Katastrophe.” Diese Worte im Zusammenhang mit einer Annexion werden weit über die Ukraine hinaus Aufmerksamkeit finden. Putin beruft sich dabei auf ein Referendum am 27. März 1991 über die Erhaltung der Sowjetunion als erneuerte Föderation gleichberechtigter Republiken bzw. Staaten, in dem sich bei einer Wahlbeteiligung von 80% in den neun teilnehmenden Sowjetrepubliken (darunter die Ukraine) eine klare Mehrheit von 80% für einen Fortbestand der Union ausgesprochen hatte. Putin räumt dann ein, dass die Sowjetunion nicht wiederhergestellt werden könne und Russland darauf auch gar nicht mehr angewiesen sei.

Putin nennt dann die Entscheidung unwiderruflich, den Bürgern der vier ukrainischen Oblaste die russische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Er bietet der Ukraine Verhandlungen überb einen Waffenstillstand an, bei denen aber die “Wahl der Völker Chersons, Spaorischschjas, Donezk’ und Luhansk’ nicht diskutiert werden könne.” Dass Kiew diesen Willen anerkenne sei der einzige Weg zum Frieden. “Wir werden unser Land mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften und Mitteln schützen und alles tun, um das sichere Leben unseres Volkes zu gewährleisten. Dies ist die große Befreiungsmission unseres Volkes.”

Er wendet sich dann an die russischen Soldaten und ihre Angehörigen und erklärt aus seiner Sicht den Krieg. Dabei sagt er: “Ich möchte noch einmal betonen: Gerade in der Gier, in der Absicht, seine unbegrenzte Macht zu erhalten, liegen die wahren Gründe für den hybriden Krieg, den der "kollektive Westen" gegen Russland führt. Sie wollen uns nicht in Freiheit, sondern sie wollen uns als Kolonie sehen. Sie wollen keine gleichberechtigte Zusammenarbeit, sondern Ausbeutung. Sie wollen uns nicht als eine freie Gesellschaft sehen, sondern als eine Menge seelenloser Sklaven. Für sie ist unser Denken und unsere Philosophie eine direkte Bedrohung, und deshalb greifen sie unsere Philosophen an [Es gab einen Mordanschlag mit einer Autobombe, dem im August die Tochter eines russischen Philosophen zum Opfer fiel - GJ]. Unsere Kultur und Kunst sind eine Gefahr für sie, und deshalb versuchen sie, sie zu verbieten. Auch unsere Entwicklung und unser Wohlstand sind für sie eine Bedrohung - die Konkurrenz wächst. Sie brauchen Russland überhaupt nicht, wir brauchen es.”

Die Tirade gegen den Westen, dem Putin Kolonialismus und in Bezug auf die Russophobie auch Rassissmus vorwirft, setzt sich über mehrere Absätze fort. Putin versucht hier, die sowjetische Unterstützung antikolonialer Bewegungen im 20. Jahhundert für Russland zu reklamierten.

Putin wendet sich dann der Sanktionspolitik zu und führt aus: “Washington fordert immer mehr Sanktionen gegen Russland, und die meisten europäischen Politiker stimmen dem willfährig zu. Sie verstehen ganz genau, dass die Vereinigten Staaten, die den vollständigen Verzicht der EU auf russische Energieträger und andere Ressourcen durchsetzen, damit praktisch die Deindustrialisierung Europas und die vollständige Übernahme des europäischen Marktes erreichen wollen - sie verstehen alles, diese Eliten sind Europäer, sie verstehen alles, aber sie ziehen es vor, den Interessen anderer zu dienen. Das ist keine Unterwürfigkeit mehr, sondern ein direkter Verrat an ihren Völkern. Aber Gott segne sie, das ist ihre Sache.” Er wirft den “Angelsachsen” die Zerstörung der paneuropäischen Energiestruktur durch Sabotage vor und weist darauf hin, dass sich die meisten Staaten den westlichen Sanktionen nicht angeschlossen hätten.

Die westliche Propaganda vergleicht Putin direkt mit Goebbels. In Bezug auf den kommenden Winter führt er aus: “Aber man kann die Menschen nicht mit gedruckten Dollars und Euros ernähren. Mit diesen Papierstücken kann man niemanden ernähren, und mit der virtuellen, aufgeblasenen Kapitalisierung westlicher sozialer Netzwerke kann man kein Haus heizen. All das ist wichtig, wovon ich spreche, aber das, was gerade gesagt wurde, ist nicht weniger wichtig: Man kann niemanden mit Papiergeld ernähren - man braucht Nahrung, und man wird niemanden mit diesen aufgeblähten Kapitalisierungen wärmen - man braucht Energie.”

Putin wendet sich dann gegen Gender-Ideologie und bezeichnet die westliche Ideologie insgesamt als Anti-Religion, als Satanismus. Das brauche man in Russland nicht. Er positioniert Russland in einem Kulturkampf, den es auch in westlichen Gesellschaften gibt, auf der Seite der Traditionalisten – paradoxerweise ist das die gleiche Seite, auf der die polnische Regierung steht. Putin endet mit patriotischen Worten des russischen Philosophen Ivan Ilyn, der 1922 aus der Sowjetunion nach Deutschland emigrierte und dort von 1933 bis 1938 ein zwiespältiges Verhältnis zum Nationalsozialismus pflegte: “Wenn ich Russland als mein Mutterland betrachte, dann bedeutet das, dass ich auf Russisch liebe, nachdenke und denke, singe und spreche; dass ich an die geistige Kraft des russischen Volkes glaube. Sein Geist ist mein Geist; sein Schicksal ist mein Schicksal; sein Leid ist mein Leid; seine Blüte ist meine Freude.”

Diese von Reuters etwas selektiver, aber nicht sinnentstellend zitierte Rede habe ich deshalb so ausführlich referiert, weil Putin damit und mit der Annexion jede Möglichkeit eines Kompromissfriedens kategorisch ausschließt. Dieser Krieg wird erst mit einer militärischen Niederlage oder einem wirtschaftlichen Zusammenbruch einer der beiden Seiten enden. Putin hat sich entschieden Va Banque! zu spielen.

Internationale Reaktion

Die USA haben Albanien dafür gewinnen können, eine Resolution im UN-Sicherheitsrat mit einzubringen, welche die Annexion ukrainischer Staatsgebiete durch Russland verurteilt. Diese Resolution ist erwartungsgemäß am russischen Veto gescheitert. Neben zehn Ja-Stimmen haben sich China, Indien, Brasilien und Gabun enthalten. Unter den Ja-Stimmen befinden sich außerhalb des eigentlich westlichen Lagers Mexiko, das auf gute Beziehungen zur USA stark angewiesen ist, die Vereinigten Arabischen Emirate, auf die das ebenfalls zutrifft, aber auch Kenia und Ghana.

Während China, Indien, Brasilien und Gabun keine weitere Eskalation unterstützen, haben sie sich aber allesamt aber auch nicht auf die Seite Russlands gestellt. Kein Land von internationaler Bedeutung wird die Annexionen völkerrechtlich anerkennen, sofern Russland diesen Krieg zuvor nicht militärisch oder wirtschaftlich für sich entscheidet.

Die militärische Lage

Die Annexion ist eine Reaktion auf die Verschlechterung der militärischen Lage aus russischer Sicht in den vergangenen Wochen. In dieser Hinsicht ist sie aber ein zweischneidiges Schwert. Bisher war ein russischer Rückzug die Aufgabe besetzten ukrainischen Territoriums. Sobald die russische Staatsduma den Annexionsvertrag in russisches Recht umgesetzt hat, ist jeder Rückzug außerhalb der Oblast Charkiv die Aufgabe russischen Staatsgebiets.

Obwohl die ukrainischen Streitkräfte seit dem Beginn der Teilmobilmachung und der formellen Ankündigung der Annexionsabsicht keine weiträumigen Operationen durchgeführt haben, hat sich dennoch die Lage der russischen Seite im Frontabschnitt Siverskij Donez erheblich verschlechtert. Die ukrainische Seite hat erhebliche russische Kräfte in der im Mai gefallenen Stadt Lyman derart in Bedrängnis gebracht, dass ihre einzige verbliebene Rückzugsroute bereits im ukrainischen Schussfeld liegt. Selbst das Russland und den Separatisten sehr wohlgesonnene Nachrichtenportal southfront.org spricht von “Heroismus der in Krasnij Lyman verbliebenen russischen Truppen” und räumt ein, dass sie sich zurückziehen müssten, falls keine Verstärkungen einträfen. Bereits gestern hatte southfront.org von der “Organisation einer kreisförmigen Verteidigung”, was ein Euphemismus dafür ist, dass die Truppen kurz davor stehen, eingekesselt zu werden. Laut liveuamap.com haben die ukrainischen Truppen mittlerweile den Stadtrand von Lyman erreicht. Sicher hat southfront.org Recht mit der Ansicht, dass die ukrainische Seite Lyman bereits gestern einnehmen wollte, um die Nachricht von der Annexion zu kontern. Um genau das zu verhindern, hat die russische Seite die (freiwilligen) Reservisteneinheiten BARS-13 und BARS-16 der Gefahr einer Einkesselung ausgesetzt. Falls ihnen der Ausbruch nicht gelingt, wird das die Motivation der neu mobilisierten Reservisten kaum erhöhen. Dass in der Ukraine bereits BARS-Einheiten im Einsatz sind, legt nahe, dass die zur weiteren Mobilisierung zur Verfügung stehenden Reservisten zum größten Teil eine längere Ausbildung benötigen werden, ehe man sie in einen Fronteinsatz schicken kann.

Die Teilmobilisierung

Es ist von hier aus schwer auszumachen, wie groß die bei der russischen Teilmobilisierung aufgetretenen Probleme wirklich sind. Laut Tass haben einzelne russische Oblaste bereits den Abschluss der Einberufungen gemeldet, darunter Brjansk eine Planerfüllung von 100%. Sicher ist, da es auch im russischen Fernsehen diskutiert und vom Regierungssprecher eingeräumt wurde, dass in einer Reihe von Fällen Gestellungsbefehle an Männer ergingen, die aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht hätten einberufen werden sollen. Das scheint die Einschätzung von criticalthreats.org zu bestätigen, dass Russland auf diesem Gebiet administrative Defizite aufweist. Gleichwohl teile ich die Einschätzung von crticalthreats.org nicht, dass eine Einberufung von Reservisten nur einen kleinen Einfluss auf die Kampfkraft der russischen Truppen haben wird. Diese Einschätzung stammt bereits vom 5. März und hatte sich bis mindestens Mitte Sommer als zu optimistisch aus westlicher und ukrainischer Sicht erwiesen. Ich erwarte andererseits aber auch nicht, dass die russische Seite durch die Teilmobilisierung die Fähigkeit zu weiträumigen Offensiven wiedererlangt. Das Überraschungsmoment der Anfangsoffensiven im Februar und März fehlt nun, die ukrainischen Truppen haben eine durchgängige Front gebildet und sind besser ausgerüstet als in der Anfangsphase des Krieges. Es ist sicher möglich, hochwertige Truppen, die sich derzeit in Verteidigungsstellungen oder als Reserve hinter der Front befinden, durch neu aufgestellte Einheiten abzulösen und für Offensivoperationen einzusetzen. Dass solche Offensivoperationen aber zum Beispiel zur Einnahme von Saporischschja, Kramatorsk oder Sloviansk führen werden, erscheint sehr unwahrscheinlich.

Pipeline-Sabotage

In der Nacht auf den 26. September wurden Lecks an den russisch-europäischenen Gaspipelines Nord Stream 2 und kurz danach auch an Nord Stream 1 gemeldet. Die Nord Stream AG hat ihren Hauptsitz im steuergünstigen Schweizer Kanton Zug, bertreibt Nord Stream 1 und gehört mehrheitlich (51%) der russischen Gazprom. Die deutsche Wintershall Dea AG und die zu e.on gehörende PEG Infrastruktur AG halten je 15.5%, die niederländische Gasunie und die französische ENGIE je 9% and den zwei Strängen von Nordstream 1, die 2011 und 2012 in Betrieb genommen und auf 50 Jahre Betriebsdauer hin konzipiert wurden.

Die Nord Stream 2 AG sitzt ebenfalls in Cham im Kanton Zug und gehört zu 100% der russischen Gazprom. An der Finanzierung beteiligten sich wiederum die Wintershall DEA und ENGIE, zusätzlich Shell, Uniper und die österreichische OMV. Die polnische Monopolbehörde beanspruchte 2020 Jurisdiktion über die Pipeline, obwohl diese nirgends durch polnisches Hoheistgebiet verläuft und verhängte die höchstmögliche finanzielle Strafe gegen die Gazprom AG und geringere Strafen die beteiligten westlichen Firmen. Während Nord Stream 2 im vorpommerschen Lubmin endet hat Polen im wenige Kiloneter entfernten Swinemünde ein LNG-Terminal für den Gasimport per Schiff errichtet und verdiente bis zum Ukrainekrieg an Durchleitungsgebühren für russisches Gas durch die Jamal-Pipeline.

Am 27. September wurde offiziell die Baltic Pipe eröffnet, die ebenfalls durch die Ostsee nowegisches Erdgas von Dänemark nach Polen liefert. Das Pipelinestück nach Dänemark zweigt von der Pipeline Europipe II ab, die norwegisches Gas nach Westeuropa liefert und in Niedersachsen ankommt. Das neue Stück von Dänemark verläuft was genau in westlicher Richtung bis in unmittelbare Nähe der Insel Bornholm und biegt dort fast rechtwinklig nach Süden ab. Die Baltic Pipe kreuzt Nord Stream 1 und 2 in unmittelbarer Nähe von Bornholm. Eine von der Financial Times veröffentlichte Grafik zeigt sowohl die Stellen der drei ursprünglich gemeldeten Lecks als auch die etwa 50 Kilometer westlich des Nord Stream-2-Lecks gelegene Kreuzungsstelle der Baltic Pipe mit Nord Stream 1.

Die Stelle seiner Rede, in der Putin dem Westen die Sabotage der russischen Nord Stream Pipelines vorwirft, ist mindestens im Vergleich mit dem Rest der Rede ausgesprochen plausibel. Russland konnte keinerlei Interesse daran haben, diese Pipelines zu zerstören, die viele Milliarden gekostet haben und deren Zufluss Russland ohnehin kontrolliert. Die Pipelines sind möglicherweise irreparabel beschädigt. Wenn Russland in der Lage gewesen wäre, in diesem Gebiet Pipelines zu sprengen, hätte es sich strategisch zumindest angeboten, die Baltic Pipe gleichzeitig zu zerstören. Umgekehrt hat Polen ein großes Interesse an einer Ausschaltung der Nord Stream Pipelines, das mit geostrategischen und Absatzinteressen der USA in Einklang steht.

Wir werden kaum jemals sicher erfahren, was geschehen ist. Der polnische EU-Palamentarier und ehemalige polnische Außenminister, Radosław Sikorski, hat sich allerdings in einem Tweet öffentlich bei den USA für die Sabotage von Nord Stream bedankt. Herr Sikorski hatte zusammen mit dem heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier 2014 für das Abkommen zwischen den Maidan-Politikern und Viktor Janukovich garantiert, das nicht einmal Stunden hielt. Sikorski erklärte seinen Tweet zur Nord-Stream-Sabotage so: "Das Scheitern von Nord Stream schränkt Putins Handlungsspielraum ein. Wenn er die Gaslieferungen nach Europa wieder aufnehmen will, muss er mit den Ländern sprechen, die die Bruderschaft und die Jamal-Pipelines kontrollieren". Das sind die Ukraine (Bruderschaft, Urengoi–Pomary–Uschhorod) und Polen (Jamal). Der "Dankem, USA"-Tweet ist inzwischen gelöscht, wurde aber zuvor dokumentiert.

Strategische Lage

Ich habe oben argumentiert, dass Putin diese Woche den Einsatz so weit erhöht hat, dass Russland diesen Krieg auf eindeutige Weise gewinnen oder verlieren wird. Ein Kompromiss, der das Gesicht beider Seiten wenigstens notdürftig wahrt, ist nicht mehr denkbar. Durch die neuen Annexionen ist auch keine Einigung mehr denkbar, bei der Russland die Kontrolle über die Krim und Teile des Donbass behält, wenn es sich auf die Grenzen des 23. Februar 2022 zurückzöge.

Es stellt sich dann die Frage, unter welchen Umständen Russland den Krieg gewinnen kann. Militärisch scheint das bestenfalls durch eine Großoffensive im kommenden Winter zu erreichen sein. Überstehen die Ukraine und der Westen diesen Winter, so wird die Ukraine im Frühjahr vermutlich die militärische Initiative wiedererlangen, weil ihre Truppen von der NATO ausgebildet, ausgerüstet und mit Aufklärungsinformation versorgt werden. Im Winter hingegen sind für die ukrainische Seite erhebliche Probleme bei der Versorgung ihrer Truppen zu erwarten. Dennoch denke ich nicht, dass die russische Seite im Winter die formell annektierten Gebiete auch vollständig besetzen kann. Letzteres wäre inzwischen die Voraussetzung für ein Einfrieren des Konflikts. Die russische Seite hat jedoch nach dem Rückzug vor Kiew und der Umgruppierung dieser Truppen in die Ostukraine dort keine Großoffensive zustande gebracht. Es ist nicht ersichtlich, wie sie das nun mit vermutlich schlechter ausgebildeten und zahlenmäßig nicht stark überlegenen Truppen zustande bringen sollte.

Besser stehen die russischen Aussichten auf einen wirtschaftlich-sozialen Zusammenbruch der Gegenseite im Winter. Der Wenzelsplatz in Prag war bereits im September zweimal voller Demonstranten gegen die Russland-Sanktionen. In Deutschland beschränken sich die Demonstrationen bisher zwar auf den Osten, dafür ist die Regierung bereits jetzt praktisch handlungsunfähig. Sie kann sich intern nicht einig werden und wenn sie einen kleinsten Nenner gefunden hat, ist sie organisatorisch nicht in der Lage, Entscheidungen in einem vernünftigen Zeitrahmen umzusetzen. Wie stark sich die Konflikte in der EU und in den einzelnen Ländern der EU im Winter verschärfen werden, wird auch davon abhängen, wie kalt der Winter wird. Insgesamt denke ich aber nicht, dass der Westen oder auch nur die Ukraine im kommenden Winter politisch zusammenbrechen werden. Russland wird diesen Krieg wohl nicht mehr gewinnen können und das bedeutet angesichts des Va-banque-Spiels, dass es ihn irgendwann verlieren wird.

Aus der düsteren strategischen Lage Russlands folgt allerdings keine rosige Lage der Ukraine und Westeuropas. Russland wird den Krieg nicht vor dem Sommer 2023 verlieren und es ist sogar hochgradig unwahrscheinlich, dass die ukrainischen Streitkräfte im Laufe des kommenden Jahres die von Russland annektierten Gebiete wiedererobern kann. Bereits im kommenden Winter wird es zu einer weiteren Auswanderungswelle von Frauen und Kindern kommen, weil die Lebensbedingungen unerträglich werden. Die Regierung wird das zulassen müssen, weil sie die Bevölkerung nicht versorgen kann. Dadurch werden allerdings Adminstration und Logistik für die Zukunft erschwert, was den Krieg weiter in die Länge ziehen wird. Zudem wird die russische Seite, um so mehr sie in Bedrängnis gerät, um so stärker zivile Infrastruktur angreifen. Wenn die Ukraine tatsächlich in ein paar Jahren ihre alten Grenzen wiedererlangen sollte, wird sie völlig verarmt sein. Aus den jetzt annektierten Gebieten wird ein großer teil der Bevölkerung, die ja die russische Staatsbürgerschaft hat, nach Russland fliehen – aus durchaus guten Gründen. Die Bereitschaft des inzwischen ebenfalls wirtschaftlich stark unter die Räder gekommenen Westeuropas, die Ukraine beim Wiederaufbau finanziell zu unterstützen, wird ermatten, sobald Russlan den Krieg verloren hat. Da es ausgeschlossen ist, dass die Ukraine Russland so beseiget, dass das Land Reparationen erlangen kann, sieht die Zukunft der Ukraine auch im Falle eines Sieges düster aus.

Was die EU betrifft, verschlechtert sich ihre wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit im Vergleich zu China, Indien und den USA durch den verlorenen Zugang zu billiger Energie nachhaltig. Die europäischen Jahrhunderte sind vorbei.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.

Gunnar Jeschke

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