Eine Prüfung im Jahr 2400

Covid-19 Die Studentin Ablam steht vor einem schwierigen Problem.

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Da ist nichts.

Antwort des Sokrates auf die Frage nach der Schwarmintelligenz

Bei ihrer Prüfung im Fach Quantitative Geschichte wird Ablam mit einer Fragestellung aus grauer Vorzeit konfrontiert, dem Anfang des 3. Jahrtausends. Diese Periode ist bei Prüfern beliebt, weil einerseits ausreichende Daten vorliegen, andererseits die Studenten aber deren oft verworrenen historischen Kontext nicht kennen. Bei Ablams Prüfungsfrage geht es um gesellschaftliche Verwerfungen in einem der damals höchstentwickelten Länder, Deutschland. Diese Verwerfungen seien einer Pandemie zugeschrieben worden. Ablam dürfe zwei Datensätze aus der Periode 2000-2021 anfordern, von deren Existenz sicher auszugehen sei. Anhand dieser Datensätze solle sie zunächst innerhalb der Periode einen Zweijahreszeitraum finden, der dieser Pandemie zuzurechnen sei.

Ablam entscheidet sich, Sterbetafeln für den benannten Zeitraum anzufordern. Weil sie weiß, dass die Sterblichkeit sehr stark von der Altersverteilung abhängt, verlangt sie diese Tafeln nach Altersgruppen aufgelöst. Da die Altersverteilung sich ebenfalls zeitlich ändert, verlangt Ablam als zweiten Datensatz Angaben zur Demographie. In diesen Daten findet sie tatsächlich einen deutlichen Alterungstrend im betrachteten Zeitraum (Abbildung 1). Sie kann die Originaldaten (Punkte) recht gut mit Polynomen 5. Grades (Linien) anpassen und sich so mit der Wochenauflösung der Sterbetafeln Näherungswerte für die Bevölkerungszahlen verschaffen.

Mit diesen Werten normiert sie die Sterbetafeln. Sie entscheidet sich für eine Darstellung der wöchentlichen Anzahl von Sterbefällen unter einer Million Personen (Abbildung 2). Weil diese Zahlen sehr stark mit dem Alter variieren, präsentiert sie die Daten mit drei verschiedenen vertikalen Skalierungen. So sind die Zeitverläufe für alle Altersgruppen gut sichtbar. Ihr wird schnell klar, dass sie aus den angeforderten Daten den Pandemiezeitraum nicht bestimmen kann. Wenn sie, geneigte Leserin oder geneigter Leser, in Abbildung 2 eine schwere Epidemie erkennen können, sind Sie herzlich eingeladen, in einem Kommentar zu erklären, woran.

Da Ablam gewitzt ist, hat sie sich auch auf mögliche Prüfungsstile vorbereitet. Nach einer Phase, in der das kritische Denken verfallen war, hatten die Hochschullehrer sich geeinigt, hin und wieder eine Prüfung mit einer falschen Behauptung zu beginnen. Ablam hegt den Verdacht, dass sie sich in einer solchen Situation befindet. Sie verwendet den Rest der Vorbereitungszeit darauf, sich eine Argumentation zurechtzulegen.

Vor der Prüfungskommission erklärt sie zunächst ihre Vorgehensweise und legt dann dar, dass eine schwere Epidemie sich fast unausweichlich in erhöhten Sterbezahlen niederschlagen müsse. Wenn nicht gerade sehr große Teile der Bevölkerung mit mittelschweren Verläufen über längere Zeit arbeitsunfähig gewesen seien, müsse man die damals wahrgenommene Pandemie als Ursache der gesellschaftlichen Verwerfungen ausschließen. Diese Ursache sei anderswo zu suchen.

Die Kommission würdigt ihre Datenauswahl als relevant und ihre Aufbereitung der Daten als adäquat. Sie gibt aber zu bedenken, dass die sogenannte Covid-19-Pandemie schon bald nach der Entdeckung des zugrundeliegenden Virus SARS-Cov2 Ende 2019 die politischen Diskussionen in Deutschland nahezu monopolisiert habe. Zwischen dem 4. März 2020 und dem 28. November 2021 seien über 100‘000 Todesfälle Covid-19 zugeordnet worden. Die entsprechenden Daten würde man nun Ablam zusätzlich zur Verfügung stellen. Da sie sich richtigerweise für eine altersgruppenbezogene Analyse entschieden hätte, würde man ihr auch die Aufteilung der Sterbefälle auf die von ihr gebildeten Altersgruppen mitteilen. Diese habe das in Deutschland verantwortliche Robert-Koch Institut allerdings nur summarisch für den Zeitraum bis zum 9. Dezember 2021 veröffentlicht. Sie solle die neuen Daten in ihre Darstellung integrieren und das Problem auf dieser Basis erneut diskutieren. Dabei müsse sie einen Zusammenhang zwischen der Pandemie und den gesellschaftlichen Verwerfungen herstellen. Falls sie auf ihrer Auffassung beharre, dass dieser Zusammenhang nicht ursächlich sei, müsse sie eine Methodik skizzieren, mit der man die tatsächliche Ursache suchen könne.

Ablam summiert zunächst die Covid-19 zugeordneten Todesfälle für die Kalenderwochen, über die in den Sterbetafeln berichtet wird, und trägt diese gegen die Zeit auf (Abbildung 3). Sie bemerkt ein ähnliches Wellenverhalten wie bei den Sterbefällen in den höheren Altersgruppen im Zeitraum 2000-2021. Um die neuen Daten mit diesen Wellen zu vergleichen, benötigt sie Basislinien der Sterbefälle. Nach einigen Tests verschafft sie sich auch die Basislinien durch Anpassung von Polynomen 5. Grades an die Daten im gesamten Zeitraum. Dabei schließt sie die Wellen aus den Daten aus, indem sie alle Punkte entfernt, die sich um mehr als zwei Standardabweichungen von der bereits gefundenen Basislinie unterscheiden. Mit den restlichen Punkten führt sie eine neue Anpassung durch. Das wiederholt sie so lange, bis keine weiteren Punkte mehr ausgeschlossen werden. Die so gefundene Basislinie stellt sie gepunktet in einer Kontrastfarbe dar (Abbildung 4). Nun muss sie nur noch die Covid-19 zugeordneten Sterbefälle auf die Altersgruppen aufteilen und zur Basislinie addieren. Diese Daten zeichnet sie als durchgezogene Linie in der Kontrastfarbe ein.

Sie entschließt sich, die Daten nun nur noch von 2017 bis 2021 darzustellen. So sind einerseits die Covid-19-Daten gut erkennbar, während andererseits noch genug Kontext zu sehen ist, um die Zeit nach der Entdeckung von SARS-Cov2 mit derjenigen vor dieser Entdeckung zu vergleichen.

Die Übereinstimmung der Covid-19-Wellen mit den Sterbefallwellen ist in den drei höchsten Altersgruppen nicht perfekt. Ablam schließt daraus, dass die Anteile der Altersgruppen an den Covid-19 zugeordneten Sterbefällen zeitlich etwas variabel waren. Mit den vorhandenen Daten kann sie die Darstellung allerdings nicht verbessern. Unterhalb von 50 Jahren sind die Covid-19 zugeordneten Sterbefälle statistisch nicht signifikant.

Diesmal argumentiert Ablam vor der Kommission, dass die weitgehende Übereinstimmung der Sterbefallwellen mit den Covid-19 zugeordneten Todesfällen erklären würde, warum eine mäßig informierte und wohl auch nur mäßig datenliterate Öffentlichkeit die Zuordnung der 100‘000 Sterbefälle zu Covid-19 akzeptiert habe. Gleichwohl sei diese Zuordnung im Sinne einer Bedingtheit der Sterbefälle durch Covid-19 falsch. Das gehe aus dem Vergleich mit den Vorjahren klar hervor. Das neue Virus SARS-Cov2 habe, sofern es an diesen Todesfällen beteiligt war, lediglich andere Infektionen in den Vorjahren ersetzt. Es habe jedoch nicht zu zusätzlichen Todesfällen in einem erkennbaren Ausmaß geführt.

Es seien lediglich neue Messungen eingeführt, neue Zuordnungen getroffen und die Ergebnisse veröffentlicht worden. Qualitativ habe sich jedoch im Vergleich mit der Zeit vor der Entdeckung von SARS-Cov2 nichts geändert. Die neuen Messungen und Zuordnungen und deren breite Publikation hätten zu einer Fehleinschätzung der Situation durch die Gesellschaft geführt. Diese Fehleinschätzung habe dann wohl wiederum gesellschaftliche Verwerfungen befördert.

Es sei dennoch unwahrscheinlich, dass die skizzierten Vorgänge die Ursache der Verwerfungen seien. Erstens müsse man sich ja die Frage stellen, wie eine Gesellschaft auf einem recht hohen Stand von Wissenschaft und Technologie einer so krassen Fehleinschätzung erliegen und diese zwei Jahre beibehalten konnte. Dafür müsse es auch eine Ursache gegeben haben. Zweitens sei unklar, wie diese Fehleinschätzung allein habe zu Verwerfungen führen können, wenn doch die realen Auswirkungen des Virus den Rahmen der vergangenen zwei Jahrzehnte nicht überschritten hätten. Auch hier solle man besser nach einer anderen Ursache suchen.

Dabei gehe man wohl am besten davon aus, dass gesellschaftliche Verwerfungen, sofern sie nicht aus Katastrophen resultieren, fast immer auf Machtverschiebungen oder eine Instabilität der Machtverhältnisse zurückzuführen seien. Damit verlasse man allerdings das Gebiet der quantitativen Historiographie, das hier Prüfungsgegenstand sei, und betrete dasjenige der deskriptiven Historiographie. Sie, Ablam, wolle dennoch kurz skizzieren, wie man die Suche nach Ursachen angehen könne. Da das Machtsystem innerhalb dieser Arbeitshypothese im März 2020 bereits stark instabil gewesen sein müsse, sei die Ursache in einer längeren Entwicklung vor dem Jahr 2020 zu suchen. Weil von einer Pandemie die Rede sei, habe diese Instabilität vermutlich nicht allein Deutschland betroffen. Die Ursache sei daher wohl kaum in nationalen Entwicklungen zu suchen. Man sollte also versuchen, die Muster von Machtverschiebungen und politischen Instabilitäten erkennen, die einer größeren Zahl von Ländern vor 2020 gemein waren. Mehr könne sie angesichts der dünnen Informationsbasis nicht sagen.

Die Kommission bezeichnete die Argumentation als gelungen und den Ansatz als vielversprechend. Im Rahmen einer Prüfung sei er allerdings nicht weiter zu vertiefen, zumal Ablam recht darin habe, dass der Schwerpunkt sich damit in die deskriptive Historiographie verschiebe. Allerdings solle Ablam nicht vergessen, dass im Rahmen einer solchen Untersuchung der quantitativen Historiographie noch immer eine wichtige Hilfsrolle zukäme. Zwischenhypothesen würden wohl recht oft einen Bezug zu vorhandenen Daten haben. Sie sollten daher anhand dieser Daten überprüft werden. Abschließend empfahl die Kommission Ablam, dieses Thema nicht in einer Forschungsarbeit zu vertiefen. Zeiten des Niedergangs dürften zwar durchaus Interesse beanspruchen und auch das Morbide könne bisweilen attraktiv sein. Angesichts ihrer Fähigkeiten solle sich Ablam jedoch besser ein Thema aus einer Zeit des Aufstiegs suchen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.
Gunnar Jeschke

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