Jenseits der Propaganda im Fall Skripal

Fakten und Fake News Bleiben wir doch sachlich. Was wissen wir über den Fall Skripal und was wissen wir nicht?
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Was sind Nowitschok-Nervengifte?

Bei der Reihe von Nowitschok-Kampfmitteln („Neuling“) handelt es sich laut russischen dissidenten Wissenschaftlern um Weiterentwicklungen der deutschen Kampfstoffe Sarin, Soman und Tabun, die für den 2. Weltkrieg entwickelt, aber nicht eingesetzt wurden, und das von den USA entwickelte Kontaktgift VX. All diese Substanzen sind Acetylcolinesterasehemmer, die in weniger toxischen Varianten auch als Insektizide eingesetzt werden.

Nervenzellen übermitteln einander Signale, indem sie an ihrer Kontaktstelle, der Synapse, den Botenstoff Acetylcholin ausschütten bzw. aufnehmen. Damit das System funktioniert, muss ein gegebenes Signal nach einer gewissen Zeit wieder gelöscht werden. Das übernimmt das Enzym Aceylcholinesterase, indem es den Botenstoff zersetzt. Die Nervengifte blockieren dieses Enzym und bringen dadurch die Signalisation durcheinander. Eine Folge dessen ist die Dauerkontraktion von Muskeln (Krämpfe). Eine Dauerkontraktion der Atemmuskulatur kann dann zum Tod führen. Die Muskelkontraktion kann durch das Gegenmittel Atropin gelöst werden, das die Rezeptoren blockiert, welche die Signalwirkung des Acetylcholins erkennen. Dadurch wird aber nur die Giftwirkung vermindert. Atropin ist kein universelles Gegengift. Die Signalkette funktioniert nicht normal, wenn sowohl ein Acetylcholinesterasehemmer als auch Atropin zugegen sind. Die Reaktivierung der Acetylcholinesterase gelingt bei Sarin, Soman und Tabun über den Wirkstoff Obidoximchlorid. Bei VX funktioniert das nur in der ersten Phase der Vergiftung. Im Falle der Nowitschok-Gifte ist öffentlich nicht bekannt, wie effektiv die Behandlung mit Atropin und Obidoximchlorid ist.

Jede moderne Armee verfügt über Schnelltests auf derartige Nervengifte und rüstet ihre Soldaten mit Atropinspritzen aus. Die traditionellen Vertreter dieser Substanzklasse werden von der Chemiewaffenkonvention erfasst und schon die Produktion ihrer Ausgangsstoffe ist verboten. Die Verbindungen sind nur begrenzt lagerfähig, so dass sie auch immer wieder nachproduziert werden müssen. Um die letzten beiden Probleme (aus Sicht des Militärs) zu lösen, wurden zunächst in den USA in den 1970er Jahren binäre Nervenkampfstoffe entwickelt, die erst unmittelbar vor dem Einsatz aus stabileren und unverdächtigen Komponenten hergestellt werden können. Die binäre Variante von VX wird als VX2 bezeichnet.

Das Programm zur Entwicklung der Nowitschok-Kampfmittel wurde 1992 durch Mirzayanov in der russischen Zeitung Moskovskije Novosti offenbart. Mirzayanow behauptete, als Mitarbeiter der Gegenaufklärung für Messungen ausserhalb des Entwicklungsinstituts verantwortlich gewesen zu sein. Diese Messungen hatten wiederum zum Ziel, dass ausländische Geheimdienste nicht durch Kontamination auf das Programm aufmerksam würden. Von Mirzayanov stammt fast die gesamte öffentlich bekannte Information über Nowitschok-Kampfmittel. Er wurde zunächst wegen Geheimnisverrats verhaftet und es kam zu einem Prozess. Daher ist zumindest bekannt, dass es ein derartiges Programm gab, was auch niemanden überraschen sollte. Zu einer Verurteilung kam es allerdings nicht, weil sein Artikel keine Strukturformeln giftiger Substanzen bekannt gemacht habe, die nicht schon bekannt gewesen seien und er (damals) auch nicht veröffentlicht habe, wo sich Testgelände befänden. 1994 offenbarte Vladimir Uglev in Novoye Vremya in einem Interview die Existenz des bekanntesten Vertreters A-232 (Novichok-5), dessen Strukturformel im Internet leicht auffindbar ist.

Soweit man weiss, wurde die Nowitschok-Reihe in den 1980er Jahren bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelt. Ein Teil dieser Verbindungen soll binär aus Ausgangsstoffen herstellbar sein, die bei einer Chemiewaffeninspektion unverdächtig wirken würden. Die Verbindungen selbst sind von der Chemiewaffenkonvention nicht direkt betroffen, fallen aber wegen ihrer hohen Toxizität und des Fehlens kommerzieller Anwendungsgebiete unter ein indirekteres Verbot. Ein Teil der Verbindungen der Nowitschok-Serie wird von einfacheren Tests auf Phosphorsäure-Nervengifte nicht erkannt.

Die gesamte Information zu Nowitschok-Substanzen stammt aus der Presse und dem Internet. Die Organisation zum Verbot von Chemiewaffen hat 2011 festgestellt, dass es damals keine einzige wissenschaftliche Publikation in einer referierten Zeitschrift gab. Sie hat 2013 einen Kommentar zu den Eigenschaften oder sogar zur Existenz dieser Kampfstoffe verweigert. Das ist weniger unlogisch als es klingt, denn ob die Substanzen je bis zur Einsatzfähigkeit entwickelt wurden, ist unbekannt.

Wer hat Zugang zu Nowitschok-Kampfstoffen?

Das Pilotproduktions- und Testgelände befand sich nicht in Russland, sondern laut übereinstimmenden Berichten westlicher Medien in der Nähe von Nukus in Usbekistan. Mirzayanov selbst hat laut der New York Times 1999 diese Einrichtung mit der Nowitschok-Testproduktion in Verbindung gebracht. Nachdem die Existenz des Nowitschok-Programms bekanntgeworden war, wurde das Pilotproduktions- und Testgelände in Uzbekistan ab 1999 durch die US Army geräumt und dekontaminiert. Diese Information kann man auch einem Artikel von Radio Free Europe aus dieser Zeit entnehmen. Radio Free Europe ist ein ursprünglich von der CIA finanziertes Propaganda-Outlet der USA. Es wäre naiv anzunehmen, dass US-Geheimdienste 1999 die Gelegenheit ungenutzt gelassen hätten, soviel Information wie möglich über das Nowitschok-Programm einschließlich von Materialproben zu erhalten. Die Ausgangsstoffe für die Nowitschok-Serie wurden in Pavlodar in Kasachstan hergestellt. Dieses Werk wurde 1987 kurz vor der Einigung auf die Chemiewaffenkonvention abgerissen. Nach dem Handbuch über chemische und biologische Waffen, bei dem es sich um eine Publikation handelt, die wissenschaftlichen Standards genügt, gibt es auch keinerlei Hinweise, dass die Sowjetunion je über Tests und eine Pilotproduktion hinausgegangen wäre und tatsächlich Waffen konfektioniert und eingelagert habe.

Dieser älteren Information von Internet-Seiten, die lange vor der jetzigen Affäre existierten, kann man aktuelle Meldungen gegenüberstellen. So behauptet im Guardian ein gewisser Hamish de Bretton-Gordon, früher Kommandeur eines britischen Regiments für chemische, biologische und Kernwaffen, Nowitschok-Gifte seien nur an einem Ort in Russland (Shikhany) hergestellt worden – in offensichtlichem Widerspruch zu aller Information, die der Öffentlichkeit vor dem 4. März 2018 vorlag, wie man zum Beispiel auch in der Enzyklopädie über Massenvernichtungswaffen nachlesen kann. Aufgrund der Funktionen von de Bretton Gordon darf man ganz sicher annehmen, dass er die Information über Nukus in Usbekistan und über Pavlodar in Kasachstan kennt. Daraus folgt, dass de Bretton Gordon im Guardian die Öffentlichkeit bewusst belügt und dass wir hier einer gezielten und organisierten Kampagne ausgesetzt sind.

Natürlich muss man auch davon ausgehen, dass die russischen Geheimdienste und das russische Militär immer noch über umfangreiche Archivunterlagen verfügen und zumindest über Labormengen von Vorprodukten. Diese Dinge wird man nicht in Shikhany vermuten müssen, sondern an einem Ort, der dem Westen nicht bekannt sein dürfte, zumindest nicht offiziell und zu dem man daher auch keinen Zugang durch eine Kontrollorganisation verlangen kann.

Im Gegensatz zu einigen Experten, die sich in den letzten Tagen zu Wort gemeldet haben, halte ich es nicht einmal für ausgeschlossen, dass nichtstaatliche Akteure die kleinen Mengen von Nowitschok-Giften herstellen könnten, die für einen Anschlag auf Einzelpersonen ausreichen. Zwar sind Nowitschok-Gifte schwieriger herzustellen als Sarin, von dem die japanische Sekte Aum Shinrikyo 1995 eine Menge von mehreren Litern für einen Anschlag auf die Tokioter U-Bahn produziert hatte. Insbesondere sind die physikalischen Eigenschaften der Nowitschok-Substanzen nicht öffentlich bekannt, die eine Aufreinigung eines Produkts ermöglichen würden, ohne dass man Zugang zu leistungsfähiger Analytik hat. Allerdings sind einige Stoffe nach den vorliegenden Informationen angeblich derart toxisch, dass für einen Anschlag auch ein ungereinigtes Rohprodukt vollkommen ausreichend wäre. Dennoch würde ich eher von einem staatlichen Akteur als Täter ausgehen. Ein nichtstaatlicher Akteur könnte seine Ziele mit weniger Aufwand erreichen, als er für die Synthese von Nowitschok-Verbindungen nötig ist. Wir müssen also die Frage stellen, welcher Geheimdienst oder welche Geheimdienste ein Interesse gehabt haben könnten.

Wer könnte Skripal vergiftet haben?

Aus geheimdienstlicher Sicht beider Seiten war Skripal als Person nicht mehr interessant, weil er über keine aktuellen Informationen oder Wirkmöglichkeiten verfügte. In Frage kommen also nur noch entweder die Abschreckung anderer Doppelagenten oder die Ausnutzung des Falles Skripal in geostrategischen Machtspielen.

Stellen wir zunächst die Frage, welches Interesse russische Geheimdienste hätten haben können. Ihn nach so langer Zeit zur Abschreckung anderer Doppelagenten zu töten, ist eine mögliche Deutung. Allerdings hätte es keinen Grund dafür gegeben, das derart spektakulär und mit Mitteln zu tun, die in einer Propagandaschlacht nutzbar sind. So etwas führt man in einer Art durch, bei der Eingeweihte wissen, was geschehen ist, ohne dass der Fall in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird. Ein Geheimdienst kann kein Interesse daran haben, dass seine Aktionen und seine moralischen Qualitäten in den Medien diskutiert werden.

Hat Russland ein geostrategisches Interesse an diesem Fall? Ich kann ein solches nicht erkennen. Ein solches Handeln würde notfalls noch zu einem Akteur passen, der sich in der geostrategischen Defensive befindet und wenigstens einen derartigen Coup als Erfolg vorweisen will. Der russische Präsident Putin steht kurz vor einem wahrscheinlich unangefochtenen Wahlsieg und der russische Verbündete Syrien steht kurz vor einem Sieg in der Schlacht um Ost-Ghouta. In den westlichen Ländern war eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Sanktionen gegen Russland im Gange. In dieser Situation ist schwer zu erkennen, was für ein Interesse der russische Staat an einer derartigen Aktion gehabt haben sollte, die dem Gegner sehr gutes Propagandamaterial in die Hände spielt und zu einer Verschärfung statt einem Abbau der Sanktionen führen muss.

Stellen wir nun die Frage, ob ein westlicher Geheimdienst Skripal aus Abschreckung oder Rache getötet haben könnte. Fast alle scheinen davon auszugehen, dass das nicht der Fall sein kann, weil er ja einer der ihren sei. Das scheint mir nicht ganz so sicher zu sein. Skripal sass in Russland lange Zeit in Haft. Welche Informationen die russische Seite vor dem Agentenaustausch von ihm erhalten hat, ist der Öffentlichkeit unbekannt. Westliche Geheimdienste könnten aufgrund der Konsequenzen zumindest eine vage Vorstellung darüber haben, was Skripal möglicherweise ausgeplaudert hatte.

Wenn es um geostrategische Machtspiele geht, spielt das Leben einzelner Personen für Geheimdienste keine übergeordnete Rolle. Auf Seiten westlicher Geheimdienste darf man zumindest ein Interesse vermuten, Russland in die Defensive einer Propagandaschlacht zu drängen. Zudem ist der Fall der Anlage nach geeignet, Russland unter Druck zu setzen, Chemiewaffen-Inspektionen zuzulassen, bei denen man immer irgendetwas erfährt, und seine Information über das Nowitschok-Programm offenzulegen. Genau in diese Richtung zielt der de Bretton Gordon-Artikel im Guardian. Das von de Bretton Gordon beschriebene Szenario darf, zusammen mit dem Propagandawert der Aktion, in der gegenwärtigen defensiven geostrategischen Situation des Westens als ein für Geheimdienste hinreichendes Motiv gelten.

Werden wir je sichere Information haben?

Wie in den meisten solcher Fälle wird wahrscheinlich keine der beiden Seiten ihre Version beweisen können. Die westliche Seite scheint darauf hinzuarbeiten, die Frage auf die Substanzanalytik einzuengen. Sie wird irgendwann Chemiewaffenkontrolleuren Substanz bereitstellen und es wird möglicherweise gelingen, die Herkunft der Substanz über Isotopenmuster (die Verteilung leichtere und schwerer Atomkerne des gleichen Elements) zuzuordnen, vermutlich dann einer sowjetischen Quelle. Das allerdings bedeutet noch gar nichts, denn die entsprechenden Ausgangsstoffe aus sowjetischen Quellen hätte sich jeder Geheimdienst unschwer beschaffen können. Es kommt noch hinzu, dass im vorliegenden Fall die amerikanischen Dienste Zugang zum Produktions- und Testgelände in Nukus hatten. Damit würde eine Beweisführung für die westliche Version erfordern, dass man den Weg der Substanz nachverfolgt oder die Täter selbst fasst, was kaum gelingen wird.

Umgekehrt könnte auch Russland die Sache nur aus der Welt schaffen, wenn es beweisen könnte, dass fremde Geheimdienste die Täter waren. Da die Tat auf einem Gebiet geschehen ist, zu dem man keinen offiziellen Zugang hat und in dem man bestenfalls verdeckt und wenig effektiv ermitteln kann, dürfte das ausgeschlossen sein.

10:47 17.03.2018
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Geschrieben von

Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.
Gunnar Jeschke

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