Langsam bewegliche Fronten

Ukraine Die weithin erwartete russische Großoffensive steckt nahezu fest.

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Nach dem Rückzug der russischen Truppen vor Kiew erwarteten westliche, aber auch ukrainische Militärexperten eine Umgruppierung der russischen Kräfte und eine Großoffensive im Donbass. Die russische Seite hatte selbst von einer Fokussierung der Kräfte auf den Osten gesprochen. Es gab zwar weiterhin Luft- und Raketenangriffen im ganzen Land und besonders gegen Odessa, den zähen Kampf und das zerstörte Asowstahlwerk in Mariupol und an den anderen Fronten auch teilweise starken Artilleriebeschuss ukrainischer durch russische Truppen. Man kann aber nicht behaupten, dass die russische Seite im Süden versucht hätte, weiteren Raum zu gewinnen. Im Donbass versucht sie das ganz gewiss. Dieser Blogbeitrag untersucht, wie sie damit vorankommt. Die Ukraine ihrerseits hatte etwas später zwei Offensiven im Raum Charkiv und gegen Isjum angekündigt. Auch der Verlauf dieser Offensiven wird hier diskutiert. Dazu vergleiche ich die Frontverläufe am 14. April und 13. Mai, so wie sie auf militaryland.net dokumentiert sind.

Raum Charkiv

Wie Abbildung 1 zeigt, ist die ukrainische Offensive im Raum Charkiw erfolgreich. Zwar liegt Charkiv nach wie vor in Artillerieentfernung von den nächstgelegenen Frontlinien, insbesondere in den Richtungen Nordwesten und Osten sind diese Linien aber um 10 bis sogar 40 km zurückgedrängt worden. Im Osten haben sich die russischen Truppen an einem langen Frontabschnitt hinter den Siverskyj Donez zurückgezogen, der in dieser Gegend sehr breit ist und daher eine natürliche Verteidigungslinie bildet. Im Nordwesten sind sie in einem kurzen Abschnitt hinter die russische Grenze zurückgedrängt worden. Zu erwarten ist, dass die ukrainische Offensive an diesen beiden Linien zum Stehen kommen wird. Wenn das gelingt, würde der starke Druck auf Charkiv genommen sein. Je nach dem Zustand, in dem sich das dortige Malyschew-Panzerwerk befindet, könnte das strategische Bedeutung haben, auch wenn natürlich Versuche eine Wiederinbetriebnahme durch heftige Luft- und Raketenangriffe gestört würden.

Raum Isjum und Sloviansk

Die zweite angekündigte ukrainische Offensive in Richtung Isjum hat hingegen keinerlei Ergebnisse erbracht. Bei der Betrachtung von Abbildung 2 muss man berücksichtigen, dass die meisten russischen Gebietsgewinne nahe Isjum aus der Zeit zwischen dem 14. April und der Ankündigung der ukrainischen Offensive stammen. Nichts von diesen Gewinnen konnte jedoch rückgängig gemacht werden, vielmehr rückte die russische Seite an einem Punkt weiter geringfügig vor. Die wesentlichen russischen Gebietsgewinne ereigneten sich allerdings östlich von Isjum. Bei Yampil hat die russische Seite eine wichtige Bahnlinie unterbrochen, desweiteren ist sind die Bahnlinie Lyman-Sloviansk und die Straße Lyman-Sloviansk dadurch unterbrochen, dass die russische Seite dort die Brücken über den Siverskyj Donez zerstört hat. Die russischen Truppen stehen so nahe an der einzigen anderen Straße, die Lyman über Sviatohirsk noch mit ukrainisch kontrolliertem Gebiet verbindet, dass diese nicht mehr als sicherer Transport- oder Evakuierungsweg gelten kann. Sloviansk selbst kann aber von Süden aus weiter versorgt werden, auch wenn die wichtigste dorthin führende Bahnlinie aus westlicher Richtung ebenfalls in bequemer Schussentfernung russischer Truppen liegt.

Raum Siverodonezk

Die in Abbildung 3 gezeigten Änderungen des Frontverlaufs im Raum Siverodonezk/Lyssytschansk sehen harmloser aus als sie sind. Das lange umkämpfte, nördlich von Siverodonezk gelegene Rubizhne ist vorgestern zusammen mit Vojevodivka gefallen. Die ukrainische Seite sah sich gezwungen, die Brücke über den Fluss Borova zu sprengen, die am nördlichen Stadtrand von Siverodonezk liegt. Nordwestlich von Lyssytschansk, das westlich gegenüber Siverodonezk am Fluss Siverskyj Donez liegt, haben die russischen Truppen diesen Fluss überwunden, so dass von dieser Seite kein natürliches Hindernis zwischen diesen Truppen un den beiden Städten liegt. Mit dem Fall dieser beiden Städte muss in den kommenden Wochen gerechnet werden. Russische Truppen haben auch die ukrainischen Truppen aus dem lange umkämpften Popasna verdrängt, das ein Bahnknotenpunkt ist. Sie sind etwas weiter vorgestossen, so dass die Bahnlinie nicht mehr als sicherer Transportweg gelten kann, über die das weiter südlich gelegene, stark befestigte Svitlodarsk versorgt wird. Hier droht ein Frontdurchbruch, der in der Folge zu einer Bedrohung von Kramatorsk und Sloviansk von Süden führen könnte.

An den Frontabschnitten Isjum/Sloviansk und Siverodonezk/Popasna rückt die russische Seite langsam aber kontinuierlich vor. Wenn die ukrainische Seite kein Rezept findet, um diesen Vormarsch zu stoppen, werden Kramtorsk und Sloviansk innerhalb der nächsten ein bis zwei Monate unter Druck geraten.

Raum Donezk

Im Gegensatz zu den langsamen, aber stetigen Erfolgen im nördlichen Donbass beißen sich die russischen Truppen im zentralen Donbass nahe Donezk die Zähne aus, wie Abbildung 4 zeigt. Die Lage ist dort sogar noch ungünstiger für die russische Seite als die Abbildung nahelegt. Seit dem 24. Februar hat es in diesem Abschnitt trotz heftiger Kämpfe keine wesentlichen Frontverschiebungen gegeben. Zu beachten ist natürlich, dass beide Seiten hier bereits seit 2015 einen Stellungskrieg führen und die Linien stark befestigt sind. Gleichwohl ist gerade der Frontverlauf bei Donezk für Russland und die Separatisten der Donezk-„Volksrepublik“ besonders wichtig. Die Situation macht den Eindruck, dass Russland diesen Frontverlauf nicht verschieben kann, wenn es nicht gelingt, den Verteidigern von Nordwesten oder Südwesten aus in den Rücken zu fallen. Das wiederum ist nicht im Verlauf der nächsten ein oder zwei Monate zu erwarten.

Fazit

Wenn Russland nicht doch noch Reserven für eine erhebliche Eskalation hat, wird es den Krieg im Donbass vermutlich nicht im Laufe des Sommers für sich entscheiden können. Selbst wenn diese Reserven bestehen, müsste Putin zu der Ansicht gelangen, dass eine solche Eskalation im politischen Interesse Russlands ist. Falls der Westen weiterhin bereit ist, die Kosten des Ukraine-Kriegs zu tragen, zu denen sehr bald auch eine direkte finanzielle Unterstützung des ukrainischen Staats gehören wird, wird dieser Krieg noch Monate, wenn nicht Jahre dauern. Für die ukrainische Bevölkerung ist das keine gute Nachricht. Unabhängig vom Kriegsausgang wird die Ukraine ausgehend von einem bereits schlechten Zustand vor dem 24. Februar wirtschaftlich und politisch um Jahre zurückgeworfen werden.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.
Gunnar Jeschke

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