Putin erhöht den Einsatz

Vorerst gescheitert Die Fiktion einer militärischen Spezialoperation lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Der Krieg ist jedoch noch nicht entschieden.

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Scheinbar haben die russischen Truppen in der vergangenen Woche die Frontlinie weitgehend stabilisiert. Während die ukrainische Truppen in Kupyansk den Oskil überschritten, nahmen umgekehrt russische Einheiten ein für den nördlichen Donbass sehr wichtiges Kraftwerk nahe Bakhmut ein. Doch der Schein trügt wohl. Um weitere ukrainische Offensivoperationen zu verhindern – vielleicht auch nur zu verzögern – ist die russische Seite dazu übergegangen, durch die Zerstörung von Staudämmen „natürliche“ Hindernisse im Hinterland des Gegners zu schaffen. Die russische Militärführung glaubt wohl nicht mehr, mit ihren zahlenmäßig unterlegenen Truppen die Frontlinie dauerhaft halten zu können. Dementsprechend mobilisiert Putin die Reservisten. Die Fiktion einer militärischen Spezialoperation kann auch von der russischen Propaganda nicht mehr aufrechterhalten werden. Russland ruft vorerst nicht den totalen Krieg aus, strebt aber an, die Truppenstärke an der ukrainischen Front zu verdoppeln bis zu verdreifachen und zusätzlich eine Reserve zu schaffen. In dieser Abschätzung nehme ich wie Andreas Rüesch von der NZZ an, dass die russische Truppenstärke an dieser Front sich derzeit auf etwa 100‘000 Mann beläuft und das Versprechen des russischen Kriegsministers Shoigu, Wehrpflichtige unter den 300‘000 einberufenen Reservisten nicht an die Front zu schicken, vorerst eingehalten wird. Die New York Times, die daran ihre Zweifel hat, beziffert die Zahl aller Truppen auf russisch-separatistischer Seite in der Ukraine auf 200‘000, geht aber gleichwohl davon aus, dass die Teilmobilmachung diese Truppenstärke mehr als verdoppeln wird.

Gleichzeitig ruft Russland in den besetzen ukrainischen Gebieten sehr hastig Referenden über einen Beitritt zu Russland aus. Über deren offizielles Ergebnis und die folgende Zustimmung der russischen Staatsduma zur Annexion dürfte kein Zweifel bestehen. Damit stellt Russland klar, dass die im Süden und Osten derzeit besetzten Gebiete keine Verhandlungsmasse sind. Weil weder die Ukraine noch der Westen diese einseitige Annexion auch nur stillschweigend akzeptieren können, gibt es nur noch drei Möglichkeiten, diesen Krieg zu beenden: ein Einfrieren der Frontlinie mit Rückgang der Intensität der militärischen Auseinandersetzung ohne formellen Waffenstillstand, eine militärische Niederlage Russlands oder eine militärische Niederlage der Ukraine.

Aus Sicht der ukrainischen Politiker ändert das zunächst einmal nichts. Sie is seit einigen Wochen ohnehin nicht mehr bereit zu einem Verhandlungsfrieden oder verhandelten Waffenstillstand unter Bedingungen, die Putin ohne Machtverlust akzeptieren könnte. Die Sicht der ukrainischen Politiker ist allerdings nicht sehr relevant, denn die Ukraine ist eigentlich zahlungsunfähig, hat keine nennenswerten Munitionsvorräte und keine Ressource, um ihre eigenen Verluste an Kriegsmaterial zu ersetzen. Dass die Ukraine diesen Krieg nicht verloren hat, war nur durch weitreichende finanzielle und militärische Unterstützung durch den Westen möglich, wobei westliche Aufklärungsergebnisse und die Ausbildung ukrainischer Truppen im Westen wohl eine größere Wirkung gehabt haben dürften als die Waffenlieferungen. Gemessen an den eigenen Möglichkeiten der Ukraine mag die bisherige westliche Unterstützung kolossal wirken, sie war aber nicht unbegrenzt. Der Westen bestimmt, auf welcher Eskalationsstufe die Ukraine ihren Verteidigungskrieg führen kann. Der Westen wird sich entscheiden müssen, wie er die neuerliche Eskalation Russlands beantwortet.

Die Möglichkeiten sind begrenzt. Im Gegensatz zur russischen Seite wird die ukrainische Seite ihre Truppenstärke an der Front wohl kaum verdoppeln können. Die Ukraine hat bereits auf deutlich höherem Niveau als Russland mobilisiert. Die Ausbildung der jetzt noch mobilisierbaren ukrainischen Wehrpflichtigen bis zu einem möglichen Fronteinsatz würde länger dauern als diejenige russischer Reservisten. Der Westen könnte die technische Ausstattung der ukrainischen Truppen noch verbessern, aber nicht schnell genug, um der russischen Verstärkung zuvorzukommen. Das Zeitfenster für mögliche größere ukrainische Offensivoperationen wird sich wohl in den kommenden zwei Wochen schließen. Längerfristig würde Russland wohl eine erweiterte ukrainische Mobilisierung mit einer seinerseits erweiterten Mobilisierung beantworten. Angesichts der Bevölkerungszahlen beider Länder ist nicht zu erwarten, dass die Ukraine in absehbarer Zeit wieder die Verhältnisse für erfolgreiche größere Offensivoperationen herstellen kann. Umgekehrt ist aber auch nicht unbedingt zu erwarten, dass die russische Seite die Fähigkeit zu weitreichenden Offensivoperationen wiedererlangen wird, wenn die ukrainische Seite ihrerseits rechtzeitig die gegenwärtige Frontlinie befestigt. Der derzeit wahrscheinlichste Ausgang ist daher ein vorläufiges Einfrieren dieser Frontlinie, ohne dass deswegen die Intensität der Auseinandersetzung nachlässt.

Längerfristig ist die Situation für alle drei Seiten - Russland, die Ukraine und den Westen - aussichtslos. Die Ukraine muss sich dabei noch relativ wenig um die desaströsen wirtschaftlichen Folgen sorgen, denn für diese kommt der Westen auf. Die wirtschaftlichen Verluste sind mittelfristig für die EU größer als für Russland, auch als Anteil des Bruttosozialprodukts betrachtet. Die innenpolitische Stabilität wird sich sowohl in der EU als auch in Russland verringern. Die USA sind zwar wirtschaftlich viel weniger von diesem Konflikt betroffen als die EU, jedoch aus anderen Gründen schon länger innenpolitisch instabil.

Zuletzt müssen wir noch die relativ unwahrscheinliche, aber nicht völlig unmögliche russische Niederlage diskutieren. Diese wäre nur denkbar, wenn sich eine Mehrheit der russischen Bevölkerung gegen den Krieg wendet. Das Ergebnis könnte für den Westen noch gefährlicher sein als ein russischer Sieg. Wenn Russland als Staat scheitern würde, würde einerseits eine der beiden großen Atommächte als Staat scheitern. An den Grenzen, zum Beispiel zu Georgien, würden weitere Konflikte aufflammen. Auch die Energiekrise könnte sich weiter verschärfen. Russland beliefert derzeit zwar kaum noch direkt den Westen mit Energieträgern, sehr wohl aber den Weltmarkt. Wenn sich diese Lieferungen verringern, werden die Preise weiter steigen.

Insgesamt ist nach der neuerlichen Eskalation für jedes realistische Szenario mit einer Verlängerung und Verschärfung der wirtschaftlichen und finanziellen Krise des Westens zu rechnen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gunnar Jeschke

Naturwissenschaftler, in der DDR aufgewachsen, gelebt in Schwarzheide, Dresden, Wako-shi (Japan), Bonn, Mainz, Konstanz und Zürich.
Gunnar Jeschke

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