GunterHaake

Gunter Haake ist Mitarbeiter im Referat Selbststaendige der Gewerkschaft ver.di
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RE: Promoviert mit Zahnlücke | 02.03.2010 | 19:59

Lieber Axel Henrici, nur eine Gewerkschaft die alle möglichen Berufe vertreten muss, kann meiner Überzeugung nach auch die Interessen der Arbeitssammler (ebenso wie der Leiharbeiter etc.) wirklich effektiv vertreten. Denn erstens haben die (was von außen tatsächlich nicht leicht zu sehen ist) ihre "eigenen Kreise", da sie in der Großorganisation ver.di einerseits als Berufsgruppe (z.B. Übersetzerverband in ver.di oder JournalistInnenunion in ver.di) selbstständig agieren (also ihre Interessen berufsbezogen vertreten) können, andererseits auch bei Interesse statusbezogen (in den Selbstständigenkommissionen) arbeiten können. - Und das Beispiel mit den Lokführern hinkt vor allem deswegen, weil die ja eine echte Streik- und Verhandlungsmacht haben. Das Problem bei den Solo-Selbstständigen ist ja gerade, dass sie leider in aller Regel keinen Druck entwickeln können. Daher sind sie geradezu darauf angewiesen, dass andere (etwa Müllmänner) ihnen ein wenig Organisationsmacht "leihen". - Und natürlich ist ver.di von Arbeitnehmern dominiert und macht als Gesamtorganisation sicher keine reine Arbeitssammler-Politik. Aber - glaubt es oder nicht - die Selbstständigen in ver.di entwickeln dort ganz autonom ihre eigenen Positionen, die auch auf die der Gesamtorganisation wirken. (Beispiel: freie.verdi.de/aktive_selbststaendige/selbststaendigen_programm )

Keinerlei Einwand habe ich natürlich zu dem Satz: "Man muss sicher beides tun: die Zersplitterung überwinden und schlagkräftige Organisationen aufbauen, aber auch viele kleine Sprachrohre schaffen, die bestimmte Partikularinteressen überhaupt erst einmal artikulieren." Ich wollte nun nicht behaupten, dass ver.di die allein selig machende Organisation ist. Daneben haben viele andere Platz und machen eine gute Arbeit. Aber - und das wird von kleinen und berufsständischen Organisationen gern übersehen: Wenn es um "größere Dinge" wie etwa die soziale Sicherung aller Selbstständigen geht, sind Partikularinteressen eher hinderlich.

PS: Das Beispiel Beteiligung aus Urheberrechten verstehe ich an dieser Stelle nicht. Hier hat sich ver.di nun wirklich über viele Jahre als schlagkräftigste Organisation der Republik hervorgetan. - Vielleicht sollten wir das mal außerhalb dieses Blogs klären?

RE: Promoviert mit Zahnlücke | 02.03.2010 | 18:03

Ein schöner Beitrag zum Verbreitern einer noch nicht in notwendiger Intensität geführten Diskussion. - Zugleich einer, der zeigt, wie wenig bekannt die schon existierenden Versuche die Interessen von Solo-Selbstständigen zu vertreten sind. Das mag - der Beitrag von Carl Gibson zeigt es - auch mit lieb gewonnenen Vorurteilen zusammenhängen, die ohne Realitätscheck die Jahrzehnte überdauern. Die Gibson-Frage: "Was wissen die Saturierten davon, die Gewerkschafts-Funktionäre, die Staatsbeamten in Forschung und Lehre und sonstwo" ist leicht zu beantworten: In all diesen Gruppen gibt es an den unterschiedlichsten Stellen sehr viel Wissen über die Transformation der Arbeitsmärkte und -formen sowie stellenweise jahrzehntelange Bemühungen, daraus gesellschaftliche Konsequenzen zu ziehen. Zugegeben: Man muss sich, um die Erkenntnisse zu finden, ein wenig Mühe machen, um herauszufinden wer sich schon alles wie mit Solo-Selbstständigen (und anderen angeblich untypischen Arbeitsformen) beschäftigt.

Als Beispiel für eine Gruppe, die das tut, greife ich mal die "saturierten Gewerkschaftsfunktionäre" (Carl Gibson ) heraus, bei denen ich das persönlich noch am besten beurteilen kann. Unter diesen Funktionären ist die individuelle Kenntnis über die verschiedenen Arbeitsformen und -bedingungen sicher so unterschiedlich ausgeprägt, wie es die Schwerpunkte ihrer Arbeitsfelder sind. Aber so wie es prekäre und sehr gut verdienende Selbstständige gibt, gibt es auch sehr stark betrieblich orientierte Funktionäre und solche, die eher mit den neuen (und noch keineswegs überwiegenden) Arbeitsformen vertraut sind. - Genau wegen dieser Aufgaben- und Arbeitsteilung gibt es daher beispielsweise seit der Gründung der Gewerkschaft ver.di in ihr das berufsgruppenübergreifende "Referat für Selbstständige" (in dem auch ich - nach 15 Jahren Selbstständigkeit - mitarbeite). Dieses Referat kümmert sich ausschließlich um die Interessen selbstständiger "Arbeitssammler" von denen übrigens bereits 30.000 Personen Gewerkschaftsmitglied sind. Wohl auch, weil sie neben einer gesellschaftspolitischen Status-Vertretung auch eine konkrete berufliche Unterstützung über das (gewerkschaftliche) www.mediafon.net sowie die Fachgruppen der ver.di erhalten.

Damit ist aus meiner Sicht auch schon ein Stück weit die Interview-Frage "Warum gibt es bislang noch keine Gewerkschaft für Arbeitssammler?" beantwortet. - Es ist zwar wenig bekannt aber es gibt sie und das vernünftigerweise nicht als eine weitere (berufsständische) Vertretung von Partikularinteressen. Denn zur Normalität der Arbeitswelt gehört schon länger auch der permanente Statuswechsel zwischen Anstellungen, Selbstständigkeit, Erwerbslosigkeit und der ganzen Palette von Status-Mischformen. Genau deshalb agiert eine Gewerkschaft wie ver.di (und teilweise auch der DGB, der aktuell eine Broschüre "Tipps für Selbstständige" herausgeben hat) gleichzeitig in allen Bereichen, in denen Menschen arbeiten und kann und will so - anders als die im Artikel hervorgehobenen "Freischreiber" und die "Aktion Butterbrot" - auch als Gesamtvertretung aller Arbeitssammler in allen Berufen agieren. Die Vorstellung, dass "jeder kleine Berufsverband alleine vor sich hin köchelt" (Peter Plöger) ist auch für mich eine Schreckensvision. - In diesem Sinne: ich freue mich darauf, in dem Buch Anregungen für die effektivere Vertretung von Arbeitssammlern zu finden!