5und20 Jahre später. BITs aus dem Petapack.

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Der Juri-Gagarin-Ring in Erfurt heißt noch so. Dort gab es früher einen Robotron-Laden, der sich in das Habenwirnicht der DDR glanzlos einreihte. Trotzdem betrat ich diese Vertriebsstelle des Kombinates immer mit einer gewissen Spannung, Neugier und Hoffnung. Noch heute überkommt mich ein eigenartiges Jagdgefühl, wenn ich den Juri-Gagarin-Ring durchfahre, um in der Vergangenheit einen DDR-Computer zu ergattern. Früher wars.
Jahrelang wurde daraus nichts. Man konnte sich immer nur in die Wünsche einreihen und in den Anzeigen des Funkamateurs blättern oder auf der Leipziger ZMMM ein Bit erschnuppern.
Während des Studiums 1986 war es dann endlich möglich, sich einen KC85 http://kyf.net/freitag/img/kcstart.gifauszuleihen und in zahlreichen Stunden die Bits und Bytes des U880 zu bearbeiten.
Noch heute kann man sich für das Bildschirmflimmern eines Junost (Юность) erwärmen. Sowas nannte man damals Monitor, dabei war es nur ein kleiner Fernseher mit einem Schwarz-Weiss-Bild. Es gibt immer noch Freunde, die die erste Weltumsegelung, den ersten Weltraumflug pflegen und in Bilderfolgen zeigen. So lässt sich auch das Früher auf einem KC85 emulieren so oder so. Mit der Animation bekommt man ein Gefühl, wie es wirklich war...
In diese Zeit viel auch ein Vortrag von Ch. P., der damals dafür sorgen sollte, dass die ersten Computer in die Behördenlandschaft der DDR einziehen. Im Nachbarort hatte er sein Büro. So ist es kein Zufall, dass man sich natürlich dort auchhttp://kyf.net/freitag/img/stab.jpg hinbegeben hat, um sich in den Schatten der großen Aufgabe zu stellen. Die Visitenkarte liegt immer noch im Karton der Geschichte.
Eine Zeit voller Spannung und Anspannung, trotz Mangel.
Auch ich hatte irgendwie dann doch einen KC85. Es zeigten sich verschlungene Wege, um an ein Gerät aus Mühlhausen zu kommen. Dazu kam noch eine Typenradschreibmaschine "Erika", die als Drucker benutzt wurde.
Zeitschriften beschäftigten sich mit dem Thema Computer. Das las sich dann im Jahre 1988 in der "Jugend + Technik" so:

    Das Abspeichern von Bildschirminhalten ist beim KC 85/3 nur indirekt möglich, da stets die Blockanzeige stört. Durch Umladen wird das Bild gerettet und somit auf einem anderen Speicherbereich verfügbar. Das vorgestellte Verfahren erlaubt dennoch ein direktes Ein-/Ausladen von Bildern...

Alles hatte lange Wege ohne Internet. Die heutige Schnelligkeit vermisst oft frühere Gründlichkeit.
Dass auch im Rundfunk der DDR Programme abgestrahlt wurden, wissen nur noch wenige. In "Radio DDR 2" und "DT64" liefen Computersendungen, die sich mit dem KC85 und der Programmiersprache BASIC beschäftigten. Am heimischen Kassettenrekorder saß man wie gebannt, um den Aufnahmepunkt nicht zu verpassen. Ja, es gab noch keine Festplatten... und auch Disketten gab es erst später. Aber das Verfahren "Rundfunk" hatte doch eine gewisse Genialität. Man konnte seine eigenen Programme auf Kassette einschicken. Natürlich haben wir uns daran beteiligt, um auch mal als Datenstrom über das Radio verteilt zu werden.

http://kyf.net/freitag/img/basplatte.jpg

Wer glaubt heute noch, dass sogar die gute Schallplatte als Datenspeicher herhalten musste. Eine solche Datensingle "Testplatte für Rundfunk der DDR" liegt noch in meinem Regal. Ich erinnere mich noch http://kyf.net/freitag/img/digi.jpgan die Begründung von Horst Völz, der oft in den Computersendungen zu hören war und Menschen immer wieder neu begeistern konnte. Selbst in der politischen Enge der DDR war es möglich, offizielle Ausflüge zu Radio Hilversum zu machen, um auf Mittelwelle Programme für Basicode mitzuschneiden. Mit Basicode war es dann möglich, Programme zu verteilen, die auf einem DDR-Computer laufen, aber auch auf einem Commodore oder Atari. Das war dann sozusagen die Vollendung der Schlussakte von Helsinki, natürlich mit einem zwinkernden Bit betrachtet.

Was bleibt? Ein Bit hat immer noch den Zustand 1 oder 0. Wer damals angefangen hat, schätzt diesen Zustand. Heute, da alles nur noch Mega, Giga und Terra verpackt wird, geht das Bit verloren. Dem Terrapack folgt bald das Petapack, Daten schäumen sich auf, um nach Speicherplatz zu schreien. Da ist viel Müll dabei. Früher hatten wir einfach keinen Platz für Müll. Früher wars.

Früher war nicht alles besser. Aber kreativer.

http://kyf.net/freitag/utb.php?d=17.11.2010-1

16:45 17.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gustlik

aufgedacht und nachgeschrieben
Gustlik

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