Behelfsverpackung

Unverkleidet Vertuschungsindustrie
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Wir leben in einer gut verpackten Verkaufsgesellschaft. Hersteller müssen sich strecken, an die Schmerzgrenzen gehen, um beim Discounter gelistet zu werden. So nennt man das, um im Kühlregal zu stehen.
Beobachtet man dann dort den Verbraucher, wie er in den Präsentationen wühlt, um Verbrauchsdatenoptimierung zu betreiben, wird uns übel. Sollte gerade der Milchreis mit Zimt nur noch in der untersten Kartonage verfügbar sein, besteht die Gefahr, dass fast das ganze Kühlregal umgeschichtet wird. Ganz kurzentschlossene Patienten werfen dann die Kühlware kurz vor der Kasse ins Nirvana.

Heute gibt es keine Behelfsverpackungen mehr. Die Verpackung leidet dagegen an Vertuschung, um gleichbleibenden Inhalt vorzutäuschen. Gummitiere werden immer weniger, immer kleiner, der Rest des Warenangebotes auch. Gibt es von HARIBO bald Sparbären? Passend wär dann doch eine Behelfsverpackung. Goldbären passen nicht mehr in die Zeit.

Müsste man eingepackte Luft an der Kasse als Atmungssteuer abführen, könnten wir in jeder Kommune Sauerstoffzelte betreiben.

Natürlich findet Mann und ich jede Verpackungsmaschine faszinierend. Wenn es gerade mal nicht um normierte Milch- oder Butterstücke geht, steckt doch eine große Portion Feinabstimmung in jeder Konstruktion. Da muss es noch richtige Ingenieure geben, um Kleckern zu verhindern und Dichtheit zu gewährleisten. Selten funktionieren jedoch die Zipfel "Zum Öffnen hier aufreißen", oft hat man dann nur ein Stück der Folie in der Hand. Es gibt also noch was zu tun im deutschen Verpackungswesen.

Stellen wir uns eine Behelfskaufhalle vor. Der alterfahrene Gezeiten-Deutsche kann sie auch Behelfsdiscounter nennen, um seinen Wortschatz zu fluten.
Dort gibt es jeden Artikel nur in Behelfsverpackungen, keine Rabatte oder sonstige Angebotsaktionen. Der ganze Laden ist nur dazu da, eine Grundversorgung zu gewährleisten.
Staunen würden wir schon, was am Ende nur auf dem Behelfskassenzettel steht. Da es aber keinen Behelfsparkplatz gibt, der Patient leider nicht mit seinem SUV bis zum Kühlregal vorfahren kann, nimmt jeder nur einige behelfsverpackte Milchreis mit Zimt.

Nüchtern verpackt werde ich beim nächsten Einkauf meine Studie fortsetzen und zu bunt und auffällig leuchtende Verpackungen mit einem Aufkleber "Behelfsverpackung" kennzeichnen.
http://kyf.net/freitag/utb.php?d=06.07.2012
http://kyf.net/freitag/img/bverpack.jpg

11:08 06.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gustlik

aufgedacht und nachgeschrieben
Gustlik

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