Bisswunden der deutschen Presse

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sachsenburg, Oldisleben, Kyffhäuserkreis, Thüringen, Deutschland.

Von BILD, über SPIEGEL bis in die SCHWEIZ ist der "Blutrausch" aus der Provinz geschwappt.
Einige 100 Meter vom Geschehen steht eine kleine Kirche auf dem Hügel, die Uhr zeigt immer die genaue Zeit. Das DCF-Signal perfektioniert unser Leben bis zum letzten Gartenzaun, scheinbar. Oft genug stand ich hier an der Ampel, im Radio kamen die 7uhrnachrichten und auf dem Hügel schlug es 7.

Als ich am Freitag diesen Ort nach meiner Pendelheimfahrt aus Bayern durchquere, steht noch die Polizei am Straßenrand. Ich mache mir keine großen Gedanken, es sind nur noch wenige Kilometer bis nach Bad Frankenhausen.

Später trifft mich erst die Nachricht vom toten Kind, zerbissen von Hunden.

Einige Dinge gehen mir durch den Kopf...
Dass vieles reguliert ist, deutschperfekt liegt jedes Gesetz griffbereit in der Schublade, um einen Kuchenbasar fast unmöglich zu machen. Und dann stellen sich die Hüter des Gesetzes sitzend hin und erzählen der erstarrten Betroffenheit davon, dass Hunde unangemeldet jahrelang im Dorf umherbellen.

Niemand interessiert sich für ein Dorf. Vorher.
Nur Lokalredaktionisten lassen sich hier mal blicken, wenn auf der angehügelten Sachsenburg wieder mal die Sau rausgelassen wird.
Wenn es darum geht, Betroffenheit zu fotografieren, eine Rose auf dem Weg zum Haus abzulichten, muss sogar auch die Thüringer Allgemeine den Chefablichter Sascha Fromm aus Erfurt einfliegen lassen. Provinztexter sind für Fälle mit Blut nicht zugelassen, die dürfen nur Geschichten für den alltäglichen Bedarf austexten und bebildern.

Wenn Radio, Fernsehen, Spiegel und Bild wieder über die großen Themen in großen Städten mit großer Politik und großer Beweglichkeit schreiben, wird wieder Ruhe einziehen in Sachsenburg, in Nordthüringen.

Wenn demnächst der Postbote über die Dörfer zieht, der Prospektverteiler seine Runden dreht oder der Wahlkämpfer wieder den Kandidatenflyer in den Briefkasten wirft, werden Hunde bellen, Gartenzäune zu Hundezwingern, Augenblicke zu Schrecksekunden, Idylle zum Nahkampfbereich, angemeldet oder unangemeldet.

Jahr für Jahr wird mehr gebellt, aber weniger geboren.http://kyf.net/freitag/utb.php?d=23.05.2010-1

17:48 23.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gustlik

aufgedacht und nachgeschrieben
Gustlik

Kommentare