Briefschwere für die Luftpost

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Liebe Natschpia,

nun ist mir doch schon wieder danach, Dir zu schreiben.
Dein letzter Brief hat mir einige Dinge in Erinnerung gerufen. Da ist es die Musik, die erst den Weg öffnet. Die Plattentaschen sind das Butterbrotpapier von gestern

Hoffentlich bekommst Du diese Zeilen noch, bevor Du Dich an die Ostsee begibst. Dass Warima nun mitkommt, habe ich mir schon gedacht. Dorf bleibt Dorf, da hilft auch kein Internet.
Wenn man allerdings ein Mensch ist, der nicht unbedingt einen Boulevard der Stöckelschuhe benötigt, eher auf Feldwegen mit Sandaletten steht, kann man das Dorf auch lieben lernen und dort die Liebe lernen.

Ich hoffe Du verstehst das. Mit der Sprache und den Wendungen ist das so eine Sache. Ich denke da an den Film: "Am Ende kommen Touristen".
Der junge Deutsche, ein Zivildienstleistender in Oświęcim, sitz mit seiner Polenliebe auf dem Balkon, er redet über den Alten, der die Koffer repariert, über die schlechte Gesundheit des Alten und sagt irgendwann im Gespräch: "Na, dann gute Nacht.", da er die Gefahr sieht, dass der Alte mal von der Leiter fällt.
Seine Polenliebe steht auf und sagt: "Gute Nacht", um ins Bett zu gehen. Hast Du das Missverständnis erkannt?

http://kyf.net/freitag/dummy.gifhttp://kyf.net/freitag/img/balkon.jpg

Bei uns kann man eigentlich fast täglich rufen: "Na, dann gute Nacht!". Jetzt ist Fußball und das Volk rauscht so dahin wie das Trötensummen aus Südafrika. Klassenkloppe gibt es zwar immer noch, der Klassenkampf ist aber enorm abgeflaut. Zwar versuchen immer mal einige Enorme die roten Segel zu setzen, aber Wind will nicht so richtig aufkommen. Vielleicht sind es einfach die falschen Segel.
Manch Kommandeur hinter der Flüstertüte denkt auch, er wär Stalin persönlich. Andere dagegen, besonders aus der ehemaligen "NRD", erinnern mehr an den Baumarkt "Praktiker". Da wird versucht, durch Blumenkästen die Gesellschaft zu verändern.

Bei Euch ist ja die Flaute noch größer. Rot steht ja nun völlig auf der Abschussliste von Radio Maria. Bei uns kann die Linke ja zumindest noch mit dem Gesetzbuch wedeln und die Polizei rufen, wenn der Wind plötzlich dreht.

Aber auch bei Euch ist der Praktiker nun angekommen, der Baumarkt für eine bessere Gesellschaft hat schon einige Inventuren durchgeführt. Und auch Dr. Oetker hat Euch gezeigt, wie man "richtig" Pudding kocht.

Wenn Du dann an der Ostsee bist, schick mir mal einige Fotos. Du kennst ja meinen Geschmack, ich liebe die Kontraste. Schönwetterkataloge gibt es genug.

Wie weit sind die Lindenblüten bei Euch? Wir müssen noch einige Tage warten.

Ist eigentlich Maryla Rodowicz mittlerweile älter geworden? Sicher nur rein rechnerisch. Deine Kosmetik war ja schon immer gut.

Leider lief Wajdas Film "Katyn" immer noch nicht bei uns im Fernsehen, Gründe hätte es genug gegeben.
Aber die Deutschen! Die leben mit ihrer Geschichte immer noch hinter der Westfront und schauen auf die Brücke in Remagen und Arnheim.
Im Osten geht die Sonne auf, mehr aber auch nicht, so unser BILD oder Euer FAKT.

Heute mal kein Wort zum Freitag! Ein Freitäglicher hatte sich kürzlich bei mir gemeldet und wollte wissen, ob es Dich "Natschpia" wirklich gibt.
Hast Du Deinen Namen schon mal in Google, Yahoo, Lycos und Bing gesucht? Erstaunlich!

Ansonsten schicke ich Dir etwas Farbe von Krzysztof Kieślowski, etwas Kritik von Andrzej Wajda und etwas Herz von Czesław Niemen.
Und was von Anna Dymna. Sie ist wirklich älter geworden... und war mal so schön.

    angespült liegen deine füße im sand
    an deiner ruhe schreit der strand
    wenn uns sonne fragt
    können wir auf regen warten
    wenn es regnet
    sonnen wir uns im hintergarten

Dir eine schöne Zeit!http://kyf.net/freitag/utb.php?d=16.06.2010-1

07:38 16.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Gustlik

aufgedacht und nachgeschrieben
Gustlik

Kommentare 1