Gaucho-Gate: Wen interessiert's? Und Warum?

Sport-Hedonismus Die Gaucho-Tanz-Debatte als willkommene Ablenkung von weltpolischen Themen. Ein Versuch zu Relativierung und Ursachenfindung.
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So schnell kann's gehen. Da ziehen 6 junge Spieler auf der Siegerfeier des DFB's eine irre peinliche Minishow ab (das war fast noch peinlicher als Markus Lanz' Mallorcaauftritt) und schon haben wir eine in Ihren Reaktionen gespaltene Gesellschaft. Die einen ignorieren die Auswirkungen des Tanzes komplett, die anderen holen die Nazi-Keule raus. Auf jeden Fall scheint es, als ob es derzeit keine wichtigeren Themen in der Medienlandschaft gäbe. Selbst die taz macht munter mit.

Währenddessen eskalieren die so bezeichneten "Konflikte" in der Ostukraine und in Gaza (Mein Verständnis ordnet diese als Kriege ein, aber das ist erstmal zweitrangig.).

Ich finde deshalb eine relativierende Ursachenfindung durchaus notwendig und angebracht.

Erstens: warum wurde "gefeiert" wie gefeiert wurde?

Es gab ja auch die Bewerbung Frankfurts um die Siegesfeier, hätte der DFB diese angenommen, hätten die Spieler vor ca. 70.000 Fans in gesundem Abstand auf einem Balkon gewunken und den Pokal gezeigt. Vielleicht hätten sie was Kleines gesungen, von mir aus auch die Nationalhymne. Keine peinliche Show, kein Laufsteg, kein Gauchotanz. Aber der DFB wollte es anders, er wollte die ganz große Lutsche, vor "mehreren hunderttausend Zuschauern". Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Die überwiegende Mehrheit dieser "Fans" war mit Sicherheit noch nie in einem Fussballstadion, zumindest nicht anlässlich eines Fussballspiels. Das sind dieselben Partytouristen, die in den letzten Jahren der Loveparade aus aller Herren Dörfer kamen um sich an der großen Party und dem Gemeinschaftlichen zu ergötzen, zuhause hatten die größtenteils AC/DC im CD-Schrank. Das endet dann eben mit Toten. Oder im aktuellen Fall mit Medienschelte.

Die Spieler sind dann die Blöden. Ob die sich das selber ausgedacht haben? Oder stecken vielleicht sogenannte Medienberater hinter diesen Peinlichkeiten? Wird man nicht erfahren, ich glaube trotzdem Letzteres.

Hyundai und die Stadt Berlin und mehrere Getränkehändler und Sicherheitsfirmen und Beleuchter und Tontechniker und und und haben sicherlich im "Hyundai-Fan-Park", bei "Deutschlands größtem Public Viewing Event" gut Kasse gemacht. Zweifelsohne!

Die Attraktivität des Mainstreams eben. Das Publikum ist anspruchslos, billig zu unterhalten, konsumorientiert und unreflektiert. Die ideale Marketing-Zielgruppe eben. Ich denke auf solchen Veranstaltungen könnte man auch 10 % Urin ins Bier mischen, das würde keiner merken, und wenn, wäre es denen egal. Es war "halt geil dabei zu sein". "Normale Fussballfans" würden sich sowas einfach nicht freiwillig antun, man sieht nichts vom Spiel/bzw. der "Show", höchstens mal entblößte Brüste der Hedonistenweibchen auf den Schultern umherstehender Fitnessstudiokunden, und zum nächsten Bier ist man 'ne halbe Stunde unterwegs. Leider wird der Quatsch erst beendet werden, wenn ein paar Tote durch eine Massenpanik zu beklagen sind, bis dahin wird der große Reibach gemacht und nachher ist natürlich wieder niemand verantwortlich. Hyundai nicht, der Bürgermeister nicht und auch nicht der Chef der Sicherheitsfirma.

Zweitens: Wieso beschäftigt das so viele Medienmacher/Medienkonsumenten?

Während der Fussball-WM sind auf einmal ALLE, außer irgendwelchen Sport-Totalverweigerern "Deutschland-Fans" geworden. Irgendwie passiert das sukzessive, in linearerAbhängigkeit zum Erfolg der Nationalmannschaft. Man identifiziert sich. Man feiert zusammen. Seit 2006 hat WM kaum noch was mit Fussballinteresse, sondern vielmehr mit hedonistischer Partysucht zu tun.

Dann fühlen sich die Partyhedonisten angegriffen, wenn Ihre Symbolfiguren medial angegriffen werden und die Totalverweigerer sind derart genervt vom D-Hype, dass sie schnell mal zur Nazikeule greifen.

Leider sind die wenigsten Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft dazu fähig, Wichtiges von Unwichtigem, reale Bedrohungen von medial aufgeputschten Angstszenarien zu unterscheiden, sodass solche irrwitzigen Ablenkungsdebatten gerne angenommen werden. Wenn ich mich mit peinlichen Auftritten "beschäftigen" kann, muss ich mir keine Gedanken um die Folgen von Umweltzerstörung, Klimawandel, dem Ende des Ölzeitalters, dem Nichtfunktionieren des kapitalistischen Wirtschaftssystems, den Ursachen und Folgen von Kriegen oder Konflikten, der internationalen Flüchtlingsproblematik oder Wasser- und Lebensmittelknappheit machen. Zur Lösung dieser Probleme ist natürlich auch niemand in der Lage, selbst die teilhabenden Institutionen sind damit zweifellos überfordert, warum soll sich dann noch das Individuum mit diesen Problemen auseinandersetzen.

Es erhöht mich und meine Lebenswirklichkeit vielmehr, wenn ich mich über den Gauchotanz oder Markus Lanz Mallorcashow lustig machen kann, ist also ein recht gutes Ventil für Frustration und Weltschmerz. Allerdings sind, im Gegensatz zum ehemaligen Wetten-dass-Moderator, die jungen Herren Weltmeister keinesfalls "Entertainer", sondern einfach Fussballspieler. Leider werden sie durch die Vermarktungsstrategien des DFB, der Sponsoren, der Fernsehanstalten etc. in immer mehr repräsentative Aufgaben gezwungen. Pressekonferenzen, Interviews und schließlich Showeinlagen. Dem sind sie natürlich nicht gewachsen.

Wir sollten allerdings auch nicht vergessen, dass wir alle in diese mehr-schneller-leichter-teurer-länger-Mentalität eingebunden werden/werden sollen.

Also Drittens: Was kann man daran ändern?

Ich denke die Lösung für die Spieler, für Arbeitende und Arbeitssuchende, Rentner und Kinder, Schüler und Studenten kann nur darin liegen, sich diesem Druck durch Verweigerung zu entziehen. Auch mal Nein sagen. Nein, bei dieser Show mache ich nicht mit, ich pinkle lieber auf den Teppich. Nein, Überstunden sind heute nicht drin, ich muss an den Baggersee. Nein, zu diesen Bedingungen arbeite ich nicht für Ihre Firma, dann suche ich lieber weiter. Nein, das neuste Handy brauche ich nicht, ich bin froh wenn ich das einfache Modell bedienen kann. Nein, ich möchte keinen Englischkurs im Kindergarten, Schule wird stressig genug (Nein, das können Kinder natürlich nicht, aber dafür gibt's aufgeklärte, gebildete, angstfreie Eltern). Nein, ich will qualitativ guten Unterricht, lernen um des Verstehens Willen, nicht pauken für die nächste Prüfung unter Quotendruck ohne Zusammenhänge verstanden zu haben.

Hier stehen wir ALLE in der Verantwortung, denn unser aller Handeln und Denken beeinflußt durchaus das Gesamtbild der Gesellschaft. Und diese muss nicht kapitalistisch heißen, es ist durchaus kein Zwang des Vergesellschaftens von Verlusten und Privatisierens von Gewinnen vorgeschrieben.

Der Anfang könnte sein, solche Schaumschlägerdebatten einfach zu ignorieren und sich mit eigenen, alltäglichen Zwängen und Hindernissen konstruktiv auseinanderzusetzen, um einen Weg zu finden, zu einer humaneren, genossenschaftlerischen, nicht Profit sondern Lebensqualität anstrebenden Gesellschaft. Aufklären über die Sinnlosigkeit eines scheinbaren, symbolischen Gemeinschaftsgefühls, angehängt an Marketingikonen. Wenn kein Markt für solche Shows da wäre, würden sie auch nicht produziert werden. Somit bekommt das Volk nur die Show/Medien/Parteien/Debatten, die es verdient.

Und dazu gehört eben auch eine Hyundai-Fan-Meile und eine Rhein-Power-Biathlon-Challenge...

Ziemlich zum Kotzen, während Megatrawler die weltweiten Fischresourcen plündern, die Kohle-Partei-SPD das fracking vorantreibt, in Kanada Ölsandförderung riesige Landstriche verseucht, EU und USA in geheimen Verhandlungen über ein "Freihandelsabkommen" stehen, vor unserer Haustür zwei Kriegsschauplätze zu bestaunen sind (an denen "unsere" Politiker nicht ganz unschuldig sind), Millionen Flüchtlinge weltweit umherirren, wir eine ziemliche Überbevölkerung zu beklagen haben und das Artensterben ungebremst weiter geht.

Hauptsache der deutsche Michel kann wieder seine Flaggen schwenken! Das macht er wohl so lange, bis er merkt, dass der Discounter im benachbarten Gewerbegebiet nicht mehr mit haltbarem Discounterfutter beliefert wird und der Bauer um die Ecke schon vor Jahrzehnten das Handtuch geworfen hat.

Den Gaucho-Verarschern wird's egal sein, die haben dann vielleicht 'ne Rinderzucht in Argentinien...

16:29 18.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Guy Malino

Rauchender, trinkender, ewig gestriger, fortschrittsdesillusionierter Defätist. Mit Freundin, Kindern, Auto, Fahrrad und Sozialversicherungskarte.
Guy Malino

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