G.W.

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RE: Wie die Gratis-Kultur das Internet verschlief | 22.12.2012 | 17:46

Als 24-jähriger, leidenschaftlicher Online-Zeitungsleser kann ich folgendes Argument nicht stark genug bestätigen:

"Ein einziges dieser Angebote kann gerade unter denen, die journalistische Inhalte schätzen, den Bedarf nicht decken. Die Verlage sollten sich also dringend darüber Gedanken machen, wie sie möglicherweise zusammenarbeiten können, um Paid Content gemeinsam vermarkten zu können – so, dass Leser bei einem Abo Zugriff auf mehr als die Inhalte einer Publikation haben."

Ich habe fast zwei Jahre lang den Freitag im Abo gelesen. Wie sah dies in der Realität aus? Ich bekam jeden Donnerstag das Printprodukt in den Briefkasten gelegt, lagerte dieses anschließend auf einem Tisch zwischen. In den meisten Fällen wanderte die Zeitung dann nach 2 Wochen ungelesen im Altpapier. Ausnahmen waren längere Zugfahrten, in denen ich keinen Zugriff auf Online-Journalismus hatte und daher auf die traditionelle Printversion angewiesen war. Dennoch kündigte ich das Abo erst, als mein Bafög auslief und ich ernsten Finanzierungsproblemen meines Studiums gegenüberstand. Zuvor behielt ich das Abo mit dem Gedanken im Kopf "Wenn ich schon nicht die Möglichkeit bekomme, für die Inhalte zu bezahlen, die ich tatsächlich konsumiere, dann möchte ich meinen Beitrag für unabhängigen Journalismus an mein Lieblingsmedium zahlen."

Das ist dann aber insofern schade, als dass die Arbeit der Kollegen, deren Schaffen ich online konsumiere, nicht finanziell gewürdigt wird.

Ich halte nicht viel (Achtung: Allgemeinplatz) von unzulässigen Vereinfachungen. Aber pointiert trifft das Stereotyp "Die Verlage haben das Internet verschlafen" durchaus zu. Sie haben es m.E. insofern verschlafen, als dass sie den veränderten Lesegewohnheiten zwar Rechnung tragen - nur diese eben nicht ausreichend monetarisieren.

Aus meinem studentischen Bekanntenkreis weiß ich, dass ein Abo lokaler Tageszeitungen die absolute Ausnahme ist. Überregionale Angebote werden häufiger abonniert. Die Mehrheit zahlt aber überhaupt nicht für journalistische Inhalte. Und doch lesen sie viel Zeitung. Aus meiner Erfahrung kann ich das so erklären: die Muße des gemütlichen Zeitungslesen beim Frühstück oder an einem Sonntagnachmittag ist nicht mehr das vorherrschende Modell. Ich möchte aus einem vielfältigen Angebot verschiedener Meinungen wählen können und mich irritieren lassen von konträren Ansichten. Dies ist in einem „lagergebundenen“ Medium eher selten. Erscheint mir ein Thema nun nicht ausreichend eingehend beleuchtet, wäre ich bei der traditionellen Lektüre aufgeschmissen. Ich müsste viel Geld ausgeben, um weitere Titel in Printform lesebereit zu haben. Im Netz dagegen kann ich meinen Informationsdurst nahezu unbegrenzt stillen und mir so letztendlich ein differenziertes Bild machen.

Ich plädiere daher für eine Art kostenpflichtiges Google News, d.h. eine Plattform, auf der mehrere Verlage ihre Artikel anbieten. Zugang zur Plattform erhalten zahlende Kunden. Man müsste durchrechnen, wie die Ausgestaltung im Detail aussehen müsste und inwiefern falsche Anreizstrukturen für Produzenten (Mainstreaming) vermieden werden können. Eine zentrale Frage wäre hier: Unbegrenzter Zugriff auf alle Artikel aller Zeitungen oder begrenzter Zugriff (Anzahl Artikel/Monat? Nutzerspezifische Auswahl von bestimmten Titeln mit Vollzugriff?)?

Ein hoffnungsvoller Anfang wäre eventuell ein Zusammenschluss der „linken“ deutschsprachigen Titel in einer gemeinsamen Paywall.