Kabarett und Satire im Fernsehen

Wozu Kabarett? Reicht es, sich über Merkel und Co. lustig zu machen? Oder muss Satire und Kabarett mehr tun? Oder ist das egal, weil es ohnehin nichts zu ändern vermag?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Zum Beitrag von Klaus Raab („Das Lachen in den Zeiten der Merkel-Ära“, Nr. 42):

Zunächst einmal gilt es festzustellen: Kabarett/Satire fristet im Fernsehen immer noch ein Schattendasein, wie so vieles andere Gute gehört es zum Sendeprekariat. Wie oft erscheint die normale Politikberichterstattung und wie oft darf dagegen gehalten werden?! Wie ,oft‘ sendet das ZDF sein „Neues aus der Anstalt“, wie ,oft‘ die ARD ihren (seit Richling und Nuhr abgewirtschafteten) „Satire-Gipfel“?! Sehen Sie! Von den Sendezeiten für diese Formate ganz zu schweigen.

Halten wir fest: Es gibt zu wenige satirisch-kabarettistische Formate. Und sie gehören allesamt auf die 20.15-Schiene und vom Quotendruck befreit. Nachdem somit die kabarettistische Existenzberechtigung gefordert ist, muss nunmehr die Frage gestellt werden: was will, was, was kann, was soll Kabarett/Satire im Fernsehen? Macht es sich nur über die politischen Akteure lustig, ist es wohl eher im Bereich der Comedy zu verorten, jedenfalls m.E. schnell vorhersehbar und langweilig. Die 100. Merkel-, Nahles - oder Pofalla-Parodie generiert keinen neuen Erkenntnisgewinn, ausser den Stoßseufzer, dass der Kabarettist mal in Klausur mit sich gehen sollte. Und sollte es nicht,bei oder trotz allem Spaß, darum gehen: Erkenntnisgewinn, mit oder ohne dazu gehöriges Lachen?!

Überhaupt ist die Beschränkung auf das tagespolitische Geschehen und seine jeweiligen Spitzenakteure nichts anderes als das, was man berechtigterweise einem Großteil des Journalismus - etwa dem innenpolitischen Teil des „Spiegels“ - vorwerfen kann. Sicher, das macht ganz gekonnt die „heute-show“ oder das hat Urban Priol in seiner „Anstalt“ geleistet. Nur irgendwann ist das nicht mehr prickelnd, man weiß halt: Er mag die Merkel wirklich nicht. Es lachen nur die, die ähnlich denken oder auch die nicht mehr, weil es so wiedergekaut und erwartbar ist, was da gesagt wird. Aber das darf längst nicht alles sein, Kabarett muss über die Tagespolitik hinausreichen, muss tiefer bohren.Beispielgebend für ein Kabarett dieser Art sind m.E. Hagen Rether und Georg Schramm (der leider leider aufhören will). Rether mit seiner betont leisen und ruhigen Art legt den ganzen Wahnsinn des herrschenden Denkens und Handelns, aber eben nicht nur das der Politiker, bloß. Er ruft ein Lachen hervor, das, wenn es sich überhaupt einstellt, im Halse steckenbleibt.

Oder Georg Schramm, der auch so gut wie gar nicht auf Lacher setzt, der Hintergründe aufzeigt, Zusammenhänge verdeutlicht, Personen kenntlich macht und der uns offen seine ohnmächtige Wut zeigt, die nicht nur die seiner Bühnenfigur, sondern die des Georg Schramm ist. Wenn man diesen beiden zusieht und zuhört, kommt einem die Kalauerei und Parodiererei der Richling und Co. beinahe belanglos vor, bestenfalls sind sie ganz nett und gut beobachtet. Dieter Nuhr ist ohnehin nur peinlich.

Eine Frage bleibt: Was bewirkt es? Die ehrliche Antwort: nichts oder nicht viel. Es ist das alte Kabarett-Dilemma: Es gehen die hin oder schalten es sein, die es prinzipiell gut finden. Mehr oder weniger bleibt man unter sich. Und wirklich ändern vermag auch das frechste Programm nichts. So wie politische Lieder auch keine Revolution herbei singen. Das ist mit ein Grund, warum Schramm aufhören will, wie er gesagt hat.Verständlich, dennoch sehr schade. Denn ungeachtet der Feststellung, es ändere sich durch Kabarett letztlich fast nichts, kann man doch nur weitermachen und auf die Einzelnen hoffen, die man zusätzlich zu den schon ,Überzeugten‘ erreicht.

Es gibt, finde ich, wenig Gründe fernzusehen, ohne gute Satire und Kabarett wären es noch weniger. Zeitungen wie der „Freitag“ oder die „TAZ“ verändern die Gesellschaft auch nicht. Aber sie bereichern sie, sie bringen - sollten es jedenfalls tun - Informationen und Gedanken, die andernorts nicht zu finden sind.

Vielleicht würde sich auf längere Sicht ein wenig ändern, wenn, wie Raab es in seinem Beitrag schreibt, die „heute“-Sendung den Sendeplatz mit der „heute-show“ tauschen könnte und die „Anstalt“ häufiger und um 20.15 käme. Oder wenn anstelle des unsäglichen Uli Deppendorf ein Georg Schramm in der „Tagesschau“ und den „Tagesthemen“ regelmäßig kommentieren dürfte. Oder wenn Politiker in Interviews ganz anders angegangen würden.

Das, allerdings, wäre dann kein Kabarett mehr. Das wäre: ein anderes Fernsehen.


13:55 20.10.2013
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Geschrieben von

H.Hesse

"Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen." Pablo Picasso
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