Bemerkungen zur Moral

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das Wochenthema am 14. Mai war die Moral oder das Nachdenken über sinnvolle ethische Normen. Traditionell ein Thema für Theologen und Philosophen. Demgemäß durfte ein Bibelkenner die Seite 06 beackern, die Seite 07 mussten sich zwei Philosophen teilen.

Der ethische Diskurs gleicht allgemein einem Freistilwettkampf. Alles und nichts gilt. Das ist marktgerecht, wo es entweder heißt "anything goes" oder aber "rien ne va plus". Das ist schon sehr lange so. Die Ethik ist seit alters eine Disziplin der Theologie oder Philosophie, keine eigenständige Wissenschaft, besser: keine G-Wissenschaft.

In Berlin und anderswo ist Ethik auch ein Schulfach, das den "Volkskirchen" nicht gefällt, weil sie glauben, allein(seligmachend) für sowas zuständig und kompetent zu sein. Nur tun ihnen immer weniger Bürger/innen den Gefallen, das ebenfalls zu glauben.

Je nach Weltanschauung oder Arbeitsfeld zeigt die Ethik ein anderes Gesicht. Mithin ist sie gar kein Singular wie im Deutschen, sondern ein Plural wie im Englischen, ethics.

MORAL schopenhauerisch

Wenn Schopenhauer sie dennoch "die leichteste aller Wissenschaften" nannte, nahm er das Wort nicht im strengen Sinn. Er wollte nur sagen, die meisten Übeltäter wüssten durchaus, was sie tun. Doch darin irrte der Philosoph.

Wie scheinbar einfach, aber in Wahrheit schwierig schon das ethische Theorem ist (von der Praxis gar nicht zu reden), demonstrierte Schopenhauer unfreiwillig in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral.

Indem er "den obersten Grundsatz der Ethik, über dessen Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind", auf den Ausdruck zurückführte, den er für "den allereinfachsten und reinsten" hielt, nämlich "Neminem laede; imo omnes, quantum potes, juva." (dt. Verletze niemanden; vielmehr hilf allen nach Kräften.), bewies er, wie einfach die Ethik im Grundsatz ist.

In derselben Schrift führte der Philosoph sich selbst und seine Moral vor. Für einen schnöden Schweinebraten verabschiedete er sich kurzerhand vom "obersten Grundsatz der Ethik", weil "der Mensch durch Entbehrung der thierischen Nahrung, zumal im Norden, mehr leiden würde als das Thier durch einen schnellen und stets unvorhergesehenen Tod, welchen man jedoch mittelst Chloroform noch mehr erleichtern sollte".

Mit der freundlichen Betäubung meldet sich noch einmal, wenn auch vom stärkeren Interesse am Braten geknebelt, das Gewissen des theoretisch und praktisch zuweilen glühenden Tierschützers zurück.

Das Gewissen eines abendländischen Philosophen, der lediglich ein wenig indischen Geist geatmet hat. Aber Schopenhauers Mitleidsethik blieb sehr abendländisch. Das "Neminem laede" nahm er ganz wörtlich. 'nemo' ist von *ne-hemo abgeleitet und bedeutet daher 'kein Mensch'. Tiere sind im Abendland ausgeschlossen vom obersten Gebot der Ethik, anders als im ahimsa-Gebot der indischen Dschainas. Tiere bleiben in Europa Sachen. Mitleid mit der Kreatur ist erlaubt, sollte aber in Grenzen bleiben.

Eindeutig setzte sich Schopenhauer über den Leitsatz der Ethik hinweg, als er in der genannten Preisschrift demjenigen, der "für sein Vaterland in den Tod geht", seinen Segen spendete. Das ist dem armen Arthur natürlich eingeredet worden vom allzu mächtigen Über-Ich, vom vielstimmigen Chor der regionalen Tradition. Der Philosoph folgt linientreu klassisch-römisch: "Dulce et decorum est pro patria mori."

MORAL global

Der Riss, der durch Schopenhauers Moral geht, ist keine Ausnahme. Ein Beispiel aus der Zeitgeschichte ist die Erklärung der Menschenrechte. Artikel 1 verkündet frisch und froh: "Alle Menschen sind frei und gleich geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen." Das ferne Echo des Rufs der französischen Revolutionäre ist deutlich hörbar.

Die nationalen Abgesandten bei der UNO unterschreiben das Papier in dem Bewusstsein, dass auch die anderen Vertreter gezeichnet haben, wenngleich sie wussten, dass von Freiheit und Gleichheit aller Menschen in keinem einzigen Staat der Welt die Rede sein kann, vom "Geiste der Brüderlichkeit" noch viel weniger.

Ein besonderer Streitfall zwischen Macht und Gewissen fast jeder Nation liegt vor, wo es um die großen Hebel der Staatsgewalt geht, um Geheimdienste und Militär. Wenn z. B. ein junger Mann das grundgesetzlich verbriefte Recht zur Verweigerung des Kriegsdienstes hat wie hierzulande, heißt das noch lange nicht, dass er sein Recht auch ohne weiters bekommt. In die Verfassung hat der Gesetzgeber nämlich listig hinzugeschrieben: "Das Nähere regelt ein Bundesgesetz."

Also regelten die Regierenden, der Realpolitik zumindest so verpflichtet wie dem Gewissen, das Verfahren zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer durch etwas, was sie als eine "Gewissensprüfung" bezeichneten. Was die Damen und Herren Prüfer darunter verstanden, mussten sie nicht wissenschaftlich und gewissenhaft erklären. Sie wären auch glatt überfordert gewesen, denn eine Gewissenschaft oder kurz: G-Wissenschaft gibt es nicht (s.o.), wohl aber Freiübungen einiger Theologen und Philosophen auf dem unebenen Gelände fröhlicher Vorwissenschaft.

MORAL milgramsch

Stanley Milgram machte mit seinem Experiment über Befehl und Gehorsam vor bald schon fünf Jahrzehnten Schlagzeilen. Besonders das Ergebnis einer Gehorsamsrate von 66 und mehr Prozent widersprach allen Prognosen und löste öffentlich Entsetzen aus. Milgram aber erklärte: "Jeder Mensch hat ein Gewissen, das mehr oder weniger dazu beiträgt, die Triebbefriedigung, die anderen Schaden zufügt, zu verhindern. Doch wenn der Mensch seine Person in eine Organisationsstruktur einbringt, tritt an die Stelle des autonomen Menschen ein neues Wesen, das von seinen individuellen Moralvorstellungen nicht mehr eingeschränkt ist, das von der Behinderung durch Gebote der Menschlichkeit befreit ist und nur auf die Sanktionen seitens der Autorität achtet."

Die Diktion hats in sich. Sie stammt von einem Sozialpsychologen, klingt aber eher so, als hätte er den Forschungsauftrag von einem Geheimdienst erhalten.

Milgram hatte etwas entdeckt, mit dem er sehr einverstanden war und gut leben konnte. Gleich der erste Abschnitt seiner Analyse des Versuchs trägt den verräterischen Titel: "Der Wert der Hierarchie für das Überleben." Und gleich im zweiten Satz definiert er, "bei Vögeln, Amphibien und Säugetieren" gebe es "Herrschaftsstrukturen", beim Menschen "Autoritätsstrukturen, die eher durch Symbole vermittelt werden als durch unmittelbar physische Gewalt".

Das Beispiel für den höheren Wert der Hierarchie, das ihm einfällt, ist allerdings "eine disziplinierte Miliz gegenüber einer aufgewühlten Menschenmenge". Das folgende Beispiel für die Überlegenheit der Hierarchie, das er anführt, ist ein Wolfsrudel: "Dass jeder Wolf seinen Platz innerhalb der Hierarchie akzeptiert, stabilisiert das Rudel. Das Gleiche trifft auf menschliche Gruppen zu ... "

Der Vergleich zivilisierter und natürlicher Wolfsrudel hätte den Wissenschaftler auf den Gedanken bringen können, dass die beste Organisation den Wölfen in Menschengestalt nicht immer das Überleben garantierte. Doch abendländisch erzogen und gelehrt wie vor ihm Schopenhauer lässt Milgram sich anderes eingeben: "Ein Überblick über die Menschheitskulturen zeigt uns klar, dass ausschließlich gelenkte und konzentrierte Aktionen die Pyramiden errichten, die Gesellschaft des antiken Griechenland bilden und aus einer Mitleid erregenden Kreatur, die um ihr Überleben ringt, den technischen Beherrscher des Planeten machen konnten."

Als europäischer Traditionalist mit einem entsprechend zivilisierten Geschichtsbild konnte der Mann der Wissenschaft nicht den einzigen sinnvollen Schluss aus seinem Experiment ziehen und sagen, es sei nun wissenschaftlich erwiesen, dass die Herschaftsstruktur die Wolfsordnung ist, die Mordordnung, die dauernd Opfer und vor allem Feinde braucht, die sich aber auch gegen die Mitglieder des eigenen Rudels richtet, weil sie diese zu bloßen Werkzeugen für die höheren Zwecke der Befehlsgewalt verurteilt.

MORAL dschaina-isch

Der Buddhismus hat schon eine Weile Konjunktur, besonders der tibetische hats den Leuten angetan. Der präsentiert sich ja auch mit einem richtigen Oberhaupt und Gebetsmühlen.

Für den Dschainismus gibt es kaum einen Funken von Begeisterung, wenngleich Albert Schweitzer die altindische Entdeckung und Formulierung der "absoluten Ethik" als ein historisches Ereignis in der Geistesgeschichte der Menschheit sah und obschon Gandhis Moral aus der dschaina-ischen Quelle abgeleitet war.

Für die Dschainas gilt das Ahimsa-Gebot des Nichtverletzens, das den angeblich obersten Grundsatz der Ethik (Schopenhauers) auf alle Lebewesen ausdehnt. Nach traditioneller indischer Vorstellung sind zumindest Tier und Mensch nicht strikt zu trennen, sondern gehören einer umfassenden Gemeinschaft an. Das wird durch die Idee der Seelenwanderung einschließlich Wiedergeburt untermauert.

Schweitzer sprach von der "absoluten Ethik" der Inder. Mit anderen Worten: So unentbehrlich die in Indien erfundene Null für die Mathematik ist, so unverzichtbar ist das in Indien formulierte Ahimsa-Gebot für die Ethik. Alle Taten müssen gemessen werden am Ideal der Gewaltlosigkeit.

Jetzt verstehen wir auch, warum so viele Leutchen sich für den Buddhismus erwärmen (lassen), aber nur äußerst wenige überhaupt etwas vom Dschainismus wissen (wollen). Die Assoziationskette sollte eben nicht via Askese-Bettelmönche-Lebensverneinung-Armut in die Trostlosigkeit führen, sondern via Nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge, Nicht das Recht ist das richtige Maß, Nicht das Geld ist das Maß, Nicht das Auto und Outfit ... Die Frage ist: Wie viel Gewalt ist im Spiel?

MORAL puritanisch

George Fox und seine Leute haben durch ihre Existenz eine gern unterschlagene Seite oder vergessene Komponente der "Aufklärung" manifestiert. Dem allzu oft ausgeblendeten Teil der "Aufklärung" verdankt die Menschheit einen erklecklichen Anteil am Fortschritt in den Menschenrechten, in der Gleichberechtigung der Frau, in den Rechten der Kinder, der Gefangenen, der Tiere und nicht zuletzt im Völkerrecht.

Das "inner light" des George Fox und seiner Leute hat in den innovativen Taten der "Friends" welthistorische Leuchtkraft bewiesen, wo es um die genannten Rechte ging, von der Sklavenbefreiung in den USA bis zur Schulspeise für Kinder im kriegszerstörten Deutschland.

Fox berief sich auf die Bibel wie die anglikanische Kirche und andere; aber er hatte sehr zu leiden unter dem Establishment von Kirche und Krone. Ohne sein religiöses Sendungsbewusstsein hätte er die Drangsalierungen und Gefängnisse nicht überstanden. Er besaß die Moral, seine Gegner hatten die Macht.

Freilich störte die "Sekte" der Society of Friends die christlichen Groß- und Staatskirchen. Und nicht wenige "Aufklärer" störte natürlich der Schleier des Religiösen. Nicht so Voltaire, der nach seinem Aufenthalt in England lobende Worte für die Quaker fand.

MORAL vegan

Auch dieses westliche Pendant zum Ahimsa-Gebot der indischen Dschainas stammt aus England. Es liegt nahe, an indischen Einfluss aus dem British Empire zu denken. Auf christlichem Mist ist es bestimmt nicht gewachsen.

Die Veganer/innen wollen überhaupt keine Produkte gebrauchen, die einem Tier sozusagen weggenommen wurden. Das heißt: kein Fleisch, kein Ei, keine Milch, keinen Honig, kein Leder, keine Wolle usw. Die strengsten Vegetarier/innen lehnen es schlicht ab, irgendein Produkt tierischer Herkunft für sich zu nutzen. Auch Naturschwämme und Hirschhornknöpfe z. B. sind für sie tabu.

Natürlich sind alle Briten und auch alle Deutschen überzeugte Tierfreunde; aber so weit im Respekt oder in der Ehrfurcht vor den Tieren möchten nur die wenigsten gehen. Ist die Anzahl der Vegetarier/innen schon äußerst begrenzt in Europa, wenn auch seit Jahren leicht steigend, so fällt die Gruppe der Veganer/innen noch deutlich kleiner aus.

Wer aber einmal eine junge Veganerin im Fernsehtalk erlebt hat, gesehn hat, wie alle anderen Teilnehmer/innen ihr argumentativ nicht das Wasser reichen konnten, weiß, dass die Moral des christlichen Abendlands zu barbarisch ist, um zukunftsfähig zu sein.

Moral aufklärerisch

Mensch ist zu sehr Teil der Biosphäre, als dass er wirklich gewaltfrei leben könnte. Gandhi hat das gewusst und ausgesprochen. Wenn aber mensch sich als Teil der Menschheit begreift, wird er versuchen, sein Gewaltkonto so niedrig wie möglich zu halten, wird er sich selbst und anderen gegenüber Rechenschaft ablegen über sein Tun und Lassen. Er wird, was er tut oder besser lässt, messen am Ideal der Gewaltfreiheit.

Und mensch ist zu sehr Teil der Biosphäre, als dass er wirklich wahnfrei leben könnte. Schon das Ich-Bewusstsein, aber auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, mit der er sich identifiziert, bildet jeweils eine solide Grundlage für Wahnvorstellungen. Mensch, wenn er aufgeklärt ist, wird dennoch stets versuchen, das Wahnquantum so niedrig wie möglich zu halten. Und er wird, was er denkt und sagt, kritisch messen am Ideal der Wahnfreiheit.

Von Schiller ist der Vers: "Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn." Er zeigt die innere Verbindung, die zwischen Wahn und Gewalt besteht. Beispiele gibt es leider zu viele. Hierzulande ist zu denken an den Exzess von Wahn und Gewalt der römisch-katholischen Kirche in der Inquisition und Ketzerverfolgung. Natürlich auch an den näherliegenden Exzess von Wahn und Gewalt im sogenannten Dritten Reich.

Theologen tun sich schwer, einen angemessenen Begriff von Aufklärung zu kennen. Aber auch lebende Philosophen wie Peter Sloterdijk, angekränkelt von der deutschen Schule mit Begriffen wie "aufgeklärter Absolutismus", scheuen sich nicht, den Preußenkönig Friedrich I als Aufklärer zu betiteln. Deutsche Aufklärung hat es immer schwer gehabt, freilich nicht als militärischer Begriff wie zur Zeit in Afghanistan.

19:21 21.05.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

Kommentare