das rabentagebuch (12 u.13).

mein rabe krah. s.o.
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12 artgerecht

mein wohnraum ist nicht rabengerecht eingerichtet, weshalb ich krahs sichtlichen wunsch, mir durch die tür zu folgen, in der regel enttäuschte. aber manchmal überwog meine neigung, dem raben mehr raum zu gönnen als die zehn quadratmeter der veranda. und ich ließ ihn herein.

dann veränderte sein besuch jedesmal sein verhalten. er bewegte sich anders als auf der vertrauten veranda oder im garten. es war ein bisschen so, als wenn krah als kandidat zur prüfung in den examensraum gerufen worden wäre. er machte sich größer. seine beine waren gestreckt und sein hals auch. vorsichtig schritt er voraus, prüfte wachsam alles um ihn herum, ohne bange zu sein. nur, wenn er ein kissen vom sessel zog, konnte er sich selbst in panik versetzen, sodass er über tische und bänke flatterte. das kippen und kegeln der gläser und tassen beruhigte ihn natürlich nicht. ich musste ihn besänftigen.

danach blieb er wieder auf dem teppich. zog an einem gürtel, bis er „die schlange“ in voller länge vor sich liegen hatte. blieb aber ruhig und sachlich dabei. erst wenn krah anfing zu klecksen, geleitete ich ihn behutsam in seinen bereich zurück.

manchmal gab es nichts zu deuteln. zum beispiel am letzten tag des kalenderjahres. dann haben die leute hierzulande einen knall. sie meinen, den kalenderwechsel mit großem getöse begehen zu müssen. möglichst unter alkoholeinfluss das prestigeträchtig teure und gefährliche feuerwerk zünden zu müssen.

als die knallerei anfing und die lichtblitze seinen glaspalast in grelle helle tauchten, war es vorbei mit der gemütlichkeit in krahs schlummerecke. er bekam es mit der angst zu tun und wollte flüchten, das war aber nicht möglich. türen und fenster waren um die zeit immer verschlossen.

als ich krah in seiner not sah, ging ich hin, redete ihm beruhigend zu, nahm ihn auf den arm und trug ihn in meinen wohnbereich. die rolläden hatte ich hier längst runtergelassen.

als wenn er meine reaktion auf das barbarische spektakel als trost verstand, beruhigte sich krah zusehends. ich setzte mich an den schreibtisch und sprach weiter mit ihm. schlafen konnte er wegen der böller natürlich nicht. aber er war sichtlich nicht mehr in angst. meinen wohnraum zu erkunden wie bei normalen besuchen fiel ihm in dieser situation nicht ein. er blieb ganz ruhig auf meinem arm sitzen. er fühlte sich offensichtlich in sicherheit. und als das lärmen da draußen allmählich abgeebbt war, ließ krah sich selbstverständlich wieder in seinen bereich tragen.

schopenhauer lobte die engländer für den seinerzeit vorbildlichen tierschutz. der philosoph las die britische zeitung The Times und war dadurch über vieles auf der insel informiert.

schopenhauer erwähnt den schandfleck des vogelschutzes in england nicht, weil es den wahrscheinlich zu seiner zeit noch nicht gab. man weiß nicht genau, wann die haltung der raben im tower of london begann. die Vermutungen gehen weit auseinander. es steht fest, dass die raben seit vielen dezennien zur schau gestellt werden. auch steht fest, dass die raben im tower flugunfähig sind, weil sie allein flugunfähig auf dem gelände des tower zu halten sind. man hat ihnen die großen flügel gestutzt. das ist so, als würde man einem menschen die beine verkürzen. nein, es ist noch ärger, nämlich so, als würde man einem tänzer die beine kürzen. denn raben sind flugkünstler wie kaum ein anderer vogel.

damit nicht genug, schränkt man den aktionsradius des intelligentesten lebewesens der weltregion weiter ein auf den kleinstmöglichen eines ausstellungsgegenstandes.

kann mir jemand von den zuständigen leutchen in london sagen, warum nach den eingekerkerten, gefolterten und hingerichteten menschen im tower nun die raben an der reihe sind zu leiden? ich bin sicher, die fürs sightseeing in london verantwortlichen leute, haben keine erklärung, kurz; sie wissen nicht, was sie tun.

es zeigt lediglich, was auch die briten mit dem raben verbinden: das tier ist geeignet, meinen sie, das bild des tower zu vervollständigen und zu schmücken. der galgenvogel passt ins bild, in die szenerie der tower-schauergeschichten.

dass es sich hierbei um billige folklore handelt, ist den leutchen so wenig bewusst wie den deutschen lesern der bildergeschichte über den unglücksraben hans huckebein.

13 Vogelschutz

schauen wir aber mal, was bei den zoologen und naturschützern abgeht, ist leider zu konstatieren, dass auch bei denen der tierschutz nur eingeschränkt gilt. niemand käme zum beispiel auf die idee, dass vögel zu beringen nicht unbedingt zu ihrem wohlbefinden beiträgt. aber eine so altehrwürdige tradition darf natürlich nicht in frage gestellt werden.

da die tierforschung wie alle forschung fortschritte braucht, sind längst diverse abteilungen der zoologie dazu übergegangen, tiere zu besendern. so heißt das, wenn den vögeln ein sender auf den rücken geklebt wird zum höheren ruhme der wissenschaft.

die wissenschaftler der zoologie müssen forschungsberichte vorlegen. das ist notwendig und wichtig für ihre karriere. die verfolgung der tiere bei tag und nacht, über und unter wasser ist noch nicht bis ins letzte eck erfasst. das eröffnet forschungschancen für doktoranden.

schließlich müssen auch sogenannte naturschutz-organisationen etwas für ihr image tun, versteht sich. dass aber auch sie sich publikumswirksam beim besendern von störchen zum beispiel beteiligen, hat mit tierschutz gar nichts mehr zu tun.

in einem land, dessen tierschutz verfassungsrang hat, fällt sowas aber nicht mehr auf.

wie der offizielle tierschutz ins gegenteil umschlägt, zeigt der bekannte bayrische zoologe j. h. reichholf in seinem buch „Rabenschwarze Intelligenz“. was er nicht verstehen kann, weil es schlicht unbegreiflich ist, fasst er in die worte: „Der staatliche Naturschutz beugte sich dem Druck der Jäger und genehmigt Jahr für Jahr die hunderttausendfache Vernichtung.“

der ornithologe wolfgang epple widmet dem „Rabenvogelstreit“ zwischen naturschützern und jägern, um den es hier geht, eigenst ein buch: „Rabenvögel“. darin schildert er eingehend die entwicklung des vogelschutzes in deutschland und der eu. in hundert jahren rechtsgeschichte weist er auf den bruch in der verbesserung des vogelschutzes hin. nach der erneuerten singvogelschutz-richtlinie durch das eu-parlament 1979 liefen die jagdverbände sturm gegen das verbot, die rabenvögel zu töten. auf druck der deutschen jägerschaft stellte die bundesregierung 1994 den antrag auf änderung der singvogelschutz-richtlinie. seitdem sind krähen, dohlen, elstern und eichelhäher nicht mehr streng geschützt, sondern in bestimmten ländern der eu zur bejagung (wieder) freigegeben.

der autor bröselt die ganze problematik im rabenvogelstreit auf. er zeigt, dass das partikularinteresse der jäger über die einsichten der zoologischen experten gestellt wurde.

und reichholf resümiert, die naturschutzbehörden hätten den massenabschuss der bei jägern unbeliebten rabenvögel nicht verhindern können, aber sie hätten praktisch alle möglichkeiten für interessierte vogelliebhaber eingeschränkt, einen rabenvogel aufzuziehen und zu halten. die müssten jetzt für jeden einzelfall eine sondergenehmigung bei der behörde beantragen. in der regel ohne aussicht auf erfolg.

reichholf protestiert gegen diesen aberwitz: „Es kann nicht sein, dass Krähen, Elstern und Eichelhäher völlig legal, aber ohne jegliche öffentliche oder staatliche Kontrolle, Jahr für Jahr zu Hunderttausenden abgeschossen werden, den wenigen Naturfreunden, die solche Vögel halten möchten, aus Artenschutzgründen dies aber verwehrt wird.“

ich habe den bürokratischen popanz kennen gelernt, als ich aussicht hatte, den großen raben des vogelparks, der geschlossen wurde, zu übernehmen. voraussetzung war die besagte sondergenehmigung der unteren naturschutzbehörde. die erhielt ich auf meinen antrag relativ zügig, den raben aber nicht, den hatten die resteverwalter des vogelparks plötzlich aus unerklärten gründen angeblich einem zoo in der region überlassen.

als ich die aussicht hatte, krah zu bekommen, stellte ich keinen neuen antrag beim kreis. erstens wusste ich nicht, dass die sondergenehmigung für alle rabenvögel voraussetzung der legalen haltung ist. der große rabe steht ja weiterhin unter besonderem schutz. zweitens hätte die zeit für den behördengang und das warten auf die genehmigung gar nicht gereicht. im übrigen teile ich die argumente der wissenschaftlich orientierten ornithologen.

nicht anschließen kann ich mich allerdings reichholfs wunsch: „Im Interesse der Rabenvögel würde ich mir wünschen, dass die Haltungsbeschränkungen außer Kraft gesetzt werden, solange es den Massenabschuss gibt. Es würde genügen, die Untere Naturschutzbehörde zu informieren, dass man eine Krähe oder eine Dohle hält.“

das junktim zwischen massenabschuss und privater rabenhaltung halte ich für verfehlt. das eine hat mit dem anderen nämlich nichts zu tun. die interessen und traditionen der jäger sind eine sache, der vogelschutz eine andere. die gelegentliche haltung eines rabenvogels hat eine lange tradition, wenn ich an die krähe und die dohle in aristophanes' stück „ornithes“(die vögel) denke. ganz ohne auflagen möchte ich die rabenhaltung aber doch auch nicht durchwinken. das hat mit den erfahrungen bei der tierhaltung allgemein zu tun.

so ernst müssten das tier und sein schutz schon genommen werden, dass jemand von der unteren naturschutzbehörde seinen sessel verlässt und sich die haltungsbedingungen genau anschaut.

auf was ich mich einließ, als ich krah in meine wohnung aufnahm, wusste ich nicht. mein nachbar theo, der öfter mal herüberkommt, meinte, der wird nie mehr fliegen können. das wird ein hausrabe. und er setzte hinzu: das wird dir ja gefallen, weil er immer bei dir bleibt.

dem musste ich widersprechen. krah ist mein dritter versuch, einem rabenkind zum fliegenden erwachsensein zu verhelfen. danach wünsche ich mir, dass der freiflieger möglichst lange in meiner nähe bleibt. aber ich weiß aus eigener erfahrung, dass die wochen gezählt sind, bis der junge rabe sich einem schwarm gleichaltriger anschließt und auf nimmerwiedersehen in sein eigenes freies rabenleben startet.

in der relativ langen zeit, in der krah bei mir wohnte, länger als die zeit mit dem eichelhäher rätsch und der dohle kjack zusammen, konnte ich denjenigen mit dem größeren schnabel besser kennen lernen. dass Krahs die intelligentesten tiere der weltregion hier sind, hatte ich natürlich auch schon gelesen und gehört.

biologen können nicht umhin, den menschen als primaten den lebewesen zuzuordnen, die eine intelligenz aufweisen, an die keine andere spezies heranreicht. so dachte man zumindest bis vor kurzem.

in alten erzählungen und fabeln schneidet der rabe in puncto intelligenz nicht besonders gut ab. so lesen wir in der bekannten fabel „le corbeau et le renard“(Rabe und Fuchs), dass der rabe ziemlich eitel und dumm ist, der fuchs aber der schlaue. diese bekannte fabel von lafontaine geht auf ältere vorlagen aus der antike zurück.

neuere forschungen zeigen nun aber, dass manche vögel, besonders die raben, mit den leistungen der primaten mithalten können. so etwa im werkzeuggebrauch und bei der herstellung von werkzeugen.

wenn wir aber nicht nur die intelligenz, sondern auch andere eigenschaften und leistungen in betracht ziehen, kann homo sapiens nur neidisch auf die raben blicken. denn diese vögel können nicht nur fliegen, sie können auch schärfer sehen als der mensch. schon durch den panoramablick sehen sie einfach mehr. ihr gefieder ist ein besserer schutz der haut als fell, haar oder textilien. dass raben niemals zahnschmerzen und selten verdauungsprobleme haben, macht sie dem menschen noch überlegener.

und kein rabenschnabel ist so zerstörerisch wie die hand des menschen. menschenähnlich aber ist die eigenart der raben, ihresgleichen nicht zu fressen, obschon es bei kämpfen durchaus zu tötungen kommt.

07:46 20.07.2016
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Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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