das rabentagebuch (19).

mein rabe krah. s.o.
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19 wende 2

es gibt menschen, die rabe heißen oder raab, und wenn diese leute eine große firma oder eine klinik leiten, vielleicht auch eine ganze stadt oder einen staat, dann kann das an den hässlichen kleinen rabenmann auf dem riesigen wal erinnern. menschen sind fehlbar wie raben. die fehler in herausgehobener position aber sind um vieles gravierender als alltägliche patzer der raben und der menschen.

es hat einen unabweisbaren grund, dass menschen den vögeln das fliegen neiden: mensch war vor sehr langer zeit ein baumlebendes wesen, das gut klettern konnte wie viele arten aus seiner näheren und ferneren verwandtschaft noch heute. dieses urzeitliche abgehobensein von der gefahrvollen erde hat in uns tiefe spuren hinterlassen. allein das genießen einer schönen aussicht ist für das augentier mensch die folge seiner baumzeit.

aber auch das klettern gefällt noch so sehr, dass überall kletterpartien in wäldern und an steilwänden angeboten und gut besucht werden.

in den alten tarzanfilmen konnte das publikum staunen, wie der held die höhe der bäume nutzte, um am lianenstrang durch den wald zu „fliegen“. die kinoscheinwelt ahmte eindrucksvoll die leichtigkeit und geschwindigkeit des flugs der vögel von baum zu baum nach.

als sich abzeichnete, dass M bald die reha-klinik verlassen sollte, wurde sie wie die anderen ausgemusterten von der station im erdgeschoss in einen trakt im vierten stock verlegt.

der umzug bedeutete für einen motorisch behinderten patienten mit zum beispiel einem lahmen arm etwas anderes als für mental eingeschränkte wie M. als wir nach einem ausflug im rollstuhl auf dem weg zum lift waren, kamen wir durch den eingangsbereich ihrer ehemaligen station im erdgeschoss. M sah durch die glastüren den bekannten flur und tagesraum, sagte aber nicht: sieh mal, das ist meine alte station. mit blick auf die vertraute umgebung, die sie wiedererkannte, sagte sie vielmehr den namen der stadt, in der sie viele jahre gelebt hatte. nur den zweisilbigen namen der stadt.

mir sagte sie damit, das da kenne ich gut. doch die nennung der stadt in diesem kontext verrät den grad der mentalen verzerrungen durch den schlaganfall.

für eine derart mental beeinträchtigte patientin war die umstellung auf die neuen umstände eine belastung. die „nur“ motorisch gehandicapten dagegen sahen im neuen quartier vor allem die aussicht, bald nach hause entlassen zu werden.

was die neue lage für M nicht besser machte, war die schutzlosigkeit im einzelzimmer, das tag und nacht unverschlossen bleiben musste, weil sich die klinik sonst dem vorwurf der freiheitsberaubung aussetzte.

da auch andere mental angeschlagene patienten in der entlass-station untergebracht waren, konnte es passieren, dass ungebetener besuch ins zimmer trat. das geschah eines nachts. während M schlief, ging die tür auf und ein verwirrter mann tappte im dunkeln herein.

wie mir die schwestern versicherten, war der mann im grunde harmlos. er hatte nur die seltsame angewohnheit, manchmal irgendwo anders zur toilette gehen zu wollen.

was wirklich geschah in jener nacht, weiß niemand und ist auch nie aufgeklärt worden. die nachtwache hatte überhaupt nichts mitbekommen. die schwester der frühschicht fand M weinend auf dem fußboden sitzend.

und M konnte mir nichts sagen, weil sie nichts mehr wusste. ihr kurzzeitgedächtnis war durch den schlaganfall weitgehend ausgeschaltet. ich sah, dass sie schwer gestürzt war. an der stirn hatte sie eine großflächige beule, und ein augenzahn war abgebrochen, regelrecht halbiert.

die nackten fakten wurden in der klinik zur kenntnis genommen. punkt.

in dem heim, in das M nach der reha kam, war es gar kein problem, die zimmertür von außen verschlossen, von innen aber unabgeschlossen zu halten. eine technisch einfache lösung. so hatten „spaziergänger“, die es in jedem krankenhaus gibt, keine chance, sich in fremde zimmer zu verirren.

überhaupt war in dem heim fast alles besser. es war auch wesentlich kleiner. nur die anzahl der übungen in ergo- und physiotherapie schrumpften auf ein minimum. das war nicht gut.

meine übungen mit krah ließen im winter auch vieles zu wünschen übrig. der arme rabe musste in den wenigen lichten stunden der kurzen tage meine bibliothek verstärkt studieren. seine leistungen waren ablesbar am immer dichteren blätterteppich auf dem boden der veranda.

nach draußen gingen wir nur noch selten. aber zum füttern kam ich regelmäßig, möglichst mit einer spezialität.

über krahs anfangsschwierigkeit mit den „schrecklichen“ erdnüssen war schon die rede. auch haselnüsse machten ihm zu schaffen. zum einen, weil sie rund sind und darum leicht wegrollen, besonders auf einer schiefen ebene. doch das passierte krah nicht dreimal. da kannte er die „fluchtabsichten“ der runden nüsse. ließ sie nicht aus den augen und schnappte sofort zu, wenn sie sich in bewegung setzten. die reaktionsgeschwindigkeit seines schnabels liegt jenseits menschlicher maße und möglichkeiten.

doch dann gab es noch ein anderes problem. die haselnüsse waren sehr fest, sodass krah mit seinem schnabel ordentlich zuschlagen musste. die wucht der schnabelhiebe ließ die nuss in stücke fliegen, wodurch ein großer teil der nahrung im blätterteppich verschwand.

als ich das sah, leistete ich hilfestellung, indem ich die nuss mit zwei fingern festhielt, während krah draufloshackte. doch das verstand er nicht sogleich. vielleicht dachte er, ich wolle ihm die nuss wieder nehmen. lange brauchte er aber nicht, die hilfestellung als solche zu begreifen. und kein einziges mal verfehlte die schnabelspitze die nuss und traf meine finger. der rabenschnabel erwies sich mal wieder als präzisionsinstrument.

es war einer der alltäglichen nachmittage, an dem ich bei M war im zimmer des pflegeheims. ich kam jeden vormittag um elf uhr herum. gegen zwölf schob ich sie im rollstuhl zum großen essraum.

das essen war zumeist abwechslungsreich und appetitlich. ich freute mich, wenn ich ihren appetit sah. ich wertete das als gutes zeichen.

nach dem essen gingen wir öfters in die stadt, einkäufe zu tätigen, die post von ihrer wohnung abzuholen oder auch mal einen arzt aufzusuchen. M hatte probleme mit den tränenwegen.

für seltene besucher, aber auch für sich selbst hatte sie gern etwas süßes vorrätig. lala zum beispiel. so nannte sie gewöhnlich in gespielter kindersprache schokolade.

wenn die sonne ihr strahlenbündel raffte, wurde es zeit für mich, auf die uhr zu achten. dann faltete ich zuerst die dekorativ auf dem bett drapierte zudecke, ging zur garderobe, warf mir die jacke über und setzte den hut auf.

M kannte diese anstalten und sagte zum abschied jedesmal artig dank für den besuch. sie schloss mit der ermahnung, vorsichtig zu fahren, auch mit der dummheit der anderen zu rechnen.

nur dieses mal reagierte M ganz anders. sie zeigte sich überrascht und überrumpelt durch die anstalten zum abschied, überhaupt durch die tatsache, dass die besuchszeit schon wieder vorbei war. als ich bei ihr stand, den hut schon auf dem kopf, sah sie aus dem rollstuhl zu mir auf und machte ein so ängstliches, so trauriges und verzweifeltes gesicht, als sei dies der letzte abschied. doch sagte sie nur, wenn auch bestürzt: willst du JETZT SCHON gehen?

auch ich war nun überrumpelt, durch ihre ungewohnte reaktion, ließ mich aber nicht ein auf ihren gefühlsausbruch. ich war ja schon längst wieder unterwegs. ich wies auf die uhr und sagte, gleich wird’s dämmrig. du weißt, dass ich möglichst im hellen fahre.

ihr blick des jammers war im nu wie weggewischt. nein, sie konnte nicht mehr kämpfen. schon vor drei jahren hatte sie einmal bemerkt, dass sie nicht mehr kämpfen könne.

M besann sich, stieg um in den normalmodus, sagte dank und mahnte, vorsichtig zu fahren.

Ihr flehender blick aber, der den alltag plötzlich durchbrach, warf anker in meiner erinnerung. doch in der situation selbst war ich wie abwesend, wich der herausforderung aus, ließ mich von der routine leiten. ich kam ja jeden tag und ging ja jeden tag wieder. ungefähr um die gleiche zeit. so auch dieses mal.

natürlich kannte ich nur zu gut ihren kindersprachlich verpackten satz: milam (miriam) will nich leinig sein (M will nicht allein sein).

ich kannte das gleiche auch ganz erwachsen von ihr auf italienisch ins spiel gebracht: partire è un po' morire. (dt. abschied nehmen ist ein wenig wie sterben)

wie ich M an jenem späten Nachmittag dennoch allein lassen konnte mit ihrem abschiedsschmerz, nachdem ihr Blick mir doch zu verstehen gegeben hatte, was in keine Worte zu fassen ist, das begriff ich schon bald nicht mehr.

an den folgenden tagen musste ich die laufübungen, die ich erst vor wenigen wochen mit ihr begonnen hatte, abbrechen. sie konnte sich nicht mehr auf den beinen halten, knickte mehrmals ein.

wieder zwei tage später fühlte M morgens einen großen druck in der brust. noch am selben tag starb sie auf der intensivstation. der arzt sagte mir, M habe eine lungenembolie. ihr zustand sei aber stabil.

M muss ihr nahes ende geahnt, gefühlt haben, als sie plötzlich aus dem alltag ausscherte, wenn auch nur für einen augenblick. sie war am ende ihrer kraft.

für krah war es die zweitgrößte veränderung in seinem kurzen rabenleben, als M's leben zu ende ging. es war eine positive veränderung für ihn, während die größte veränderung bis dato sein absturz in die menschenwelt war (entweder sein unglück oder aber seine rettung).

plötzlich war ich nun den ganzen tag über anwesend und öffnete bereits morgens früh die verandatür zum garten. es war april, das heißt frühling. der garten erwachte zu neuem leben, und krah fand die rabengerechte ergänzung zum gekauften futter nun draußen.

natürlich erweiterte die ganztägig offene verandatür krahs aktionsradius um ein vielfaches. und bald zeigte er mir, dass noch ein richtiger rabe in ihm steckte. dass er nicht nur ein schwarzes huhn war, das fleißig pickend auf dem boden herumlief. er entdeckte einen weg nach oben.

auf dem steil ansteigenden stützbalken zwischen den masten des gartenturms war wilder wein im vorigen sommer ein paar meter hinaufgeklettert. darauf fand krah genug halt, um auf eine höhe von zwei metern hinaufzuklimmen. der auskuck gefiel ihm so gut, dass er sich dort sehr lange aufhielt.

seinem wunsch nach höhe und ausblick entsprach das noch nicht ganz, aber es war schon mal ein anfang. ein bedeutender schritt über das am boden krosende huhn hinaus. da „oben“ konnte krah es stundenlang aushalten. ja, der neue standpunkt über dem gartenrevier animierte ihn sogar, seinen namen schön laut in die welt hinauszurufen.

antworten der krähen, deren revier jenseits der straße im osten an seines grenzte, irritierten ihn wenig. sie lockten ihn nicht.

damit krah in seiner wohnung nicht andauernd auf dem boden oder auf den ebenen flächen der bücherborde stehen oder laufen musste, schnitt ich im garten einen größeren strauch ab und baute daraus ein künstliches geäst. das artgerechte hüpf- und haltgerät sollte seinen füßen guttun. ich fand es schlicht natürlicher. und tatsächlich sprang krah auf das angebot im wörtlichen und übertragenen sinn an. er schlief zur anerkennung der innovation gleich die erste nacht im gezweig. aber auch tagsüber, wenn er nicht draußen war, zog er die äste den platten möbelflächen vor.

krahs aufenthalt auf den zweigen, aber auch seine stunden im garten waren hygienisch ein großer fortschritt. er verkleckste die veranda viel weniger und verbrachte mehr zeit im sauberen gezweig. so kam er kaum noch mit frischen klecksen in berührung.

dass vögel auf hygiene achten, zeigen sie uns im alltag kaum, aber wenn sie ihre brut im nest versorgen, lassen sie möglichst nichts in die mollige mulde fallen. und wenn die nestlinge noch zu klein sind, sich rücklings an den nestrand zu bewegen, fangen die eltern bei der fütterung den kotklecks der jungen instinktiv mit dem schnabel auf, um das verdaute dann im abflug fallen zu lassen. die eltern fliegen sozusagen niemals leer. auf dem anflug tragen sie frisches futter im kehlsack, auf dem abflug das verdaute futter ihrer kleinen.

wenn die stare junge haben in den kästen, kann ich das gleiche verhalten der alten beobachten. vor zwanzig jahren waren hier übrigens noch keine stare. mit den ersten nistkästen, die ich in die bäume hängte, siedelte ich sie an. da meine nachbarn dann ebenfalls nistkästen bauten und aufhängten, gibt es hier seit jahren das frühjahrs- und herbstkonzert der imitationskünstler.

und noch etwas änderte sich zu krahs gunsten, als ich immer zuhause war. ich fuhr alle paar tage ins nächste dorf und kaufte eine kleine portion rindergulasch im supermarkt.

vorher hatte krah natürlich auch fleisch bekommen, aber das war dann aus dem biomarkt, zumeist puten- oder hähnchenbrust aus der tiefkühlung.

der supermarkt war nicht nur näher und billiger, das rindfleisch war frischer und stammte natürlich aus der agroindustrie. die rinder hatten wahrscheinlich die üblichen wachstumshormone verabreicht bekommen, damit sie schneller schlachtreif waren. vielleicht, dachte ich, könnten die wachstumshormone krah dabei helfen, seinen linken flügel wieder funktionstüchtig zu machen.

einer verkäuferin, die sich über die regelmäßigen, aber kleinen portionen wunderte und fragte, ob die für eine katze bestimmt seien, erzählte ich kurz über krah. sie kannte einen tierarzt, der auf vögel spezialisiert war, dem sollte ich meinen krah zeigen, der könnte seinen flügel vielleicht heilen.

auf die idee, zu einem tierarzt zu gehen, war ich auch schon gekommen, am besten zu der tierärztin, die mir gesagt hatte, kjacks verkürzter schnabel würde wieder bis zu voller länge wachsen. aber ich kannte krahs furcht vor fremden; womöglich würde der schaden in der arztpraxis dadurch nur noch vergrößert. darum sah ich vom tierarztbesuch ab.

aber dass krah nach mehreren wochen in die mauser kam, hatte wohl nichts mit den rinderwachstumshormonen zu tun. es war der anfang seiner großen metamorphose.

19:23 24.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
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