das rabentagebuch (4 und 5)

mein rabe krah. s.o.
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4 flügge sein

M hat pech gehabt, krah glück. er fliegt mir zu. er ist flügge. er hat flügel, die ihn weit tragen können. im fachjargon ist er ausgewachsen ein typischer streckenflieger.

aber krah denkt nicht nach über sein schicksal. er hat nur augen für das, was er in seiner umgebung sieht. hellwache und scharfe augen. davon lässt er sich locken oder auch schrecken. aber grübeln ist sein ding nicht. er muss stets in bewegung sein. seine wachen augen sagen ihm, wohin er sich wenden muss, was er zu tun hat.

nur wenn er müde ist, bleibt er auf meinem arm still sitzen, macht es sich bäuchlings bequem und schließt schon mal ein wenig die augen. zuerst mit der nickhaut, dann auch richtig mit dem lid, das eine auge schon mal. dann darf ich ihn sogar ein bisschen streicheln, mit einem finger über sein köpfchen. kein weltfriede kann so friedlich sein wie mein krah.

in einem fachbuch las ich, dass krahs etwa vier wochen nach dem schlüpfen flügge werden. das hieße, krah knackte noch im mai das ei, in dem er ausgebrütet wurde. er ist ein mairabe. aber ist sich dessen natürlich nicht bewusst. kalender und planer, mit denen menschen sich plagen, kennt er ja nicht. er weiß auch jetzt nicht, dass er flügge ist, dass er flügel hat, die ihn weit, weit tragen könnten.

für mich sind seine flügel der grund, mit ihm in den garten zu gehen, wo die welt offener ist als auf der veranda. kaum draußen vor der geöffneten glastür zum garten entdeckt krah einen teller, in dem sich regenwasser gesammelt hat, und nimmt sein erstes bad.

statt die gelegenheit zu einem aus-flug zu nutzen, planscht krah lustvoll in der für ihn viel zu kleinen pfütze.

wie gern raben planschen, hat mir vor jahren kjack gezeigt, die junge dohle, die damals so flügge war wie krah jetzt. ich hielt kjack in der küche auf dem arm und drehte an der spüle den wasserhahn auf; ehe ich mich versah, war kjack mit einem satz im spülbecken, um unter dem wasserstrahl zu duschen. das konnte ich gerade noch verhindern. und damit die überschwemmung der ganzen küche.

seitdem weiß ich, dass raben gern baden. wasser zieht sie magisch an. ganz gleich, wann und wo, sommers oder winters.

krah hat mir nun gezeigt, dass er eine größere badewanne brauchte. im gartenbereich des baumarktes fand ich einen riesigen vasenuntersatz. der wurde krahs planschbecken.

war heute wieder mit krah im garten. er hielt sich die ganze zeit am boden auf, folgte meinem beispiel, dem vorbild des flügellosen.

anschließend saß er auf meinem sommerlich textilfreien arm, wo plötzlich eine federfliege sich aus krahs gefieder löste und auf meinem arm landete. ich war zu entsetzt, das insekt sofort zu erschlagen oder zu fangen. und husch, war es schon wieder in krahs federn verschwunden. verfolgung zwecklos.

jahrzehntelang hatte ich keine federfliege mehr zu gesicht bekommen. ihr anblick sie sehen ähnlich aus wie stubenfliegen, nur platter, sodass sie scheinbar widerstandslos flink zwischen den federn durchhuschen können. ihr anblick und ihr flinkes huschen hatten sich in mein gedächtnis gebrannt, seit ich als kind eine junge schwalbe auf dem weg vor dem haus am boden fand. während die anderen schwalben herumflitzten wie gewohnt, lag dieses schwälbchen japsend am boden. es flog nicht auf, auch wenn wir kinder ganz nah herankamen.

ich guckte mir die schwalbe aus der nähe an und sah eine menge dieser blutsaugerischen federfliegen durch das gefieder krabbeln und flitzen. wahrscheinlich hatte die große anzahl parasiten das junge schwälbchen derart geschwächt, dass es nicht mehr fliegen konnte.

als Kind brachte ich das auffällige verhalten der schwalbe mit dem parasitenbefall in verbindung. aber mir fiel nicht ein, hier einzugreifen und der schwalbe zu helfen. ich sah den zusammenhang, sah aber keine chance, die realität zu korrigieren. wie denn auch? war doch noch kind.

ich hielt die beobachtung fest wie eine traumatische erfahrung, die jetzt im nu wieder lebendig wurde. aber ich wollte krah auf keinen fall mit irgendeinem insektizid besprühen und dadurch vergiften. vielleicht hatte er ja auch nur die eine federfliege, die er verkraften konnte, er war ja viel kräftiger als das junge schwälbchen. womöglich könnte er die eine fliege mit seinem flinken schnabel bald erwischen. habe in der folgezeit nie wieder eine federfliege bei ihm gesehen.

heute im garten dachte krah wieder nicht ans fliegen. während ich zwischen den jungen kartoffelpflanzen die topinamburtriebe ausrupfte, die vom vorjahr wieder hervorkamen, rannte er mit aufs beet, um mir zu helfen.

mit seinem kräftigen schnabel packte er die unerwünschten auswüchse und zerrte sie aus dem boden oder schnappte die von mir rausgezogenen topinambur, riss sie mir aus der hand, um sie sogleich fallen zu lassen.

dass krah mir aber überhaupt zur hand ging, sah, welche arbeit ich tat, und mir das nachzutun bestrebt war, zeigt mir ein maß an intelligenz und fähigkeit zur zusammenarbeit, das vielleicht von dressierten hunden bekannt ist, nicht aber als spontane leistung. das ist reinste rabenart.

dann entdeckte er sein neues planschbecken und stürzte sich ins klare wasser. weil sein gefieder wasserabweisend ist, muss er sich ordentlich ins zeug legen, um im wasser die nässe zu spüren.

der kopf taucht ein und wird schnell rechts- und linksrum gedreht, dass der schnabel nur so wirbelt und auf dem plastikboden des planschbeckens klappert. gleichzeitig flattern die flügel im wasser, dass es wild spritzt. es sind immer die gleichen bewegungen. schließlich senkt er den rumpf bis auf den boden der plansche und rutscht ein paar mal vor. dann steigt er aus der wanne, tut ein paar schritte, schüttelt sich und putzt sich ein wenig.

äugt dann aber zurück aufs wasser, bis er noch einmal ins planschvergnügen gezogen wird und wild drehschnabelt und flattert, dass es nur so spritzt. abgekühlt kann er es danach auf der sommerlich aufgeheizten veranda gut aushalten.

5 Fliegen – Kunst oder Abenteuer

den ersten rundflug im garten unternahm krah erst, als er schon drei wochen bei mir war. das heißt, wenn er etwa drei wochen im nest war, bis er irgendwie den halt verlor, dürfte er nun sechs bis sieben wochen alt sein. da die rabenkenner aber nur eine zeitspanne von einem monat zwischen schlüpfen und flüggesein ansetzen, ist krah in seiner entwicklung zurückgeblieben oder aber schon über eine woche früher aus dem nest gestürzt.

von rundflug kann eigentlich keine rede sein. denn er flog keine runde, sondern nur geradeaus in den garten hinein nach osten und bog dann in richtung hecke nach links oder norden ab.

die dichte weißdornhecke bot ihm keinen bilderbuchlandeplatz. darum strandete er auf einem schräg aus der hecke heraushängenden ast, der im vergangenen herbst ein geiler trieb war, den ich kappte und der nun als überbleibsel des letzten heckenschnitts ziemlich lose im gestrüpp hing. und so hing auch krah hilflos an dem hängenden toten ast, sah sich nach mir um und war froh, dass ich ihm nachgeeilt war und ihm meinen arm als sicheren landeplatz anbot.

das abenteuer des ersten kurzen fluges merkte ich ihm an. krah war sichtlich erregt und sah gespannt in die runde, als wollte er noch einmal starten. das tat er aber nicht. er ließ sich vielmehr widerstandslos zur veranda abführen. vielleicht war er ja auch enttäuscht von der kurzen und kläglich endenden flugübung. ich aber war froh über krahs erste flugprobe. dass der start besser klappte als die landung, machte mir keine sorgen.

mich wunderte aber an den folgenden tagen, dass ein bis zwei badekuren zum festen bestand der täglichen übungen gehörten, nur das fliegen nicht. er hielt sich wie gehabt mit mir am boden auf und zeigte mir dabei einmal mehr ein auffälliges instinktverhalten. während er sich auf dem plattenweg zu schaffen machte, entdeckte er ein nest der winzigen gartenameisen. nein, nicht als nahrungs-, sondern als hygiene-angebot. erst rupfte krah an den kleinen pflanzen, unter denen die ameisen ihren bau hatten. dann legte er sich bäuchlings ins gekrabbel, bis er rundum von den winzigen tierchen überwimmelt war. er reizte ihre angriffslust noch mehr, indem er ihren unterirdischen bau weiter zerstörte und dadurch, dass er sich im gewimmel wälzte. dabei ließ er die flügel ein paar mal gegen den boden schlagen, ehe er ganz ruhig dalag und das ameisensäurebad still wie ein sonnenbad genoss.

so etwas hatte krah vorher nie gesehen. es waren also seine angeborenen instinkte, die ihn ins wasser trieben, aber jetzt auch ins ameisensäurebad. ich war überrascht und zugleich erfreut über krahs erstaunliches rabenerbe. der nutzen leuchtete sofort ein, wenn ich an die federfliege dachte. vögel werden ja nicht nur von federfliegen geplagt, sondern auch von kleineren parasiten wie milben. für diese quälgeister dürfte die ameisenspritze fatal sein. wie lange so eine säurekur vorhält, weiß ich nicht. sie ist aber bestimmt harmloser für den vogel als die käuflichen insektizide.

vor Jahrzehnten hatte ich den eichelhäher rätsch. als der einmal auf meiner hand landete und da eine weile sitzen blieb, sah und fühlte ich eine regelrechte invasion von milben, die vom rumpf des vogels über seine beine auf meine hand strömten. ich nutzte die eigentümliche völkerwanderung, um meinen eichelhäher möglichst gründlich von den schmarotzern zu befreien. ich ließ rätsch auf meine andere hand wechseln und schüttelte und wischte die winzlinge von der ersten hand und so weiter im wechsel der hände bot ich den milben jedesmal den übergang an, bis der nachzug dünner und dünner wurde.

was die vogelmilben so massenhaft auf meine hände lockte, weiß ich nicht. das verfahren zur milbenbekämpfung war gewiss das vogelschonendste, weit harmloser noch als krahs bad in der ameisensäure. das ameisenbad dauerte übrigens etwa so lange wie ein wasserbad im planschbecken.

krah ließ fast zwei wochen vergehen, bis er wieder ans fliegen dachte. das könnte den gedanken stützen, dass der junge rabe in seiner entwicklung ein wenig zurückblieb im vergleich zum durchschnittlichen werdegang. ihm genügte das erobern des gartenreviers zu fuß. oder war es eine große anpassungsleistung an den großen flügellosen?

so fing das an diesem tag auch wieder unauffällig an. er lief brav mit, pflückte hier eine reife himbeere am weg, schnappte da eine fliege. aber plötzlich startete er und landete, ich weiß nicht wie und warum, in den himbeersträuchern, aus denen ich ihn sogleich befreite.

auf dem rückweg zur hütte startete krah erneut von meinem arm aus und landete auf dem sichtschutzzaun des nachbarn. unternehmungslustig sah er sich um, kam aber schließlich doch zurück auf meine hand. von wo er aber schon bald erneut startete und auf dem dach der hütte landete. da blieb er nicht lange, sondern flog hoch zum bisher längsten und höchsten flug überhaupt, durch den garten und hoch hinauf in die höchsten bäume. rufen brachte ihn nicht zurück. er blieb, wo er war, versteckt im vollen sommerlaub.

das war's dann wohl, dachte ich schon. der rabe ist ausgeflogen. und ließ ihn in ruhe. bevor ich aber nach etwa einer stunde zur klinik aufbrach, ging ich noch einmal in den garten und rief.

und er antwortete. ich konnte nur nicht gleich heraushören, von wo. also wiederholte ich den ruf. und dieses mal konnte ich seine leise antwort orten. ganz oben in den äußersten zweigen der robinie erkannte ich ihn.

ich fuhr fort, ihn zu rufen, und nach einigem zögern löste er sich aus dem wipfel der robinie und ließ sich fallen. es war ein sehr steiler sturzflug in richtung auf meine hingehaltene hand.

in der letzten sekunde erkannte krah die unmöglichkeit, bei seinem tempo auf meiner hand zu landen, und startete durch übers dach hinweg zu den hohen bäumen auf der anderen Seite, auf der westseite der hütte. von dort stieg er schließlich in mehreren stufen zu mir herab.

das war knapp. eine geschlagene stunde hatte er garten und hütte von ganz oben im blick gehabt. in echter vogelperspektive. für das bedürfnis hatte ich volles verständnis. das wünschte ich ihm ja.

dass krah aber seinen sturzflug nicht abfangen konnte, machte mir nun doch sorgen. mir kam es vor, als hätte er eine flugstunde versäumt, in der das bremsen geübt wurde. das pensum fehlte ihm. wie sollte ich ihm das nur beibringen? ich, sein flügelloser ersatzrabenvater.

am nächsten tag waren wir wieder im garten. nach anfangs harmlosem spaziergang hob krah dann wieder ab. es machte ihm sichtlich spaß zu fliegen. höher und weiter trugen ihn seine flügel. und wieder hoch über die hütte hinweg zu den bäumen im westen. dort hing er sehr lange an einem eichenzweiglein über dem parkplatz. als er schließlich bereit war, zu mir herabzufliegen, hatte er wieder das problem, den sturzflug nicht bremsen zu können. oder wollte er vielleicht gar nicht zu mir zurück? die exakte wiederholung seiner landeunfähigkeit, konnte sie nicht ebensogut eine landeverweigerung sein?

jedenfalls startete er wieder durch und flog fast hundert meter weit in einen der hohen bäume im westen. ich folgte und rief. konnte aber krah im dichten laub der bäume nicht mehr sehen. er antwortete auch nicht auf meine rufe. also gab ich das rufen und warten irgendwann auf wie am vortag. und ging ein wenig besorgt und traurig in die hütte zurück. an dem tag blieb krah weg. so auch am nächsten und übernächsten tag usw.

21:35 15.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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