die deutsche schlechtschreibung.

der nazionale buchstabe. die drucker sind an allem schuld. die drucker vor mehr als 200 jahren. die bastelten aus dem langen (binnen)s und dem kurzen (end)s den buchstaben "esszett" neu.
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vorschläge zur normalisierung der minuskel ß durch die erfindung der majuskel gab es bereits im 19. jahrhundert. jetzt endlich scheint die alte forderung durch den beschluss des rates für die deutsche schlechtschreibung erfüllt zu werden. seit 29. juni 2017 ist das große ß amtlich. begründung: "konsequente Großschreibung liest sich einfach besser."

was darf man von einem verein erwarten, dessen vornehme mitglieder ministerposten bekleideten wie der csu-mann zehetmair? die sache selbst war noch nie der rede wert bei leuten dieses formats. im günstigsten fall reicht es zur echten parteidisziplin, im ungünstigsten zur machtkranken einmischung in belange, von denen sie keine blasse ahnung haben.

die ursprüngliche druckerkreation, die ligatur von langem und kurzem s zum novum im alphabet, zum ß, krankte von anfang an daran, dass sie lediglich als kleinbuchstabe da war. ein geburtsfehler, der sich versteht als folge des faktums, dass seine "eltern" kleinbuchstaben waren. ihre position in der wortmitte oder am wortende war der grund.

das haben die verantwortlichen für die schlechtschreibung aber längst vergessen. die herkunft des ß interessiert nicht. ausgangspunkt der verbesserung der schreibung ist allein der misssstand, dass da ein buchstabe ohne majuskelform steht. diese ungleichheit ist abzuschaffen. koste es was es wolle. gleichheit ist ein hohes prinzip, wo es um buchstaben geht.

nun ist freilich die kreative phantasie der mitglieder des rats für die deutsche schlechtschreibung vergleichsweise ähnlich eingeschränkt wie die größe des ß. die angestrengten versuche, aus dem kleinen ß ein großes zu machen, endeten wie so oft bei ähnlichen bestrebungen lediglich bei einer sichtbaren verfettung der ausgangsform. warum sollte es dem ß auch besser ergehen als den autos und den lenkern derselben?

ß statt ß ist das beachtliche ergebnis der schlechtschreibung,stand jahresmitte 2017. nach anderthalb jahrhunderten des immerwährenden bemühens nun die erlösung. oder der berg hat gekreisst und ein mäuslein geboren.

nicht von ungefähr fällt dieser großartige erfolg zusammen mit der verdickung der hallstein-brd durch die einverleibung der niemals ganz anerkannten ddr.

statt die barocke unart, sogenannte hauptwörter groß zu schreiben, endlich auf den schrotthaufen der geschichte zu werfen, heißt der neueste fortschritt der schlechtschreibung das groß zu schreibende ß. statt einzusehen, dass es keinen grund gibt, die substantive durch große anfangsbuchstaben zu hauptwörtern im satz zu erheben, wird ein missgeborener buchstabe, das ß, nicht endlich abgeschafft wie immerhin in der schweiz, sondern geschmack- und phantasielos verdickt zum vollbuchstaben mit dem recht oder der pflicht zur großform aufzulaufen.

14:53 13.07.2017
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Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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