die sommermärchen(1).

die kickerei 2006. die sprachregler im lande möchten den angestammten wunderglauben und den schwarm fürs märchenhafte pflegen mit ihrer fußballüberschrift "sommermärchen".
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

kein lemma in irgendeinem wörterbuch. neologismus nennt man sowas.
die suchmaschine google wirft hingegen weit über eine halbe million seiten aus.
das hätten dudens ahnen können nach dem wintermärchen, der zusammenlegung der beiden deutschen, um genauer zu sein: preußendeutschen staaten. denn seitdem hat der nationalismus wieder einen breiteren nährboden und tobt sich in tausenden fremdenfeindlichen verbrechen aus.
mit hilfe des populärsten sports bei gelegenheit der fußballweltmeisterschaft im lande sollte der hässlichen fratze eine freundliche maske verpasst werden. die maske hieß "Sommermärchen".
dass es dabei um die deutsche nation und positive gefühle für sie ging, war sichtbar und offensichtlich. die nationalfarben loderten wie ein freundliches feuer im ganzen land. nicht nur in den arenen und auf den fanmeilen mit den gigantischen bildflächen.

woher und wohin der wind blies, verrät schließlich der film zur wm: "Deutschland. Ein Sommermärchen". der filmtitel, ursprünglich fürs fernsehprogramm gedreht und vom wdr finanziert, wendet heines text "Deutschland. Ein Wintermärchen" ins positive, ins heimelig warme. hatte heine vor gut anderthalb jahrhunderten seine ungemütlichen erfahrungen auf der reise nach deutschland verarbeitet, so dokumentiert der film die fröhlichen feiern der deutschen um einen getretenen hohlkörper. der gegensatz der jahreszeiten ist nicht erfunden, sondern entspricht den realen kalenderabschnitten.
aber ...
der winter ist nicht vergleichbar, der sommer ebenso wenig - vor und während dem klimawandel. deutschland ist gleichfalls nicht identisch vor und nach dem holocaust. der dichter liebte seine heimat, aus der er verbannt war und deren verhältnisse er satirisch darstellt. der filmemacher dreht in eintracht mit den landessitten einen streifen, den man sich an den hohlen hut stecken kann, um mitzujubeln.
doch das alles wäre keine zeile wert, wenn nicht die macher der oberen ebenen schon wieder einstimmten in das geheul der straßen, stadien und kneipen.
blind oder zynisch gönnen sie dem "Volk" den sommerlichen karneval, während die pegel der lebensmittelpreise und der energie sowie vieler anderer rohstoffe in die höhe schnellen. weltweit. das europäische, insbesonders das deutsche fußballfest gleicht dem ausgelassenen tanz auf der titanic.
es ist eine unverschämt reaktionäre geste, dem kritischen werk heines etwas so hohles entgegenzustellen wie das kriegsritual auf dem grünen rasen, das auf bloße stimmungsmache aus ist, auf das schüren feindseliger gefühle auf nationaler folie. was heine dem barbarossa riet, nämlich in seiner kiste zu bleiben, statt nach nationalromantischer herzenslust noch einmal die bühne der mächtigen zu betreten, das haben die deutschen seinerzeit nicht begriffen, und sie verstehen heute noch immer nicht, dass die zukunft nicht in der vergangenheit zu finden ist.
dass sich millionen das gekicke angekuckt haben, ist nicht der punkt. geglotzt wird vieles tag und nacht. dass aber ein öffentlicher schleier daraus gemacht wird, der den menschen im land die sicht nimmt, das ist skandalös. es ist vergleichbar mit dem öffentlichen ausschank von bier oder anderem opium.

soweit der text, den ich vor acht jahren schrieb. mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass dem sommermärchen ein juristisches nachspiel folgt. dabei geht es um millionen und um die strippenzieher und kulissenschieber vor und während der märchenveranstaltung. märchen als synonym für lügengespinst. fürs vorgaukeln falschen scheins.

15:06 20.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

Kommentare 14