Ethischer Rat?

Beschneidungsethik. vorgestern tagte der deutsche ethikrat zum thema beschneidung. die 26 mitglieder des gremiums werden von bundesregierung und bundestag eingesetzt.
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das votum des ethikrats stimmt weitestgehend mit demjenigen des bundestags überein. wen wunderts? weder im bundestag noch im sogenannten ethikrat geht es um ethik. vielmehr wird die kunst des möglichen geprobt. die zielmarke liegt zwischen opportunismus und interessenausgleich.

weil die ethikberater der bundesregierung eben nicht nach ethischen maßstäben entschieden haben, nennt der sprecher des berufsverbandes der kinder- und jugendärzte den beschluss einen skandal. er sagt, das gremium habe offenbar nicht das recht des kindes auf körperliche unversehrtheit berücksichtigt.

das könnte folgen vor dem bundesverfassungsgericht haben. das recht auf körperliche unversehrtheit ist ein grundrecht, das in der verfassung verbrieft ist und nicht mal eben durch bundestag und ethikrat außer kraft gesetzt werden kann.

wenn die ethiker nach dem obersten prinzip der ethik einen beschluss gefasst hätten, wäre der im sinne der verfassung und des verbandes der kinder- und jugendärzte gewesen. das erste gebot der ethik, in indien bereits vor jahrtausenden als ahimsa aufgestellt, verpflichtet die hindugruppierung der dschaina zur gewaltlosigkeit. blutberufe wie soldat oder metzger, aber auch bauer waren und sind für sie ausgeschlossen.

im westen wurde das ungewohnte verhalten dieser inder, wenn sie keinen schritt tun, ohne den weg zu fegen, damit sie keine ameise tottreten, oft belächelt und verhöhnt, unter vielen anderen z. b. vom philosophen hegel. narren haben stets viel zu lachen.

nicht anders erging es der christlichen "sekte" der sog. "quäker". sie nennen sich selbst "(society of) friends", hatten ihren ursprung im england des 17. jahrhunderts und verlassen sich auf ihr "inner light", was frei mit 'gewissen' zu übersetzen ist. als der begriff menschenrecht noch unbekannt war, setzten sie sich längst für die rechte der sklaven, der afro-amerikaner, der frauen, der gefangenen usw. ein. bekannt geworden sind sie trotz voltaires lob und nobelpreisverleihung nicht.

ethik ist keine frage provinziell-nazionaler abstimmungen, sondern ein gebot der menschheit und menschlichkeit (humanité). in einem ethikrat, der den namen verdiente, hätten etwa auch ein dschaina und ein mitglied der society of friends sitz und stimme. es ist zu recht gesagt worden, dass muslime und juden aus der ganzen welt zuschauen, wenn berlin entscheidet. ethik ist etwas, das alle angeht, nicht bloß einzelne in dieser weltregion. im sinne der menschheit und menschlichkeit zu denken und zu beschließen ist etwas anderes als sich diplomatisch aus der affäre zu ziehen.

22:40 25.08.2012
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Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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