Kulturkatastrophe Alkohol

Traditionen. aus gegebenem anlass. "schnaps, das war sein letztes wort, dann trugen ihn die englein fort."
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"Der Alkoholgenuß ist tief im Volksleben verwurzelt", heißt es im Brockhaus der 50er jahre. mit anderen worten: ein dorf ohne kirche und kneipe ist undenkbar. in beiden häusern würde etwas essenzielles fehlen ohne den heiligen weingeist. die droge alkohol ist bestandteil des rituals, das mal in weihrauch, mal in tabakqualm gehüllt zelebriert wird. seit etlichen jahrhunderten.
das war die milieu-vorlage für den dorfrichter adam in kleists komödie „Der zerbrochene Krug".
das stück macht so manchen urteilsspruch verständlich, bis heute. denn der brauch ist geblieben. das ritual um den weingeist reißt nicht ab, im gegenteil: ein bericht der weltgesundheitsbehörde (WHO) spricht von rapide zunehmendem alkoholkonsum weltweit.
zu oft haben die leute von heute auch nichts anderes im kopf als die brockhaustexter vor gut einem halben jahrhundert:
„Der Genuß alkoholischer Getränke ist über den ganzen Erdball verbreitet ... Die Beliebtheit dieser Getränke ist zunächst auf ihren zusagenden Geschmack zurückzuführen, für den allerdings oft erst eine gewisse Kennerschaft entwickelt werden muß. Daneben spielt die anregende, zu einem Zustand wohliger Gelöstheit führende Wirkung des Alkohols eine maßgebende Rolle." (das hymnisch-süffige zitat möchte zweimal gelesen werden)
kurz: es gibt gute gründe für die allseitige „Beliebtheit" der schnapsschwipse.
dass frauen öfters kläglich versagen beim "entwickeln" der "gewissen Kennerschaft", und das weltweit, ja, dass ganze weltregionen nicht mithalten können beim hohen spritverbrauch, erwähnt der alte Brockhaus mit keiner silbe. laut who-bericht liegt der alkoholkonsum in afrika, den östlichen mittelmeer-ländern und in südost-asien signifikant niedriger als in den anderen weltregionen.
während der alte Brockhaus lediglich von der gefahr des „Nichtmehraufhören-könnens" raunt und „besonders Gastwirte, Kellner, Winzer, Brauer" als „gefährdet" bezeichnet, nennt ein aktuelles lexikon zahlen.
allein für die brd werden 42 000 - 74 000 todesfälle pro jahr veranschlagt, deren ursache der alkohol ist. das engere umfeld bilden 1,6 millionen alkoholiker, das weitere 1,7 millionen zuvieltrinker. zwischen beiden gruppen sind die übergänge fließend.
selbst ein in mancher hinsicht vergleichsweise vorbildlich http://www.weltwissen.com/pix/pfeil.gifnüchternes land wie schweden muss pro jahr 5000 - 7000 alkoholtote melden. bei einer bevölkerung von 9 millionen ist das eine quote, die in etwa der deutschen entspricht.
damit die guten alten trinksitten bewahrt werden, muss sich der nachwuchs früh üben, will sagen: die jugend wird beizeiten zum drogenkonsum verleitet. das zeigt z.b. "The European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs" (espad) mit aller deutlichkeit.
was ist das für eine gesellschaft, die ihre kinder vergiftet? eine gesellschaft ohne zukunft.
relativ nüchtern registriert die „Landesstelle Berlin für Suchtfragen":
„In der Mehrzahl der europäischen Länder gilt der Umgang mit Alkohol als kulturell akzeptiert und als Teil der normalen Entwicklungserfahrungen für Kinder. ... Das Trinken von Alkohol ist bei uns ein obligatorischer Teil sozialer Ereignisse im Familienkreis und in der Öffentlichkeit."
das klingt ein wenig nüchterner als der Brockhaus und zeugt von einer anderen "Kennerschaft". ein aufschrei über die massenmörderische vergiftung der bevölkerung ist das nicht.
wenn ein tsunami ganze landstriche verwüstet und mit vielen todesopfern schlagzeilen macht, reagiert die bevölkerung der welt hilfsbereit, das heißt menschlich.
wenn aber millionen menschen, vom alkohol vergiftet, in abhängigkeit, krankheit und tod versinken, wird es kaum wahrgenommen. es ist keine schlagzeile wert. die grenzenlose kulturkatastrophe fällt einfach unter den tisch wie so mancher volltrunkene.
niemand tritt den berauschten kirch- und kneipengängern entgegen oder schließt schlicht die geistlosen weingeist-kultstätten; niemand öffnet den heimlichen pichlern die augen, dass sie die selbstverstümmelung erkennen, den schleichenden suizid; dass sie, weil es "kulturell akzeptiert" ist, ihre gesundheit, wachheit und am ende ihr leben wegwerfen; niemand schreit ihnen ins gesicht, dass sie sich schämen müssen, ihre menschenwürde ertränken, die menschheit vergessen, zu lachnummern verkommen, schlimmer als der dorfrichter adam auf der bühne.
dennoch:
mögen die werbefachleute, die lobbyisten und andere zyniker jammern und jaulen, der präzedenzfall ist eingetreten, noch neu, aber schon wirklich: das rauchverbot ist bereits realität in einer reihe von ländern, wenn auch die brd, traditiostrunken und benebelt, noch schwankt und hampelt.

10:46 24.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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