Leistungsgesellschaft

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in der physik gibt es eine eindeutige definition der leistung. kilowatt(stunden sind auf luggis berechtigten einspruch hin gestrichen, weil die physikalisch aus der kw-leistung "arbeit" machen) und ps sind allgemein bekannte vergleichswerte.
menschliche leistung mathematisch zu fassen, ist zumindest schwierig, wenn nicht unmöglich. zu viel hängt ab vom jeweiligen bezugsrahmen.
simples beispiel: die schülerbeurteilung. das ergebnis, in noten von 1 bis 6 oder in punkten von 1 bis 15 festgelegt, ist abhängig von der/dem/den unterrichtenden, vom leistungsniveau der gruppe/klasse, vom fach, vom thema, aber auch von außerschulischen bedingungen wie dem familiären umfeld, freundeskreis etc.
jede/r war in der schule und kennt das.

trotz der relativität menschlicher leistung und der probleme bei der leistungsmessung ist der grundsatz der leistungsorientierung unverzichtbar, will sich die gesellschaft nicht selbst aufgeben.
der sprichwörtlich dümmste bauer mit den dicksten kartoffeln darf eigentlich nicht sein. in unserer sogenannten leistungsgesellschaft kommt er aber vor, gar nicht mal selten.

die einkommensunterschiede in der kapitalistischen gesellschaft sind kein abbild der unterschiedlichen leistungsfähigkeit verschiedener menschen, sondern ein zerrbild, verursacht durch die mechanismen des marktes. der alte milliardär hat nicht wirklich viel tausendmal mehr geleistet als die rentnerin.

die marktgesetze funktionieren viel zu oft ähnlich wie die regeln beim glücksspiel. der einsatz steht in keinem verhältnis zum gewinn oder verlust, mal ganz abgesehen vom nachhaltigen nutzen oder schaden der tätigkeit für die gesellschaft und die menschheit.

ein gemeinwesen, in dem millionengewinne aus erbschaften, spekulationen und glücksspielen ebenso eingeschätzt und geahndet würden wie raubmord und falschmünzerei, wäre ein ganzes stück näher an der leistungsgesellschaft und - der menschenwürde.

die leistungsschau der dudenredaktion präsentiert: "Gesellschaft, in der vor allem die persönlichen Leistungen des Einzelnen für dessen soziale Stellung, Ansehen, Erfolg usw. ausschlaggebend sind."
die redaktionäre tun gerade so, als gäbe es die leistungsgesellschaft schon und nur darum würden alte, arbeitslose, kranke und familien mit kindern im regen stehen. das werk ist standard, nicht nur für die rechtschreibung, sondern auch für die deutung der lemmata.

21:53 12.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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