multatuli in holländisch-ostindien(1)

kolonialzustände die niederlande besaßen kolonien, die um ein vielfaches größer waren als das kernland in europa. ostindien, ca. das gebiet von indonesien heute, war die größte kolonie.
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Das Jahr 1856 fing für Eduard Douwes (sprich: 'daues) Dekker vielversprechend an. Er wurde zum Bezirksleiter von Lebak ernannt. Zum Assistent-Residenten in der königlich-niederländischen Verwaltung der Kolonie Ostindien.
Der Generalgouverneur, der das riesige Kolonialreich (heute Indonesien) wie ein Fürst regierte, hatte den 35-jährigen Douwes Dekker für sein neues Amt bestimmt.
Ausschlaggebend für die Beförderung war womöglich ein Umstand, der im 19. Jahrhundert noch viel bedeutete: Die Frau des Kandidaten Dekker war eine Adlige, eine Baroness.
Durch sie erlangte ihr Ehemann, ein Beamter der mittleren Verwaltungsebene, Zutritt zum Gesellschaftskreis um den Generalgouverneur zu Buitenzorg.
Der Familie Dekker blieben nur zwei Wochen Zeit bis zum Umzug von Mittel- nach West-Java. Wochen voller Betriebsamkeit. Doch gab es zwischendurch genug Pausen, das heißt, Zeit zum Träumen.
Klang sein neuer Titel Assistent-Resident nicht wie ein Versprechen, dass er, wenn alles gutging, in absehbarer Zeit Resident werden würde? Und dann wären es nur noch zwei Stufen bis zum höchsten Amt in Ostindien.
Für den eben ernannten Assistent-Residenten Douwes Dekker schien die Möglichkeit, Generalgouverneur zu werden, in greifbare Nähe gerückt. Traumhafte Aussicht auf eine große Karriere.
Zwar war nach allem, was man hörte, die Armut auf Java nirgendwo so drückend wie in Lebak. Die Herausforderung war aber auch eine Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Douwes Dekker würde als Assistent-Resident das Vertrauen, das der Generalgouverneur Duymaer van Twist in ihn setzte, nicht enttäuschen. Ihn reizten die neuen Aufgaben.
Am 21. Januar 1856 wird Dekker feierlich in sein Amt in Rangkasbitung eingeführt. Sein unmittelbarer Vorgesetzter, Resident Brest van Kempen, nimmt ihm vor der Häuptlingsversammlung den Eid ab, das Gelöbnis zu treuem Dienst gegenüber König, Vaterland und der Bevölkerung von Lebak. Das Ritual ist bekannt. Jemand spricht vor, ein anderer spricht nach, ohne den Inhalt der Worte recht wahrzunehmen.
Auch der neue Assistent-Resident ahnt nicht die Widersprüche in der Eidesformel. Man sieht es ihm an; er ist glücklich, erwartungsvoll und stolz. Schmuck und würdig sieht er aus in seiner neuen Gala-Uniform. Der Rahmen der feierlichen Amtsübergabe lässt nichts zu wünschen übrig. Die Gebäude sind noch recht neu. Das ganze Anwesen gleicht einer herrschaftlichen Residenz.
Zum ersten Mal zieht das Paar Dekker in eine standesgemäße Wohnung. Die Baroness ist so glücklich wie der ehrgeizige Gemahl.
Nach wenigen Stunden ist die Feier vorbei, die Versammlung aufgelöst und der Resident abgereist. Der Alltag in Rangkasbitung beginnt, die Verwaltungsarbeit.
Mag der Amtssitz auch einer Luxusunterkunft unter Palmen gleichen, von der die meisten Touristen heute nur träumen können, für den neuen Assistent-Residenten birgt er eine Menge Arbeit.
Seit dem Tod seines Vorgängers am 1. November ist vieles unerledigt geblieben. Vor allem muss sich der Neuling in Rangkasbitung erst einmal einarbeiten.
Dekker vertieft sich in die Akten. Er bleibt die lange Tropennacht über im Archiv und gönnt sich auch am folgenden Tag keine Pause. Kopfschmerzen waren die Folge. Seine Frau legte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn, und es ging weiter.
Noch nach Jahren erinnerten sich einige Leute an den Mann mit dem seltsamen Turban. Denn das Studium im Archiv dauerte Wochen, und so lange trug der neue Tuan das auffällige Tuch auf dem Kopf.
Was ihn derart an die Papiere fesselte, war nicht nur der Eifer im neuen Amt. Mit jedem Tag wurde ihm deutlicher, dass in seinem Bezirk einiges im Argen lag.

16:14 25.03.2017
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Geschrieben von

h.yuren

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h.yuren

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