multatuli in holländisch-ostindien (4)

kolonialzustände s. o.
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Noch am selben Tag war mit einer Antwort des Residenten nicht zu rechnen. Die Post ging erst mittags ab. Außerdem regnete es, wie es nur in den Tropen regnet. Dekker starrte nach draußen. Unter den Monsungüssen verwandelten sich alle Wege in tiefen Morast oder Bäche. Die Eilboten waren daran zwar gewöhnt, aber meist verzögerte solch ein Wetter die Botschaft. Der Assistent-Resident hatte also Zeit, sein Vorgehen noch etliche Male in allen Einzelheiten zu überdenken.
Vielleicht hätte er das kurze Begleitschreiben an den Residenten etwas verbindlicher abfassen können. Im Übrigen fiel ihm aber nichts ein, was er hätte anders machen sollen.

Douwes Dekker glaubte, seine Pflicht zu tun. Gemäß seinem Amtseid war er der festen Überzeugung, sich für König, Vaterland und die ihm anvertraute Bevölkerung nach bestem Wissen und Gewissen einzusetzen. Er wusste, welchen Schaden die Bauern in seinem Bezirk nahmen. War ihm aber auch bewusst, welchen Nutzen König und Vaterland aus der Kolonie Ostindien zogen?
Über ein Drittel des niederländischen Staatshaushalts stammte aus den Gewinnen, den \"indischen Überschüssen\", die die Kolonialmacht vor allem vom Kaffee- und Zuckergeschäft abschöpfte. Mit dem Geld wurde in Holland die Industrialisierung vorangetrieben. Doch flossen die Millionen aus Ostindien nicht nur in den Kanal- und Eisenbahnbau; sie erlaubten es der Regierung in Den Haag zum Beispiel auch noch, auf die Steuern auf Grundnahrungsmittel zu verzichten, sodass der Preis für das tägliche Brot in Holland sank. Mit einem Wort, Investitionen und Sozialleistungen in Europa auf Kosten der Menschen in Übersee.
Hier haben wir ein Stück Entstehungsgeschichte des heute sich zuspitzenden Nord-Süd-Konflikts. Hier sehen wir die Mittel und Wege, durch die die sogenannte 1. Welt sich über die sogenannte 3. Welt erhob.
Natürlich ist man hinterher meist schlauer als vorher. Darum konnte Douwes Dekker, der Beamte im Dienst der Kolonialmacht, die Beziehungen zwischen Europa und Ostindien nicht so sehen wie wir heute. Er war ganz auf die Schwierigkeiten vor Ort fixiert. Ihn beschäftigten vollauf die Sorgen um das Los der Bauern in Lebak.
Wie konnte er nur so naiv sein und davon ausgehen, dass sein Mitgefühl mit den Javanern vereinbar sei mit dem Ehrgeiz, als Kolonialbeamter Karriere zu machen? Hatte er das große Ganze so wenig im Blick, dass ihm nach so vielen Jahren in Ostindien nicht klar war, dass sich die Verwaltung der Kolonie auf die Häuptlingsmacht als Grundpfeiler des Systems stützte?
Fragen von heute.

Der Assistent-Resident Douwes Dekker fiel aus allen Wolken, als er das Antwortschreiben seines Vorgesetzten las. Resident Brest van Kempen wies die Vorgehensweise Dekkers entschieden zurück, bezeichnete sie als übereilt und kündigte zur weiteren Behandlung des Gegenstands seinen Besuch für den folgenden Tag an.
An einen solchen Bescheid hatte Dekker nicht in den dunkelsten Stunden des Wartens gedacht. Sollte er sich damit abfinden? Nein, zuviel stand auf dem Spiel. Es ging um das Los der armen Javaner und auch um seine Karriere. Er wollte seine Position auf jeden Fall verteidigen. Allerdings macht das, was ihm zu dem Zweck einfiel, eher den Eindruck, als habe er den Vorwurf der Unbesonnenheit nur bekräftigen wollen.
Überstürzt schrieb er einen Rechtfertigungsbrief an den Residenten und schickte ihn dem Anreisenden entgegen. Das Schreiben gipfelte in der feststellung, dass er, falls es sich erweisen sollte, dass er voreilig gehandelt habe, als Beamter suspendiert werden müsse. Dekker spielte sehr hoch. Er setzte alles auf eine Karte.
Brest van Kempen schlug vor, die Anklage erst einmal als ungeschrieben zu betrachten, um in Ruhe über den Fall verhandeln zu können. Dekker lehnte ab.
Alsdann bat der Resident, selbst das Beweismaterial einsehen zu dürfen. Dekker lehnte auch das ab mit der Begründung, er wolle keine Namen preisgeben, solange die Angeklagten noch auf freiem Fuß seien.
Das hieß, der Assistent-Resident traute dem Residenten, seinem Vorgesetzten, nicht und erwartete, dass der seinen Schritten blindlings folgte.
Damit war für Brest van Kempen der Fall erledigt. Er legte die Sache dem Generalgouverneur zur Entscheidung vor, und Van Twist entschied erwartungsgemäß.
Der untaugliche Kolonialbeamte Douwes Dekker wurde strafversetzt. Am 29. März hielt er das Schreiben des Generalgouverneurs in Händen. Er las den Bescheid wie betäubt, las ungläubig jedes Wort wieder und wieder. Es blieb ein Alptraum.
Als dann am Nachmittag ein weiterer Brief vom Generalgouverneur eintraf, hoffte der angeschlagene Dekker schon auf eine günstige Wende, aber es kam noch schlimmer. Van Twist tadelte noch einmal seine Amtsführung ausdrücklich.
Das war zuviel. Der in seinem Stolz Getroffene zögerte nun keinen Augenblick mehr, seine Entlassung aus dem Dienst zu beantragen. Dem Antrag wurde stattgegeben. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis Dekker begriff, was vorging.
Vorerst klammerte er sich immer noch an den Gedanken, der Generalgouverneur sei durch falsche Informationen irregeführt worden. Im April noch verfasste er einen langen Brief an Seine Exzellenz zu Buitenzorg in der Hoffnung, Duymaer van Twist würde ihn nach Aufklärung des wahren Sachverhalts am Ende mit einem Federstrich rehabilitieren.
Doch der lange Brief wurde nie abgeschickt. Beim Schreiben war Douwes Dekker auf ganz andere Gedanken gekommen. Ihm ging zuletzt wohl selbst auf, dass der Text nach Form und Inhalt keine Ähnlichkeit mehr mit einer amtlichen Eingabe hatte und deshalb seinen Zweck verfehlen würde.
Da heißt es etwa an einer Stelle, mit dem Schreiben dieses Briefes fange er an, seiner Berufung zu folgen. Seine Berufung aber sei, Millionen Menschen zu erlösen, die gebückt und erniedrigt unter der Last von Ausbeutung, Erpressung, Raub und Mord gingen.
Unabhängig vom Wohlwollen Seiner Exzellenz, notfalls ohne Rückhalt durch Parlament, König und Vaterland werde er seine menschheitliche Aufgabe erfüllen.

Zurück in Holland verarbeitete Douwes Dekker seine Ostindien-Erfahrung in einem Roman, der zum Gesprächsstoff im ganzen Land wurde. Er ließ, wie es ein Abgeordneter ausdrückte, \"ein Schaudern durch das Land gehen\".
Im Roman steht auch der Brief an den Generalgouverneur, und dort findet sich der Satz: \"Ich habe viel ertragen.\" Ins Lateinische übersetzt: multa tuli; zusammengeschrieben und in niederländischer Aussprache(u=ü): Multatuli.
Unter diesem Autorennamen erschien 1860 das aufsehenerregende Werk \"Max Havelaar oder Die Kaffeeversteigerungen der niederländischen Handelsgesellschaft\".

Als Beamter in Holländisch-Ostindien scheiterte Douwes Dekker bei dem Versuch, das Los der Javaner zu bessern. Als Schriftsteller Multatuli gelang es ihm, das System der kolonialen Ausbeutung zu treffen. Er entlarvte auf vernichtende Weise die Kolonialpolitik zu einer Zeit, als Deutschland den Aufstieg zur Kolonialmacht noch vor sich hatte.

15:08 18.04.2017
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Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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