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..., weil, öh, es spricht sich wie von selbst.
das ergebnis ist aber keine automatische poesie, sondern eine syntaktische verwerfung. wer geduldig vor den lautsprechern von radio oder fernsehen ausharrt und zuhört, muss sich so einen verkorksten kausalsatz ein bis einige mal täglich gefallen lassen. weil, öh, es ist sehr oft der fall.
wo ich den verlegenheitslaut 'öh' einsetze, ist meist eine kleine oder deutliche pause zu vernehmen, die auch schon mal durch ein ähnliches denkpausenzeichen zugedeckt wird wie das 'öh'. dieser gefühlte bis nachweisbare bruchpunkt im satzfluss markiert die "standardsprachlich nicht korrekt[e]"(duden) umstellung der wortfolge.

erst im duden der jahrhundertwende erscheint der hinweis auf diese neuquatsch-version. in den 70er jahren war noch nicht die rede davon. in der zweiten hälfte des vorigen jahrhunderts ist die sprache neuen bedingungen ausgesetzt, die deutliche spuren hinterlassen haben.
vor allem die neuen massenmedien radio und fernsehen mit dem gesprochenen wort erreichten jeden winkel der republik und vereinheitlichten den sprachgebrauch. das war sozusagen die fortsetzung und vollendung der normierung, die durch die printmedien und den pflichtschulunterricht in gang gesetzt worden war.

ganz neu war der hohe anteil der spontanen äußerungen in interviews und reportagen, die auch immer mehr ungeschulte zu wort kommen ließen. aber schon die moderator/innen entfernten sich stets weiter vom druckreifen oder vorgefertigten deutsch. das sprechtempo der professionellen funk- und fernsehleute tat ein übriges, um die gute alte schriftsprache zu verflüssigen und in die alltagstaugliche form zu gießen.
dem gewinn an lebendigkeit steht der verlust an bedenkzeit gegenüber. diese lücke erweist sich als einfallstor für allerlei raren quatsch. wenn eine verquasselte entgleisung millionenfach aufgenommen wird, vervielfältigt das natürlich auch die normabweichungen.
so entstand im eifer des gedankenlosen geredes zum beispiel das neuquatschmuster ["zumindestens"], zusammengekleistert aus den wörtern "zumindest" und "mindestens". trotz seiner verkehrten machart ist der verbale bastard täglich zu hören. als zeichen, um nicht zu sagen: markenzeichen der vielschwätzer/innen.
ein anderes kaliber ist, weil nicht bloß an der sprachlichen oberfläche der silbenschlabberei auffindbar, sondern bereits im mark der sprache, der grammatik eingenistet, der neuquatsch "weil, öh, ..."

ich stehe nicht an zu behaupten, es machten sich eben diejenigen des normverstoßes schuldig, die mühe hatten, die englische wortfolge im kausalsatz zu realisieren, und als sie den bogen endlich raus hatten, nicht mehr zurückfanden zur grundform der erstsprache. die mehr oder minder winzige pause nach dem "weil" wäre dann der verräterische sprung im produkt, der prosodische abdruck der schwierigen schaltung vom deutschen ins englische.
dass jeden tag, ach was, jede sekunde tausende male o.k. gesagt und geschrieben wird, ist dagegen schon o.k.

01:31 01.01.2010
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Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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chrisamar | Community
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meisterfalk | Community
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