Wider die Mordischen und Reuberischen Rotten

der Bowren. etymologisch ist ein bauer keiner, der unentwegt etwas an- oder aufbaut. vielmehr ist die ursprüngliche bedeutung 'mitwohnender, dorfgenosse'.
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Wider die Mordischen und Reuberischen Rotten der Bowren

als luther die hetzschrift gegen die aufbegehrenden bauern vor knapp 500 jahren verfasste, konnte er nicht ahnen, was für assoziationen sein titelwort heute womöglich auslöst. seinerzeit stellten die bauern noch über 95% der bevölkerung. das sagen hatte aber das häuflein der edlen und der geweihten. ein bild, das ein jahrhundert vor luthers schrift während der unruhen und kriege der hussiten entstand, zeigt einen bauern, der unter der last eines edelmanns und eines ebenso feisten geistlichen, die ihm wortwörtlich im nacken sitzen, tief gebückt geht. In der zeit der französischen revolution taucht das bild wieder auf. und das war kein zufall. beim versuch, die drückenden reiter abzuschütteln, erleiden die deutschen bauern trotz ihrer immensen zahlenmäßigen überlegenheit eine niederlage nach der andern, bis sie gänzlich geschlagen sind. bei der gelegenheit entdeckten die junker übrigens einen neuen sport, der als „bauernlegen“ in die geschichtsbücher einging.

das ist aber nicht die ursache für den geringen anteil der in der landwirtschaft tätigen an der gesamtbevölkerung von nur noch ein prozent heute. über 95% der landleute wirtschaften, wie sie nicht müde werden zu betonen, „konventionell“, während auf der andern seite nur etwa 4% ökologisch arbeiten. die masse der nominell konventionellen bauern ist organisiert im bauernverband. der hielt dieser tage seine bundeskonferenz in fürstenfeldbruck (bayern) ab, um unter anderem einen neuen präsidenten zu wählen. in einem mustergültig demokratischen verfahren, versteht sich. es gab einen einzigen kandidaten, der mit über 95% der delegiertenstimmen zum vormann gekürt wurde. der neue präsident, großbauer im südwesten der republik, hat sich als lobbyist und pr-mann einen namen gemacht. ganz offen und offensiv tritt er für marktkonformes wirtschaften ein nach dem muster der amerikanischen farmer. kurz, bauer, der einst im märzen sein rösslein einspannte, war einmal.

doch bauern wollen sie unbedingt weiterhin heißen, die herren vom deutschen bauernverband (dbv). ihre wirtschaftsweise hat in jeder hinsicht mit den gepflogenheiten auf einem bauernhof von vor zwei generationen gebrochen. an der berufsbezeichnung bauer aber halten sie trotz aller spezialisierung und industrialisierung verbissen fest, sozusagen stellvertretend und kompensatorisch, wie ein ertrinkender, der sich an einen strohhalm klammert. hinter der nominell bewahrten fassade des bodenständigen bauerntums wird fabrikmäßig produziert, was das zeug hält und was oft auf keine kuhhaut geht. boden, klima, grundwasser, pflanzen und tiere werden nach allen regeln der ökonomischen kunst ausgenutzt, ohne rücksicht auf verluste. etwa beim schreddern der in brutmaschinen geschlüpften männlichen küken. immerhin ein verlust von 50% einer serie. die mordischen mäster nehmen's kaltlächelnd in kauf. sagt doch so ein schwienebur neulich allen ernstes, die haltung der 2000 tiere in seiner schweinemastanlage, sprich: massenquälpferch, sei artgerecht. mal abgesehen von der installation der tiere als fleischproduktionseinheiten, hatte der dorfdepp natürlich die betäubungslose kastration der eberferkel ausgeblendet, da sie ja nicht in seinem stall stattfindet.

überhaupt lässt sich feststellen, dass der bauernverband kein kleinlicher verein ist. unter den delegierten mit sitz und stimme beim bauerntag sind z.b. auch imker, falkner, versicherer, reiter, korn- und kartoffelbrenner, teichfischer, waldbesitzer etc. als bauer geht offenbar durch, wer sich unter dem mächtigen dach des verbands gut aufgehoben fühlt. der neue präsident des vereins (joachim rukwied heißt er, but what's in a name?) antwortet im interview auf das stichwort tierhaltung, die in letzter zeit arg ins gerede gekommen: das sei eine oft unsachlich und emotional geführte debatte; dagegen schicke er in diesem jahr seine „informationsoffensive“ ins feld. das heißt, die gut geschmierte propagandamaschine des bauernverbands, welche die hässlichen seiten der agro-industrie unauffällig wegretuschieren soll aus den köpfen der menschen. die dreist geschönten bilder von der grünen woche in berlin z.b. sollen den mordischen alltag der konventionellen landwirtschaft zukleistern. wer von den millionen fernsehzuschauern wirft schon mal einen blick in die megaställe der industriellen fleischproduktion? die allermeisten leute wollen gar nicht wissen, wie würste und gesetze gemacht werden, weil sie ahnen, dass sie mit dem wissen nicht mehr so ruhig schlafen könnten.

16:53 29.06.2012
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Geschrieben von

h.yuren

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