Wörterbücher zur Beschneidung (A)

Circumcision. wörterbücher dokumentieren mehr oder minder exakt, was die sprecher einer sprache im kopf haben oder auch nicht.
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die älteren wörterbuchmacher/innen dachten in ost und west so ziemlich an das gleiche bei diesem lemma:
dudens erwähnten zuerst die hecken und die fingernägel, dann fotos und bretter und schließlich jemandes rechte oder einkommen; erst am ende dachten sie daran, dass auch der menschliche körper beschnitten werden könnte:


"3. (aus rituellen od. medizinischen Gründen) jmdm. die Vorhaut entfernen: bei vielen orientalischen Völkern werden die Knaben beschnitten."
das wörterbuch der ddr tastete sich ähnlich über zweige und triebe, bilder und bretter, vogelflügel, freiheit und rechte an den extrapunkt heran:
"2. die Vorhaut aus rituellen, medizinischen Gründen entfernen ..."
selbst die wortwahl zeigt in ost und west große übereinstimmung. doch die ostler schieben den tatbestand noch weiter weg, bis nach down under:
"Auf dem australischen Festlande nämlich beschneiden sich ... eine Mehrzahl von Stämmen (Peschel, Völkerkunde 24)."


neududens verfahren in der reihenfolge wie die altvorderen, haben aber im dritten punkt dazugelernt:
"3. (aus rituellen od. medizinischen Gründen) jmdm. die Vorhaut, (aus rituellen Gründen jmdm. die Klitoris od. die kleinen Schamlippen entfernen: Als Itzig Finkelstein beschnitten wurde (Hilsenrath, Nazi 10); Experten glauben, dass etwa 20 000 in Deutschland lebende Afrikanerinnen beschnitten sind (SZ 23.3.99, 1)."


auffallend ist der neutralistische ton in allen wörterbüchern, nur indirekt wird durch abschiebung des themas in außereuropäische länder eine wertung angedeutet.
dass die ureinwohner australiens die beschneidung praktizieren, weist darauf hin, wie alt der grausame brauch ist. schon vor der domestikation muss er sich hier und da etabliert haben. wo der wahn stark ist, lässt die gewalt nicht auf sich warten.
die anzahl der beschneidungen weltweit verrät die entwicklungshilfe einmal mehr als märchen der europäer.

10:12 16.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

h.yuren

buchveröffentlichung 2017, KRAH - das rabentagebuch, 350 S., 8 fotos ISDN 978-3-945265-45-1; Tb. 15,-
h.yuren

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