Zum Haare raufen – Eine haarscharfe Debatte

Sex sells Haare polarisieren, symbolisieren, revolutionieren, charakterisieren und schüren somit diverse Eigenschaften und Vorurteile ihres Trägers.
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Jederzeit streben wir danach uns zudefinieren, weiter zu entwickeln und uns demzufolge zu verändern. Nicht nur durch die Kleidung, vor allem durch unsere Haare senden wir Signale an unsere Außenwelt. Denn unsere Haare sind das am einfachsten zu verwandelnde Körperteil und somit ein sehr effektvolles und prägnantes Ausdrucksmittel unserer selbst.
Demnach ist unser Haupthaar von so großer Bedeutung, dass es zum Erkennungs- und Identifizierungsmerkmal wird. Auch ist es eine Ausdrucksform einer neuen Zeitepoche nach einem Schlussstrich, wenn ich mir die Haare schneide, hinterlasse ich altes Haar und altes Leben. Selbst in den Tagebüchern von Leo Tolstoj ist dieses Gefühl nachzuempfinden:

„Habe mir gestern die Haare schneiden lassen, und schon das kommt mir wie ein Zeichen meiner Wiedergeburt vor.“

Und dort wo kein Haar mehr wächst wird dies meist als Mangel oder Schönheitsmanko angesehen, obgleich man sich mit optimistischen Sprichwörtern, wo der Verstand wächst, müssen die Haare weichen, aufzumuntern versucht.

Unterstützend folgt die Auffassung das volles Haar im Volksmund seit jeher gleichgesetzt wird mit: Gesundheit, Kraft, Fruchtbarkeit, Jugendlichkeit und Erotik. Kurz um: volles Haar gilt als schön und dünnes bis schütteres Haar steht dem nach. Das Ergrauen der Haare beschreibt die Schriftstellerin Carola Mörsch sehr treffend für das aktuelle Schönheitsideal:

„Ergraut das Haar des Mannes, wirkt er attraktiv. Ergraut das Haar der Frau, wirkt sie alt.“

Bei dieser haarigen Angelegenheit gelten also für Männer und Frauen unterschiedliche Regeln und Auffassungen. Aber warum ist das weibliche Ergrauen so viel weniger anziehend?

Nach der großen Selbstdarstellungssymbolik kann ein so genannter „Bad Hair Day“ den Gemütszustand und einen Tagesablauf zB. den Hochzeitstag ungemein beeinflussen, da dem Haupthaar eine so große visuelle Bedeutung zugesprochen wird.

Im gesellschaftlichen Kontext stehen die wichtigsten Funktionen der Kopfbehaarung somit im sozialen und sexuellen Bereich.
Dies zeigt sich allein in der Herbal Essences Shampoo Werbung, hier kommt die Sexualisierung der Haare zu ihrem wahrhaftigen und wortwörtlichen Höhepunkt. Schon seit 1972 wirbt Herbal Essences mit einem sehr intensiven Erlebnis unter der Dusche. Völlig losgelöst und mit allen Sinnen erfahrend, wird ein Durchleben sinnlichster Wahrnehmung des Körpers versprochen. Hier geht es nicht nur um das Produkt und deren Pflege, der Hersteller will ein Gefühl, ein Erlebnis vermitteln: Pflegt trifft auf Sex.
http://www.youtube.com/watch?v=qWCDmuFiN04

Ähnlich sexualisierend ist die Werbestrategie von Schwarzkopf Taft Volumen Schaum in der Hauptrolle mit der deutschen Vorzeigeblondine Heidi Klum. Mit folgenden Worten steigt die topgestylte Jetsetterin aus dem Flieger: „Push up find ich gut. Doppel Push up find ich besser“ und blickt dabei auf ihr pralles Dekolleté. „Für mein Haar“ fügt sie nachträglich mit einem bestimmenden Lächeln hinzu. Das kommt an, dieser Werbespot ist symbolisch für all die anderen Haarpflegeprodukte, wenn die Thematik nicht sinnlich bis romantisch behandelt wird dann mit starken Powerfrauen, die wissen was sie wollen. Super in Szene gesetzt, durchläuft der Weltstar den Windkanal und entgeht der Wasserfontäne, komme was wolle alles bleibt makellos. Das Produkt steht für Erfolg, Kraft und feminines Selbstbewusstsein. Und trotz der überzogenen Haarerfolge, wären wir nicht abgeneigt dieses Produkt zu kaufen, obwohl wir wissen das es nicht halten kann, was es verspricht, aber warum wollen wir es trotzdem?http://www.youtube.com/watch?v=pzpveuGVOPo

Eine Blondine und eine Brünette wollen vom Eiffelturm springen. Wer ist zuerst unten?
Die Brünette. Die Blondine muss erst nach dem Weg fragen!

Im Laufe der Zeit wurden und werden den Haarfarben gewissen Eigenschaften und Vorurteile bezüglich ihrer Charaktere zugesprochen. Sei es ethnografischer oder mythologischer Natur. Diese entwickelten Stereotypen haben sich während der Zeit verändert.
Rothaarige zum Beispiel gelten heute als jugendlich, aufbrausend und sexualisiert. Häufig sind es emanzipierte Frauen, die sich die Haare rot färben. „Wenn eine Frau mit roten Haaren nach Hause kommt, müssen Männer hellhörig werden.“ so Starfriseurin Martina Acht. Dies war aber nicht immer der Fall, damals wurde den Rothaarigen eine Nähe zum Teufel nachgesagt. Eva, die Vertreterin des weiblichen Geschlechtes, welche im Begriff war den Apfel zu kosten wurde mit roten Haaren dargestellt, wie auch Judas, der Verräter Jesus. Obwohl man hier von natürlich rotem Haar und feuerrot gefärbten Haar unterscheiden muss, da trifft es einen natürlichen Rotschopf mit den dazugehörigen Sommersprossen zu Schulzeiten meist ähnlich, wie Eva in der Bibel.
Born free Music video von MIA

Blondinen galten nicht immer als weniger intelligent und naiv. Trotz negativer Assoziationen ist blond heute eine sehr beliebte Haarfarbe. Vielleicht wegen der Ähnlichkeit zu kostbaren Gold, den blonden Engelslöckchen oder entsprechend der Mythologie einer unschuldigen Märchenprinzessin. Auch die Geburt der schönen Venus ist mit wallend langen und blonden Haar dargestellt.

http://www.dw.de/image/0,,16196198_303,00.jpgIm Gegenzug wird das dunkle Haar eher als leidenschaftlich, rassig bis erotisierend gedeutet und auch dementsprechend eingesetzt.

Die Bedeutung der Haarfarben ist jedoch schwer zu fassen, da sie eher auf Deutungsansätzen beruhen, gleichzeitig sind viele Stereotype-Vorstellung so in der Gesellschaft verankert, das sie gewisse Geltungsansprüche erheben könnten. Dieser bedient sich die Werbung schon lange. So wirbt Garnier Pinsel Farbtalent mit seinen Farben für „temperamentvolles Rot, schillerndes Blond und sinnliches Braun“.
Aber auch die einzelnen Haarfarben werden in der Werbung genutzt um in ihren Zweideutigen Aussagen doch recht Eindeutig zu wirken. Mit „You know, you’re not the first“ wirbt BMW für Gebrauchtwagen, dieser Slogan steht auf einem Plakat, welches von ein mädchenhaftes Gesicht mit engelsgleichen blondem Haar gefüllt wird, wobei ihre Schultern noch zu sehen sind, die eindeutig auf ihren nackten Körper verweisen sollen.

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Nicht zu Unrecht sehr umstritten, da auf scheinbare Jungfräulichkeit angespielt wird. Das blonde Haar ist nicht zufällig gewählt, wenn man die heutigen blonden Haarstereotypen bedenkt: Blond symbolisiert in diesem Falle das Naive, Unschuldige und Unbefleckte gegenüber leicht zu habener Attraktivität. „Sex sells“ in seiner reinsten Form, da möchte man sich gleich hinter seinem eigenen Deckhaar verstecken.

Die ewig gleiche Masche machte sich auch Hirter Bier zueigen und treibt es mit Plumpheit auf die Spitze.

http://www.leadersnet.at/resources/images/2010/7/28/1350/hirter-bier.jpgEs werden die drei verschiedenen Fasstypen der Marke beworben. Jeder Haartyp steht für ein Bier. Drei Frauen mit unterschiedlicher Haarfarbe halten jeweils ein Bier in der Hand. Brünett mit dem Dunklen, die Rothaarige mit dem roten Biergemisch und die blonde Frau mit dem ‚kühlen Blonden‘. Es reicht aber nicht aus, die Frauen mit Bier gleich zu setzen, ohne Nacktheit kommt auch diese Werbung nicht aus. Na dann Prost Mahlzeit.


Das Streben nach dem Schönheitsideal in Sachen haarige Angelegenheit, fängt erst bei dem Deckhaar an, geht über die Braue, zum Bart bis zur allgemeinen Rasur. Schon Willliam Shakespeare hatte für seine Zeit eine präzise Vorstellung in Sachen Haarzeitgeist, die er schmückend so beschrieb:

„Schwarze Brauen, sagt man, sind schön bei manchen Frauen. Nur muss nicht zuviel Haar darin sein, nur ein Bogen, ein Halbmond, fein gemacht wie mit der Feder.“

Er hat eine genaue Vorstellung und ein präzises Ideal, umso haariger werden die Blickwinkel auf ein noch größeres Feld: die Rasur der Geschlechter, die Geschmacksdebatte ist eröffnet!
Obwohl die Rasur für Mann und Frau ein alltägliches Thema ist und zum gleichen Zwecke dient, nämlich der Reinlichkeit und Attraktivität, werden Produkte der Körperenthaarung in den Medien geschlechtergetrennt beworben. Der rasierende „echte“ Mann wird als sportlich, stark und erfolgreich dargestellt und als jemand, der immer eine gewisse Überlegenheit und ein gesundes Selbstbewusstsein ausstrahlt. Die Frau ist sexy, dauergepflegt und wirkt sensibel. Wie es gerade passt, wird die Rasur als typisch männlich oder typisch weiblich vermarktet. In der Werbung für die Frau ist der Akt der Rasur immer mit Spaß, Wellness- und Urlaubsgefühlen verbunden. http://www.youtube.com/watch?v=26rRnnh1vPI

Wie auch bei der Kaltwachsstreifen-Werbung von „Veet“ aus dem Jahr 2004, hier treffen sich drei Freundinnen um gemeinsam Spaß beim gemeinsamen Haarentfernen zu haben. Ganz im Gegensatz zu der Werbung für Männer. Hier wird die Rasur beim Mann, entweder alleine oder höchstens mit dem Sohn, gerne als sportliches Erlebnis oder Battle mit technischen Neuheiten dargestellt. Da wird schon mal die alltägliche Rasur mit einem abenteuerlichen Autorennen verglichen. Aber eine Gemeinsamkeit hat die Rasur-Werbung für Mann und Frau, bei beiden Zielgruppen wird mit der Anziehungskraft auf das andere Geschlecht geworben oder schon fast versprochen. Am Ende des Spots dürfen die attraktive Frau für den Mann und der sportliche Mann für die Frau nicht fehlen. Unschönes wird jedoch weggelassen. Die Rasur in der Werbung für die Frau ist bereits vollzogen. Man will ja keine Frau mit noch einem behaarten Bein die Duschwanne von ihren Rasierstoppeln weg spülen sehen. Hier trifft Werbung auf Fiktion und falschen Versprechungen. Nur bei der Bartrasur des Mannes wird die Qualität des Produktes durch das schnelle und einfache Entfernen des Dreitagebarts anschaulich vorgeführt. Durch diesen Aspekt, dass Männer in den Medien auch mit Körperbehaarung, wie Bart und Achselhaaren dargestellt werden und Frauen wiederum keine einziges Haar außer Kopfhaar, Augenbrauen und Wimpern besitzen, wird schnell klar, dass sich bestimmte Normen in unserer Gesellschaft gefestigt haben. Haarig sein, zeigt Männlichkeit ganz im Gegensatz zu Schopenhauers Zitat:

„Alles Behaart sein ist tierisch. Die Rasur ist das Abzeichen höherer Zivilisation“.

Bis heute denken wir bei Barthaaren und Haaren im Allgemeinen unterbewusst an Stärke und Gesundheit aber auch an animalische Rebellion. Bestimmte Schemata sind in unserem Kopf verankert, damit wir unsere Umwelt ordnen können. Das gibt uns scheinbar ein Gefühl von Sicherheit. Diese oberflächlichen Schemata und deren Symbolik macht sich die Werbeindustrie zu Nutze.
Da der Mann zusätzlich mit seiner Bartfrisur optische Individualität beweist und ein bestimmtes Lebensgefühl vermitteln kann profitiert auch die aktuelle Gilette-Werbung davon. An bekannten männlichen Persönlichkeiten wird spielerisch, wie durch Zauberei die Bartfrisur gewechselt, was die Protagonisten sofort in die 70er zurückversetzt, zum Dali-Künstler, Mafiosi oder zum Cowboy werden lässt. Die verschiedenen Bartkreationen lassen sich scheinbar wie eine Maske auf und absetzen, über die man seine Persönlichkeit definieren kann. Ganz nach dem Motto von Dali: „Ohne Schnurrbart ist ein Mann nicht richtig angezogen.“ Und es wirkt! http://www.youtube.com/watch?v=H7hxkAClnF4

So könnte man fortfahren, wenn man vom heutigen Schönheitsideal der Frau spricht: Eine Frau ist erst dann richtig gepflegt, wenn sie rasiert ist – komplett.
Seit den 30ern war es bereits wieder normal, dass die pflegebewusste Frau entsprechende Enthaarungspraxen vollzog. Aufgrund des Verwischens der Geschlechterdifferenz galt die Körperbehaarung als neues Mittel zum Ausdruck der Geschlechterzugehörigkeit. Behaart war und ist männlich und unbehaart war und ist weiblich. Auch wenn sich die Ansichten in den 60er bis 80er Jahren etwas verschoben haben und die ein oder andere Frau unter der Axel was zu bieten hatte, wissen wir, es hat sich nichtdurchgesetzt.

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Natürlich macht unser Rasierer vor dem Intimbereich auch keinen Halt, verstärkt und polarisierend durch die heutigen Medien gehört die Intimrasur zum gängigen Schönheitsideal. Aber zu wessen Ideal? Bereits die alten Ägypterinnen und die Frauen im antiken Rom praktizierten Intimrasur aus Gründen der Hygiene und Ästhetik. Nicht nur alte Hochkulturen, auch kulturelle Kreise, wie der Islam, sind Vorreiter für die Intimrasur. Durch sexuelle Transparenz westlichen Medien zB. durch Serien wie „Sex and the City“, Waxing Studios oder durch Schablonen für Intimfrisuren in Jugendzeitschriften wurde für die intensive Verbreitung von Intimrasuren bei den westlichen Frauen beigetragen. Natürlich sind auch Männer von diesem Trend nicht ausgeschlossen. Sie rasieren sich die Achselhöhlen, Intimbereich, Oberkörper bis hin zu den Beinen. Das wirkt sexuell offen, gepflegt und jugendlich.
Es lässt sich darüber streiten, ob die komplette Intimrasur bei der Frau nur jugendlich oder infantil wirkt. Ob es ein Zeichen weiblicher Emanzipation ist, denn erst jetzt sind die weiblichen Genitalien sichtbar. Oder empfindet nur unser Partner dadurch eine größere sexuelle Anziehung und wir nehmen uns dem an. Oder sagen wir der Intimbehaarung etwas Ungepflegtes nach? Eine Frau die sich dieser Norm nicht fügt, obwohl es doch ein privater Bereich ist, weckt gerade bei jüngeren Generationen unhygienische oder gar altmodische Assoziationen.

"Ich hätte gerne, dass es auf Frauen einen weniger großen Druck gibt, sich komplett zu enthaaren. Frauen rasieren sich aus einem vorauseilenden Gehorsam. Ich glaube, dass sogar Männer über ein paar weibliche Schamhaare ganz dankbar wären, weil sie ja mit Frauen, nicht mit Kindern schlafen wollen." - Charlotte Roche.

Provozierend zu dem penetranten Schönheitskult gibt uns die Musikerin Peaches mit ihrem Video „Set it off“ einen Haare sträubenden Einblick in übermäßiger Haarentfaltung sämtlicher Regionen verbunden mit sexy Tanzeinlagen in knappen Höschen. Sie spielt mit der Geschlechtsidentität und der Symbolik der Körperbehaarung, während es sexuelle paradoxe Assoziationen erweckt. Haarscharf. http://www.dailymotion.com/video/xttki_peaches-set-it-off_fun#.UVrdRJNSg1I

Solange es Haare gibt, liegen sich Menschen in denselben, ob es nun um Haare, Frisuren, Bärte, Kotletten, Haarfarben und vor allem um intimere Haarregionen geht. Wir sollten keine Haarspalterei betreiben. Jeder nach seiner Fasson. Mit erhobenen Armen und unrasierten Axeln winken wir zum Abschied und schreien laut: Ob blond ob braun wir liebe alle Frauen.

„Sex sells!“ ist ein geflügeltes Wort geworden, eigentlich eine Binsenweisheit, die oft nachgeplappert wird. Wenn man sich umschaut, sieht man aber, dass der Spruch noch immer stimmt. Aber wie genau funktioniert das Verkaufen mit bzw. durch Sex? Und welche Rolle spielt das Design dabei? Designstudenten der „Burg“ in Halle versuchen, Antworten auf diese Fragen zu geben.

18:08 02.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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haarscharf

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