Das letzte Opfer

Mauertote Wir begegneten uns auf dem „zweiten Bildungsweg“, im Halberstädter Gymnasium am Kollwitzplatz. Dort befand sich auch das Abendgymnasium.
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Das letzte Opfer

Bild: NBL Bildarchiv/Imago

Anfang September 1976 hatten sich acht Jugendliche für den Abiturlehrgang eingeschrieben. Unterrichtszeiten Montags, Mittwochs und Freitags von 17.00 bis 22.00 Uhr - und das zwei Jahre lang.

Winfried war ein mittelgroßer, dunkelblonder, technikbegeisterter Bursche von 20 Jahren, kurz gesagt jemand, den die Frauen nicht ernst nahmen. Ich war auch 20 und hatte ähnliche Probleme. Das DDR-Bildungswesen hatte uns nach Schule und Lehrausbildung ins Berufsleben entlassen, aber das konnte es doch noch nicht gewesen sein! So saßen wir also dreimal in der Woche bei Deutsch, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Geographie, sogar Staatsbürgerkunde. Nur Sport und Wehrerziehung wurden uns erlassen. Dunkel erinnere ich mich an einen von der Abendschule organisierten Theaterbesuch in Magdeburg (Brechts ’Leben des Galilei’), Wanderungen zum Ilsestein und die Steinerne Renne hinab, einen Besuch im Gleimhaus, vor allem aber an den ausgiebigen Konsum des damals gar nicht so spärlichen Halberstädter Nachtlebens. Der Türsteher der Diskothek ’Yvetta’ ließ sich immer noch zur Alterskontrolle unsere Ausweise zeigen und im ’Stadtcafé’ gab es nur eine Flasche ’Murfatlar’ pro Tisch. Der letzte Zug nach Osterwieck fuhr um 22.30 Uhr und wir versäumten ihn öfter, blieben einfach sitzen im ’Weißen Ross’ oder im ’Stadtcafé’.
Manchmal fuhr Winfried auch mit dem fast neuen Skoda seines Bruders und nahm mich bis Osterwieck mit. Die Familie F. wohnte in Lüttgenrode, im Sperrgebiet der DDR-Staatsgrenze, wo sein Bruder eine Art LPG-Vorsitzender war. Mit dem Skoda schlitterte Winfried bald bei Glatteis von der Straße, wo Baumstümpfe den Unterboden des Fahrzeugs so aufrissen, dass nur noch ein Wrack mit Totalschaden übrig blieb. Winfried arbeitete bei der ’Schnellen medizinischen Hilfe’ in Osterwieck als Fahrer, ich war in Halberstadt mit der Instandhaltung von Dampflokomotiven beschäftigt. Das abendliche Lernen und die nächtlichen Diskussionen waren uns bald wichtiger als der sozialistische Produktionsalltag. Es war die Zeit der Biermann-Ausbürgerung und da mußten wir doch unbedingt die ganze Nacht Biermann-Konzert schauen. Als sich dann noch eine junge Dame als Bettina-Wegner-Imitatorin versuchte, war es klar: was wir dachten und fühlten hatte eine Bedeutung.

Dann wurde Winfried entlassen. Er hatte schon eine Abmahnung wegen Restalkohols erhalten und war nun erneut mit einer geringen Alkoholmenge im Blut zur Arbeit erschienen. Der humorlose Notarzt schickte ihn zur Blutentnahme und dann nach Hause. Winfried mußte auf der Stelle den orangefarbenen Anorak ausziehen und bekam wenige Tage später per Post seine Entlassungspapiere.

Am selben Morgen erschien ich mit ähnlichem Promillewert zur Pflege der Dampfloks. Wegen Restalkohol hätten die Oberen des Lokschuppens wohl die halbe Belegschaft entlassen müssen. Deshalb stellten sie mich auf die Probe und vertrauten mir den Einbau eines komplizierten Schlammabscheide-Ventils an, eine Arbeit, die sonst verdienten Altfacharbeitern vorbehalten war. Unter Aufbietung meiner letzten Reserven an Kraft und Aufmerksamkeit löste ich die Aufgabe und durfte bleiben.
Winfried hingegen wurde einer der ersten Langzeitarbeitslosen des Kreises Halberstadt. Das Amt für Arbeit beim Rat des Kreises lud ihn mehrfach vor und organisierte Vorstellungsgespräche für ihn. Doch dort wußte der Arbeitssuchende zu missfallen. Als gelernter Elektriker hätte er auch problemlos in der LPG seines Bruders arbeiten können. Aber er meinte, in der Familie bringe so etwas Missstimmung. Seine abendschulischen Leistungen wurden besser, was auch mich zu größeren Lernanstrengungen anspornte. Die Abschlussfeiern wurden wie erwartet feuchtfröhlich.

Winfried nahm ein Chemiestudium in Ilmenau auf, das er als intensiv schilderte. Die Kleinstadt an der Ilm bot wenig Abwechslung. Seine Tage waren verplant zwischen Vorlesungen, Seminaren, Praktika, Prüfungen, abendlichem Lernen und nächtlichen Besuchen in der hochschuleigenen Bierstube. Wegen aktiver Teilnahme an den ’Ilmenauer Singetagen’ sagte er andere Treffen ab und wollte auch das Goethezitat vom „garstigen politischen Lied“ nicht gelten lassen. Ein Auslandspraktikum führte ihn nach Moskau und Smolensk.

Nach hervorragendem Studienabschluss zog es ihn nach Berlin, wo er im Oktober 1988 heiratete. Seine Frau Sabine war Chemielehrerin. Für meine Hochzeitswünsche bedankte sie sich in einer mädchenhaft-korrekten Handschrift. Um diese Zeit mussten sie wohl schon an ihrem Ballon gebastelt haben, mit konspirativen Einkaufstouren und nächtlichen Näharbeiten.

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Eine Website behauptet, dass Winfried die Stelle im Bereich Gasversorgung des Energiekombinats Berlin extra im Zuge seiner Fluchtpläne angenommen hätte. Dabei bröckelte die DDR schon merklich: Strauß organisierte Kreditmilliarden, der ADAC übernahm die Pannenhilfe auf den Transit-Autobahnen. Und Westreisen wurden genehmigt. Meine Anträge wurden zwar mit konstanter Bosheit abgelehnt, aber Winfried durfte zur Silberhochzeit von Tante Lieschen ins Hessische fahren. Zurückgekehrt schimpfte er über die Ost-Zöllner, die sein Gepäck durchwühlt und West-Zeitungen einbehalten hatten.

Damals lief in den Nachtprogrammen des bundesdeutschen Fernsehens immer wieder ein Hollywood-Film über die Ballonflucht einer Familie aus dem thüringischen Pößneck nach Bayern im Jahre 1979. Vier Erwachsene und vier Kinder waren mit einem Heißluftballon sanft bei Naila gelandet, als ihnen das Heizgas ausging.

Im Ballon der Familie F. sollte das Gas kalt bleiben und nur durch seine Anwesenheit für Auftrieb sorgen. In der Nacht vom 7. auf den 8. März wehte ein beständiger Nordost-Wind, als Sabine und Winfried sich Zutritt zur Ortsregelstation Weißensee des hauptstädtischen Gasversorgungsbetriebs verschafften. Als der Ballon zu etwa zwei Dritteln mit dem guten sowjetischen Erdgas befüllt war, wurde man in den umliegenden Plattenbauten aufmerksam. Zurufe waren zu hören:

„Was soll denn das werden?“ Die Eheleute erschraken und brachen den Füllvorgang ab. Sabine wollte nun plötzlich nicht mehr mitfliegen, Winfried wollte die Flucht unter allen Umständen durchführen. Er bestieg die kleine Gitter-Plattform, Sabine ließ los und der Ballon löste sich langsam vom Boden. Während Sabine mit dem bejahrten Skoda zurück zu ihrer gepflegten Altbauwohnung am Prenzlauer Berg fuhr, kollidierte der Ballon ihres Mannes mit einer Starkstromleitung, konnte sich wieder von der äußeren Freileitung lösen und gewann dann langsam, aber sicher an Höhe.

Ein Protokoll der Volkspolizei verzeichnet für den 8. März 1989 gegen 1.50 Uhr einen Anruf bei der Polizeiwache in Pankow. Ein Bürger wollte in Weißensee, Ortsteil Blankenburg einen gefüllten Ballon gesehen haben. Ein Streifenwagen fuhr sofort zur angegeben Stelle. Gegen 2.10 Uhr beobachteten Volkspolizisten die Kollision des Ballons mit der Stromleitung, dann verloren sie ihn wegen der Dunkelheit aus den Augen. Der Ballon stieg unaufhaltsam, bewegte sich mit dem Wind in Richtung Südwesten, überflog den Prenzlauer Berg und die Grenze in Mitte. Weit unten waren wohl die roten Lichter des Fernsehturms zu erkennen. Von Tiergarten und Wilmersdorf war kaum mehr etwas zu sehen, denn der Ballon stieg immer noch.

Winfried öffnete das Ventil, doch das Gas hatte bereits Normaldruck erreicht und gab sich seinem Auftrieb hin. Um die Höhe zu regulieren, hätte er ein Auslassventil in der Ballonkuppel oder wenigstens eine Reißklappe gebraucht, beides gab es nicht. Unklar bleibt, ob Winfried den Ballon beschädigte oder ohnmächtig wurde. Jedenfalls stürzte er aus großer Höhe in einen Zehlendorfer Vorgarten. Die Reste des Ballons fielen einige hundert Meter weiter südwestlich in einen Baum.

Ich sah es eher zufällig in den Morgennachrichten des West-Fernsehens: das war zweifellos der blaue Personalausweis mit dem Kinderfoto, den er immer in der Diskothek ’Yvetta’ vorzeigen musste!

„Mama, kommst du bitte mal!“ Mama konnte es nicht fassen:
„Das war der einzige Vernünftige von deinen Freunden und jetzt das!“ Und der Dorfklatsch kochte über: „Da hätte er aber auch gleich bei Tante Lieschen bleiben können!“
„Dann hätten sie seine Frau doch nie heraus gelassen.“
„Und jetzt?“
„Nur gut, dass seine Mutter das nicht mehr erleben musste!“

An seinem Grab war ich noch im selben Jahr, im November: Die Grenzen waren geöffnet und die Straßen hoffnungslos verstopft von anscheinend ständig hupenden Autos. Mit dem alten schwarzen Damenfahrrad meiner Mutter war ich in Richtung Westen unterwegs. Den Lüttgenröder Berg hinauf musste ich absteigen und blicke dann zum ersten Mal in meinem Leben auf das Doppeldorf Lüttgenrode-Stötterlingen. Dort war die uralte Burg, daneben die fast ringförmige Wehrsiedlung, dort hinten die Neubauernhöfe und hier am Hügel der Friedhof. Ob Winni wohl schon ein Grab hatte? Bei den neuen Gräbern war es nicht, aber vielleicht lag er ja in der Familiengrabstätte, die so wohlhabende Bauern zweifellos haben mussten? Tatsächlich, dort stand eine Urnentafel auf einem Doppelgrab: „Hier ruht in Frieden unvergessen / Winfried F. / * 29.8.1956 + 8.3.1989 / auf tragischer Weise verunglückt“

Das falsch deklinierte Adjektiv hätte er bestimmt moniert, aber hier regte es zum Nachdenken an. Tragisch war sein Tod zweifellos, doch das Verhängnis entstand nicht nur aus Baumängeln am Fluchtgerät. Es braute sich in Jahrzehnten zusammen, in der Aufmerksamkeitsökonomie des Kalten Krieges und der Tristesse der DDR-Existenz. Wirkliches Leben fand nur im fremden Muster statt oder im Zitat. Immerhin war Winfried das endgültig letzte Maueropfer, hatte Chris Gueffroy vom Sockel geschubst, wenn es schon mit dem Hollywood-Ruhm nicht klappen sollte. Tragisch auch, dass ich so zynisch war auf dem schwarzen Damenrad, zwischen all den jubelnden Menschen. Beim Empfang des Begrüßungsgelds in der Vienenburger Sparkasse konnte ich mich nicht richtig freuen, auch weil die Kassiererin meinen blauen Personalausweis mit dem Kinderbild abstempelte. Noch nicht einmal an einem Lastwagen, von dem aus Bananen ins Volk geworfen wurden, hellte sich meine Miene auf.

„Ich habe auch Bananen!“ freute sich ein westdeutscher Jugendlicher. „Du siehst ja auch aus wie ein Ossi-Dödel!“ antwortete sein Kumpel. Wenigstens die konnten über den ganzen blutigen Unfug lachen. Auf der Rückfahrt den Lüttgenröder Berg hinab heulte ich in den Wind.

‚Du bist ein emotionaler Schwamm.’ sagte ich zu mir und ‚Der schöne Schwamm, die ihn finden, werden sich freuen.’ Doch das war auch schon ein Zitat.

21:50 23.09.2015
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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