Der fremde Freund erzählt vom Krieg

Gegen-Lauschangriff Christoph Hein wird 75 Jahre alt und sein Bilanztext zu diesem Anlass ist erfreulicher Weise keine Autobiografie, sondern eine Anekdotensammlung
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Der fremde Freund erzählt vom Krieg
Christoph Hein, 2018

Foto: imago images / VIADATA

Christoph Hein wird 75 Jahre alt und sein Bilanztext zu diesem Anlass ist erfreulicher Weise keine Autobiografie, sondern eine Anekdotensammlung. Die Unterzeile „Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“ weist auf Heinrich von Kleists „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ hin. Bei Kleist wird der Besiegte zum Sieger, wenn auch nur in einer Episode des Rückzugs.

Christoph Hein hat es gleich mit zwei Kriegen zu tun: dem Kalten Krieg der Supermächte bis 1990 und dem "deutsch-deutschen Kriege" seitdem, dessen Charakterisierung Hein hier näher kommen will. Das Fremdwörterbuch beschreibt die Anekdote als eine kurze, oft in einer heiteren oder unerwarteten Wendung gipfelnde, für jemanden oder etwas besonders charakteristische Geschichte (meist über eine historische Persönlichkeit, aber auch über eine Begebenheit oder Epoche). Die Persönlichkeiten in Heins Anekdoten sind Westberliner Taxifahrer, eine Düsseldorfer Schauspielhaus-Abonnentin, Münchner Caféhaus-Besucher und DDR-Bürger bei der Abholung ihres "Begrüßungsgelds".

Begebenheiten sind es allemal: etwa die illegale Parisreise dreier Ostberliner Schauspielerinnen und die Sehnsüchte ihres Eingesperrt-Seins, die Entzweiung mit dem Jugendfreund Thomas Brasch, die endlosen Zerrereien um Gegenwarts-Dramatik in der DDR und der "Gegenlauschangriff", der dem Buch seinen Namen gibt.

Manfred Krug zeichnete 1976 eine Diskussion von Schriftstellern und Künstlern mit Staatsfunktionären über die Biermann-Ausbürgerung heimlich auf. Seine private Bandaufzeichnung wurde so zu einem anderen Lauschangriff, dem auf einen Staat, der sich mit Vorstellungen eines demokratischen und wirtschaftlich funktionierenden Sozialismus extrem schwertat.

Christoph Hein arbeitete sich in der DDR sehr an den Themen Buch- und Bühnenzensur, sowie der ideologischen Kommandowirtschaft ab. Dabei kam ihm das völlig andere Literaturverständnis im Leseland DDR entgegen. Während die Ostberliner Staatsführung die Literatur als Seismograph der gesellschaftlichen Entwicklung und damit als Maßstab für die Wirksamkeit ihrer Politik betrachtete und entsprechend ernst nahm, war und ist Belletristik in der Bundesrepublik ein eher ertragsschwaches Kommerzprodukt.

Christoph Heins Erfolgsrezept ist die rasante Fahrstuhlfahrt zwischen Fremdheit und Empathie, während äußerlich lineare Geschichten erzählt werden: von Freundschaften und Hoffnungen, Aufstiegen und Fällen. "Der fremde Freund" hieß sein erster Roman, der so nur in der DDR funktionieren konnte.

Von Kriegen kennt man üblicherweise das "Ausbruchs"-Datum. Der "letzte deutsch-deutsche" trat wohl zuerst offen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz zutage. Während die erneuerte Partei- und Staatsführung vor einer halben Million Menschen das Signal "Wir haben verstanden" auszusenden versuchte, sendete die ARD "programmtreu" ein Tennisturnier mit Boris Becker. Von Stunde an wurde alles Leben in der DDR nachträglich delegitimiert und entwertet.

Die Treuhandanstalt verramschte unter massiver ideologischer Schützenhilfe das Volks-Staatseigentum, ein gnadenloser „Aufbau Ost“ baute eine Menge Infrastruktur auf, zerstörte aber eine gut funktionierende Kulturszene. Ein Bühnen- und Orchestersterben ohne Beispiel fand statt. Ost- und West-Institute und -Akademien wurden mittels "Schrotgewehrheirat" vereinigt. Ein "Elitenaustausch" wurde eingeleitet, der kaum einen Ostdeutschen in Führungsfunktionen beließ, DDR-Kunst wurde durch „richtige Kunst“ ersetzt.

Für kirchlich Engagierte kam die Stunde der Niederlage, als die Kirchensteuer wieder vom Staat eingezogen wurde. Im Osten Deutschlands bröckelten kirchliche Bindungen noch schneller als im Westen, Caritas und Diakonie beschädigten das Ansehen kirchlichen Engagements zusätzlich.

Schlimm war auch der Umgang mit dem schon in der DDR in Ansätzen vorhandenen Rechtsextremismus, dem 1992 nur das westdeutsche V-Männer-System übergestülpt wurde. Aus Verfassungsschutz-Mitteln alimentierte Neonazis wollten lieber Schrecken verbreiten, als Mitleid zu erregen, etwa in Mölln und Rostock-Lichtenhagen. Das "betreute Pöbeln" ging nahtlos in "betreutes Morden" über.

Die "allerletzte Schlacht des Krieges" aber endete mit einer Rede Dr. Theo Waigels anlässlich des Abschiedsempfangs des Verwaltungsrates der Treuhandanstalt am 8. Dezember 1994. Zurück blieben einige äußerlich ansehnliche Ko(h)lonien mit verbrannter Erde in Wirtschaft und Kulturpolitik.

Für Christoph Hein sollte es noch schlimmer kommen, denn Episoden aus seinem Leben wurden (zusammen mit Versatzstücken aus den 1950er Jahren) von Florian Henckel von Donnersmarck in dessen Film „Das Leben der Anderen“ verwurstet. In dem Text „Mein Leben, leicht überarbeitet“ beschreibt Hein, wie er die Deutungshoheit über sein eigenes Leben verliert, weil es nicht sein darf, dass ein Schriftsteller in der DDR nicht nur Stasi, sondern auch Geschichte und Kultur zu sehen vermag.

Das Buch „Gegenlauschangriff. Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“ von Christoph Hein ist im Suhrkamp-Verlag erschienen, es hat 126 Seiten und kostet 14,- €.

Magda hat zwar schon über das Buch geschrieben, aber solange noch nicht alles von allen gesagt wurde ...

15:40 16.05.2019
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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