Eine schier unlösbare Aufgabe

DDR-Computer Nach der politischen Wende von 1989 wurde die DDR-Rechentechnik ziemlich schnell ausgemustert, verschrottet oder landete auf staubigen Dachböden.
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DDR-Systeme verfügten nicht über die grafischen und akustischen Fähigkeiten, die Westrechner auszeichneten. Nach wenigen Wende-Monaten hatten sich IBM, Macintosh, Atari, Commodore und Co. in den bald neuen Bundesländern ausgebreitet und über Computer der DDR-Zeit wurde, wenn überhaupt, fast nur noch spöttisch geredet.

Das ändert sich gerade: zum ersten Mal erzählt ein Büchlein die Geschichte des Computers in der DDR, von den ersten Großrechnern über Kleincomputer hin zu PCs. Der Leipziger Autor René Meyer hat zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt und als Administrator der Website Mogelpower.de hat er beste Einblicke in die Retro-Spieleszene. Ausgehend von einer kurzen Geschichte der Rechentechnik lässt er seine Leser in die Mangelwirtschaft der DDR-Kombinate eintauchen, die unter dem Hightech-Embargo des Westens gezwungen waren, Kernkomponenten zu kopieren und vieles teuer selbst zu entwickeln.

1954/55 entstand bei Carl Zeiss Jena mit der Oprema (Optik-Rechenmaschine) der erste Computer der DDR, noch mit 16 626 Relais und 90 000 Selen-Dioden. Der nächste Jenaer Rechner ZRA1 (Zeiss-Rechen-Automat) arbeitete 1959 mit Ferritkernen und Germanium-Dioden. An der TU Dresden wurde derweil an den ersten Röhrenrechnern geforscht: der D2 war noch ein Einzelstück, D3 wurde nie fertiggestellt, der D4a aus Dresden arbeitete bereits mit Transistoren und ging unter dem Markennamen Cellatron in die Serienproduktion. In Karl-Marx-Stadt wurde die Marke Robotron geboren, der R 300 (Robotron 300) wurde 1966 serienreif.

1968 gaben sich die sozialistischen Länder den ESER-Standard (Einheitliches System Elektronischer Rechentechnik). Computer- und Software-Entwicklung waren fortan mit komplizierten Abstimmungs-Vorgängen innerhalb des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) verbunden.

Auch in deutschen demokratischen Kinderzimmern hielt die Rechentechnik Einzug. Nach dem Vorbild des "Logikus" der Stuttgarter Firma Kosmos erschien 1969 der Lerncomputer PIKO dat aus Sonneberg zum Preis von 69,50 Mark der DDR. Elektronische Tischrechner wurden gemäß der RGW-Arbeitsteilung in Bulgarien hergestellt. Die DDR leistete sich eigene Produktions-Standorte in Sömmerda und Zella-Mehlis. Ab 1973 kamen Taschenrechner aus Erfurt und Mühlhausen dazu.

Ab 1975 waren in den USA erste bezahlbare Heimcomputer verfügbar, 1977 kamen die ersten Apple-Rechner auf den Markt. In den ersten Jahren der Regierungszeit Honeckers flossen im Osten Deutschlands relativ viele Mittel in den Konsum, die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" war nicht nur eine Phrase. 1976 erkannten die Gewaltigen des Politbüros, dass die stagnierende DDR-Mikroelektronik den Export von Maschinen und Anlagen gefährdete. Ein Mikroelektronik-Plenum wurde einberufen, die 6. Tagung des Zentralkommitees der SED beschäftigte sich 1977 mit der "beschleunigten Entwicklung, Produktion und Anwendung der Mikroelektronik". Enorme Mittel wurden eingesetzt, trotzdem blieb die DDR um Jahre hinter dem Weltniveau zurück. Alexander Schalck-Golodkowski schreibt in seinen Memoiren:

"Der technologische Rückstand der DDR musste abgebaut werden - eine schier unlösbare Aufgabe ... Denn auf dem Weltmarkt würde es keine Maschinen ohne moderne Elektronik mehr geben."

1985 gab es mit dem Mikrorechner-Bausatz Z 1013 von Robotron Riesa endlich auch in der Honecker-Republik einen fast fertigen Heimcomputer. Der Z 1013 musste vorbestellt und persönlich im Robotron-Laden in Erfurt abgeholt werden. Auch ich (D. S.) durfte mich eines Nachmittags im Erfurter Juri-Gagarin-Ring 25 einfinden und dann zwei große Pakete zur Reichsbahn schleppen.

Bald entstand eine Fan- und Entwicklerszene, Programme wurden abgetippt oder auf Kassetten vom Radio mitgeschnitten. Gleichzeitig wurde in Dresden (KC 85/1) und Mühlhausen (KC 85/2) an Heimcomputern gearbeitet, die wohl Commodore-Modelle zu Vorbildern hatten. Auf Anordnung aus Berlin wurden die DDR-Heimcomputer zu Kleincomputern umbenannt und nur an öffentliche Einrichtungen und Betriebe verkauft. Der letzte Heimcomputer der DDR war dann der KC compact aus Mühlhausen, inzwischen ein fast reiner Clon des Amstrad CPC, der 1989 verramscht werden musste.

René Meyer lässt auf 146 Buchseiten Anwendungs- und Spieleentwickler zu Wort kommen, analysiert das entspannte Verhältnis zur Software-Piraterie im Osten, die Intershops, das Genex-Bestellsystem, das KoKo-Imperium Schalck-Golodkowskis und Computerviren in der DDR: 1988 wurde zum ersten Mal ein Virus in der DDR entdeckt, mehr als 100 Einrichtungen wurden bis zum Ende der Republik befallen. Über 500 Beauftragte für Datensicherheit schalteten dann in den Alarmmodus, sozialistische Hilfe-Kollektive schwärmten aus, um u. a. "kranke" Disketten zu "heilen".

Das Buch "Computer in der DDR" wird von der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung herausgegeben und kostet nur die Versandkosten in Höhe von fünf Euro. Bestellbar ist es bei https://www.lzt-thueringen.de/

16:45 16.08.2019
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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