Leistung und Segen

Turbo-Predigt Machen Sie mit beim Schreibwettbewerb - ruft mir ein ockerfarbiges Faltblatt zu.
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Das Thema ist auch vorgegeben: „Luthers Leistung als Provokation für die Leistungsgesellschaft.“ Es darf auch eine "Turbo-Predigt" sein, was ich lustig finde.

Fragen wir uns also nach Luthers Leistung, liebe Gemeinde der genervten Schnellleser am Computer. Die bestand zweifellos in den 95 Thesen gegen den gewerbsmäßigen Ablasshandel, medial vermittelt in Abschriften, Briefen und in über 20 gedruckten Ausgaben des "Sermons päpstlichen Ablass und Gnade belangend". Ein satter materieller Erfolg für den Autor und ein riesiger Lesespaß für die geneigte Leserschaft. Nach dem uralten Motto "Wir sind doch nicht blöd!" waren sich die Deutschen einig, vom Bäuerlein bis zum Fürsten.

Als Hallenser stehe ich da auch ein Stück weit in Feindesland, an der Wirkungsstätte von Kardinal Albrecht und Bruder Johannes Tetzel. Die "Luthermania" von heute hatte im Februar oder März 1517 ihren Vorläufer in einer wahren "Tetzelmania". Das Hallische Patriotische Wochenblatt Nr. 44 berichtet:

Der Rat, die Bürgerschaft, die Geistlichen, die Mönche aller Klöster, die Schüler aller Schulen, Männer, Weiber, Jungfrauen und Kinder, gingen ihm in der größten Pracht mit Fahnen und angezündeten Kerzen entgegen, alle Glocken wurden geläutet, die Orgeln in allen Kirchen wurden gespielt und, wie Myconius hinzusetzt, ‚man hätte nicht wohl Gott selbst schöner empfangen und halten können’." Tetzel quartierte sich in der Moritzburg ein und richtete sein rotes Kreuz mit dem päpstlichen Wappen in der St.-Martins-Kapelle auf, wo dann bis in den Herbst 1517 hinein ein schwunghafter Ablasshandel stattfand.

Von einem weiteren Ärgernis berichtet das Hallische Patriotische Wochenblatt: zwischen Tetzel und Luthers Schwager, dem Mansfeldischen Kanzler Johann Rühel war ein kleinlicher Streit um beider Doktortitel ausgebrochen. Rühel hatte bei Tische in Anwesenheit des Grafen erklärt, der Tetzel sei nicht Doktor, sondern nur Licentiat der Theologie. Tetzel warf dem Rühel daraufhin vor, dass er kein deutscher Doktor sei, sondern seinen Titel in Italien in einer Schmalspur-Ausbildung erlangt hätte. Luther erfuhr davon wohl noch im Februar 1517 und der Wochenblatt-Autor mutmaßt, dass dieser Streit wohl auch auf Luther provozierend einzuwirken vermochte.

Luthers provozierte Leistung als Provokation für die Leistungsgesellschaft? Inwiefern ist Martin Luthers These von der Gnade, vom unbedingten Angenommensein heute vertretbar?

Als Weihnachtschrist stimme ich Luther völlig zu: wir sind angenommen, völlig unabhängig von materiellen Voraussetzungen wie Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs und Spenden. Die Leistungsgesellschaft ist ohnehin eine fragwürdige Angelegenheit. Leistung lohnt sich längst nicht mehr und reich wird man nur noch durch Erbschaft, Kriminalität oder staatliche Umverteilung von Gemeineigentum in Privateigentum. Die Leistungsgesellschaft existierte vielleicht noch im Rheinischen Kapitalismus. Heutigen Oligarchen und ihrer Funktionärskaste sollte man eher weniger Geld in den Rachen werfen als den Tetzels der frühen Neuzeit.

„Willst Du ungesegnet in die Grube fahren, Sündenknüppel?“, fragt mein Gewissen.

Will ich natürlich nicht, deshalb zahle ich auch pünktlich meinen Gemeindebeitrag, mit genauem Vermerk der Zahlungsgrund-Zahl im Online-Formular.

„Glaube nur!“ stand auf einem im Dunkeln geheimnisvoll fluoreszierenden Pappkreuz, das seinerzeit über meinem Kinderbett hing. Mehr ist eigentlich auch nicht nötig, um unbedingt angenommen zu sein.

Amen.

(nach 3576 Zeichen)

Macht mit beim Schreibwettbewerb des Evangelischen Kirchenkreises Wittenberg SOLA SCRIPTURA!

00:19 27.06.2016
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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