Mit dem Messer ins Jobcenter

Qualitätspresse Wie sieht eine Zeitung aus, die direkt von einer Landesregierung erstellt wird? MZ-Chefredakteur Hartmut Augustin hat es ausprobiert und das Ergebnis ist erschütternd.
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Die Mitteldeutsche Zeitung vom 13. Oktober wurde teilweise direkt von der sachsen-anhaltinischen Landesregierung gemacht. Die Chefredaktion hatte den Ministerpräsidenten und die Minister eingeladen, einen Tag als MZ-Redakteure zu arbeiten. Ein putziges Experiment, dessen Resultat ich mir gleich früh gekauft habe. Auf der Titelseite prangt der Ministerpräsident im Sessel des Chefredakteurs, die Schlagzeile hat MP Haseloff selbst getextet.

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Die Telekom erweitert ein Großrechenzentrum bei Magdeburg und der MP freut sich. Wer baut denn heute noch große Rechenzentren? Doch nur, wer Staatsknete verbraten kann und die vergangenen 20 Jahre Technik-Entwicklung verschlafen hat! Kampagnen-Journalismus auch auf den übrigen Seiten: knüppeldicker Standort-Patriotismus, Polemik gegen das EEG und unflexible Griechen, Fremdenverkehrswerbung, Halbwahrheiten über den Landeshaushalt und vor allem mehrere kampagnenartige Artikel für den Weiterbau der Autobahn A 143, der Westumfahrung von Halle.

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Verkehrsminister Webel schreibt in einen Kommentar dazu: “Ich apelliere im Interesse der Menschen der Region und speziell der Einwohner Halles, an die Gegner des Projekts, ihre Blockadehaltung aufzugeben. Weitere Klagen würden den Baubeginn des rund 240 Millionen teuren Projekts, für das sich im März dieses Jahres mehr als 5000 Menschen bei einer Unterschriftenaktion stark gemacht haben.
Ja, was würden sie? Da fehlt ein Verb, zum gedanklichen auch noch rechtschreiblicher Pfusch.

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Wenige Seiten vorher interviewen zwei Qualiätsjournalisten des Wurstblättchens eine halbe Seite lang eben jenen Minister Webel und andere bestellte Jubler zum Thema A 143, illustriert von einer Computersimulation der Baufirma. Das ist ja finsterer, als Schabowskis Blätter es je waren! Doch einen lustigen Artikel gibt es auch.

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“Mit Messer auf Arbeitssuche”: Während des fast schon monatlichen Bombenalarms im Halle-Neustädter Jobcenter durchsuchten besonders schlaue Polizisten Leute, die die Stätte des Grauens verließen – es sollte doch niemand Bomben wegschleppen. In der Tasche eines Mannes fanden sie ein Küchenmesser und wurden misstrauisch:
“Auf die Frage, warum er denn ein Messer mit ins Jobcenter nimmt, sagte uns der Mann lediglich, dass er es immer dabei hat, um sich seine Brote damit zu schmieren … Das Mitführen eines Küchenmessers stellt keine Straftat dar. Und es hat auch keine Ordnungswidrigkeit vorgelegen”, sagte Polizeisprecher Richter.
Aha. Nächste Woche habe auch ich einen schwierigen Termin im Jobcenter. http://hallespektrum.de/winke/files/2012/10/brief.jpg

21:13 13.10.2012
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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