Sachsen-Anhalt poetisch

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Beim "Fest des Buches" auf der Ascherslebener Landes-Gartenschau hatte ich am Sonntag einen Stand, vertrieb eigene Werke und die eines Bekannten. Die Geschäfte gingen eher schleppend, die Besucher hatten gerade 17,- Euro Eintritt bezahlt und interessierten sich wohl auch mehr für Staudenpflanzen und Blumenzwiebeln. So blieb Zeit, sich selbst an den etwa dreißig Ständen umzuschauen und über die Anzahl und Vielfalt lokaler Veröffentlichungen zu staunen, die der Landstrich zwischen Harz und Havel immer noch hervorbringt: gute Kinderbücher, mäßige Prosa, durchwachsene Science Fiction, viel Lebenshilfe und Historie. Im Kollegenkreis dann die Frage nach der Sachsen-Anhaltinischen Identität, gibt es sie und wenn ja, wie wäre sie zu definieren? Wohl eher als ein "low profile": Durchzugsland mit guten Verkehrsverbindungen und netter Gastronomie. Durchreisende sehen kaum mehr als die Autobahnen und die Silhouette des Harzes, amüsieren sich vielleicht noch über den Schwachsinn auf "Radio Brocken" im Autoradio. Eine promovierte Historikerin machte als Urerlebnis der verhuschten lokalen Identität die Plünderung Magdeburgs durch Tilly und Pappenheim im Dreißigjährigen Krieg am 20.05.1631 aus. Ein Mangel an wohlverstandener Eigenstaatlichkeit, der bis zum heutigen Tage andauert. Die unmittelbare Not endete nach dem Siebenjährigen Krieg, bei Bildungsboom und Industrialisierung waren die Einwohner der nunmehr preußischen Provinz Sachsen wieder ganz vorne mit dabei.

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"Nun sollten wir aber auch mal was verkaufen", meinte mein Standnachbar, der Lyriker M. Eine Besucherin erzählte, dass sie mal einen Gartenfreund namens M. gehabt hätte, mit dem sei er nicht zufällig verwandt? Nein? Dann kaufte sie auch nichts. Ein Besucher fand heraus, dass ich genau wie er in Wernigerode geboren bin. Aus Lokalpatriotismus kaufte er mein Erstlingswerk. Ein gebildeter Wessi wollte wissen, welches meiner Werke denn am ehesten "in der neuen Bundesrepublik angekommen" sei. Heikle Frage, am "bundesrepublikanischsten" sind wohl meine beiden Texte in dieser Anthologie der "Marktschlösschen-Gruppe" von 1995. Der Wessi kaufte die Anthologie. Die Insassen eines Pflegeheims rollten mit Hightech-Fahrzeugen durch die Reihen und nette junge Damen in gelben Gartenschau-Pullis führten anscheinend wichtige Leute des "Salzlandkeises" durch die Reihen. Die Verwaltungsspitzen sahen eher bäuerlich aus, aber die gelben Pullis waren wirklich hübsch. Mittags herrschte fast Gedränge, man (ich) musste sich (mich) nur kommunikativ zeigen, dann verkaufte man (ich) auch etwas. "Und das hier ist sozusagen der Kafka von Weißenfels", wies ich auf die Bücher meines Kollegen. Ein älterer Herr mit gepflegten Händen kaufte.

Zur Mittagsschläfchen-Zeit war wieder Gelegenheit für ein Schwätzchen, die Historikerin hatte noch ein zweites Schlüsselerlebnis des Landes ausgemacht, die Abwesenheit deutscher Eigenstaatlichkeit von 1945 bis 1949. "Für Nazizeit und deutsche Teilung gibt es ein kurioses Übermaß an ideologischen Interpretations-Angeboten. Für 1945 bis 1949 gibt es nur falsches Kollektivschuld-Gerede, das uns heute noch auf die Füße fällt. Was die Leute damals vor dem Verhungern bewahrt hat, das sind die wichtigen Strukturen!" Allgemeines Kopfnicken. "Vor der Hacke ist es duster!" sagte da ein Nordharzer Bergmann und erklärte den gerade erst abgerutschten "Concordia-See" gleich wieder zum Erholungsgebiet. Technologisches Können und Verwaltungswissen schrumpfen freilich auch hier. Um die Kaffeezeit erkundete ich das nördliche Ausstellungsgelände. Eine Discounter-Kette feierte "Marktfest", aber es waren nur große Anbieter und Promo-Trupps da. Die "Bollenkönigin" von Calbe lächelte huldvoll und der "Bollenkönig" verkaufte mir einen großen Beutel Zwiebeln für einen Euro. Vielleicht sollte man die "Bollenkönigin" zur Kurfürstin von Sachsen-Anhalt küren? Was die Leute vor dem Verhungern bewahrt ...

13:58 13.09.2010
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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