Striegeln mit Miegeln

Postwachstum Vom 2. bis 6. September 2014 fand in Leipzig die Vierte Internationale Degrowth-Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit statt.
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Über 3000 Teilnehmer waren angereist, was die Organisatoren vor spürbare Verwaltungsprobleme stellte. So ziemlich jeder workshop war überfüllt, mancher Regieeinfall funktionierte nicht mehr und Spötter meinten, die Degrowth-Konferenz sollte sich erst einmal selbst schrumpfen. An den fünf Konferenztagen sollten konkrete Schritte für eine Gesellschaft jenseits von Wachstumszwängen erörtert werden. Postwachstum oder Degrowth wird als der Versuch definiert, die auf ewiges Wachstum hin organisierte Industriemaschinerie zu „schrumpfen“ und durch Reduktionsleistungen in allen nur erdenklichen Bereichen irreversiblen Schäden an Mensch und Natur zuvorzukommen.

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Gemäß Tagungsregie kamen dabei am Anfang die Zweifel und Widerstände gegen die bereits vorliegenden Schrumpfungs-Phantasien auf die Tische des Hauses und sollten möglichst komplett abgeräumt werden.

1. Zweifelhaftes Gesellschaftsbild
"Wachstum" ist ein diffuser Begriff, Kritik an den herrschenden Produktionsverhältnissen wird dabei prinzipiell ausgeklammert, denn wir alle hängen zumindest potentiell einem "Wachstumsdenken" an. Damit wird die Verantwortung für die Krise individualisiert, das "Anspruchsdenken" der Einzelnen wird zur Ursache der Misere erklärt. Gewollt ist die Gesundschrumpfung des Kapitalismus. Doch nicht das "Wachstum" des kapitalistischen Privateigentums an den Produktionsmitteln wird infrage gestellt, im Mittelpunkt steht die Kritik am Konsumverhalten der lohnabhängigen Masse der Bevölkerung. Euch geht es noch zu gut, ist die Botschaft. Eure hohen Löhne und komfortablen Arbeitsbedingungen müssen geschrumpft werden, die soziale Hängematte der gesellschaftliche Daseinsvorsorge auf Drittwelt-Niveau zurechtgestutzt werden! Unser Green New Deal hat ganz wunderbare Dinge für euch: "alternative Ökonomie von unten", ein "bedingungsloses Grundeinkommen" auf Suppenküchen-Niveau und das Recht auf "Containern" verdorbener Lebensmittel! Auf das heute mögliche technologische Niveau materieller Produktion soll verzichtet werden, notfalls kehren wir zu Subsistenzwirtschaft und direkten Tausch zurück.

2. Zweifelhafte Gruppendynamiken
Pseudo-alternative Strukturen verlangen eine "Höchstleistungs-Gemeinwohl-Ökonomie" von ihren Adepten, Kreatives und Sinnstiftendes bleibt auf der Strecke. Selbstausbeutung und Selbstoptimierung sollen den sozialen Kitt der Prekarisierten produzieren. Blinder Aktionismus verlangt, irgendetwas zu machen. Geistige Leere und intellektuelle Konfusion sind die Voraussetzungen zum Aufstieg in einer Hierarchie betrogener Betrüger. Superfleißige, junge, möglichst weibliche Selbstoptimierer haben längst verinnerlicht, dass man Desinformations- und Unterdrückungsarbeit erst einmal ein paar Jahre unentgeltlich leisten muss, um dann vielleicht in den immer kleineren Kreis bezahlter Funktionäre und Steigbügelhalter der Mächtigen aufzusteigen.

3. Neue Ein- und Ausschlüsse werden produziert
Männer werden ausgeschlossen, weil sie Männer sind, Frauen, weil sie nicht mehr jung sind. Versierte Internetnutzer schauen auf Technik-Laien oder -Verweigerer herab, Veganer grenzen sich von Vegetariern ab, beide von Fleischessern, ideologisierte Sprachpuristen bekämpfen Sprach-Traditionalisten. Der ökologische Fußabdruck landet als Brandmal auf den Hinterteilen derer, die auf einen Einkauf beim Discounter angewiesen sind usw.

4. Die Meinhard-Miegel-isierung
Jeder ist sein eigener kleiner Meinhard Miegel, lobt "das weithin Undogmatische, Spontane, intellektuell Unprätentiöse und in gewisser Weise Leichtfüßige, beinahe Flüchtige des Kapitalismus". (M. M.) Die Welt wäre in Ordnung, wenn alle ihren Müll trennen würden und der neue Hauptstadt-Flughafen endlich fertig wäre. Der gute alte Kapitalismus geht durch jeden hindurch, ist unverzichtbar. Aber er muss zu seiner naturreinen Form zurück geschrumpft werden: der „natürlichen Wirtschaftsordnung“. Der Kapitalismus hat ein menschliches Antlitz, nämlich unseres, mit dem unbedingten Willen zum guten Gewissen bei der moralisch und ökologisch zertifizierten Renovierung der Klassengesellschaft.

5. Platte Totalitarismus-Doktrin
Der gute Schrumpf-Schlumpf weiß, dass der Sozialismus ein toter Hund ist und der Kommunismus verboten werden müsste. Wer von Proletariat oder Prekariat spricht, ist ein Totalitarist, denn diese Subjekte sind längst völlig bedeutungslos geworden. Und entfremdete Arbeit gibt es auch immer weniger, weil unsere Mini-Unternehmer in ihren Ich-AGs sich völlig mit ihrer Arbeit identifizieren und bis zum völligen burnout schuften. Kritik an sozialistischen Entwürfen arbeitet sich bevorzugt an der frühen DDR ab, gerne auch an Nordkorea. Kuba darf kein Thema sein, schon gar nicht neuere Strömungen wie die wertkritische Richtung um den zu früh verstorbenen Robert Kurz oder das putzige Leipziger Eigengewächs "Roboterkommunismus".

Soviel zur Analyse; Synthese und Mobilisierung kommen später. Denn Meinhard Miegel schreibt auch Wegweisendes:

Für den Kapitalismus gilt Ähnliches wie für den Krieg: Stell dir vor, es ist Kapitalismus, aber keiner lebt nach seinen Maximen. Das wäre sein Ende.

23:13 08.09.2014
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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