Zwei Klappen mit einer Fliege

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Die Uni Halle lud ein zur öffentlichen "Thomasius-Vorlesung" der Wirtschaftsrechtler, es sprach Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Töpfer zum Thema „Ein New Green Deal zur Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise“. Der Projektor wurde nur benötigt, um die Werbung des Sponsors zu zeigen, einer internationalen Anwaltskanzlei. Und der Herr Töpfer war auch gleich ganz besorgt. Sechs Wochen vor dem Klimagipfel in Kopenhagen spielten die EU-Länder immer noch auf Zeit. Dabei eilte es gerade jetzt ganz heftig, "Zum Taktieren ist keine Zeit" titelte die DuMont-Postille am nächsten Morgen. Im Kampf gegen den Klimawandel müsste jetzt richtig viel Geld ausgegeben werden und die Verschmutzungsrechte müssten brutal teuer gemacht werden. Ein "New Green Deal" müsste auf dem Tisch von Kopenhagen festgezurrt werden:

"Sie wissen wahrscheinlich eh nicht, wer Roosevelt war, deshalb will ich es Ihnen mal ganz einfach erklären. Wir müssen jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, Finanz- und Klimakrise zusammen platt hauen." Abgesehen davon, dass zumindest einige ältere Wissenschaftler durchaus noch wissen, wer Franklin Delano Roosevelt war, ist mir das Bild denn doch zu plakativ: da hält der biedere Hausvater in der besten aller Finanzwelten geruhsam sein Mittagsschläfchen, dann kommen zwei freche Fliegen und stören denselben dabei. Da nimmt Vati seine DuMont-Zeitung und haut die lästigen Insekten sofort platt. So einfach ist das! (Doch Vati ist dann möglicherweise nicht mehr zu bremsen: nach der haushaltspolitischen Vernunft schlägt er auch gleich noch Bürgerrechte und Gewaltenteilung mit zu Brei.)

Töpfer wurde eine Stunde lang nicht müde, für seine Zwei-Fliegen-Theorie zu werben: massenhaft neue Arbeitsplätze, Solaranlagen auf jedem Dach, Windräder auf jedem Feld, Elektroautos vor jeder Tür, Biogas-Anlagen unter jedem Misthaufen, dazu intelligente Stromnetze, so genannte "smart grids". Bessere Akkus, immer schönes Wetter - denn den Klimawandel hauen wir ja sofort mit weg ... Dann Diskussion, noch Fragen bitte? Eine Arbeitsgruppe der universitären Wirtschaftswissenschaftler hat sich mit den externen Kosten schon angeschobener Konjunkturprogramm-Maßnahmen in Sachsen-Anhalt beschäftigt. Die Umweltfolgen von Elbeausbau, Saaleausbau und dem neuen Kraftwerk Arneburg sind schlicht atemberaubend. Und das in einem Bundesland, das eh schon Solar- und Windenergie im Überfluss erzeugt.

Ein Forscher will wissen, wie er seine Erkenntnisse den Politikern nahe bringen könnte. Töpfer fragt zurück, ob der Fragesteller da einen Widerspruch zwischen "den Politikern" und ihrem Volk konstruieren wollte? Die Frage beantwortete er nicht, regte sich statt dessen noch ein wenig über Defätisten auf, die einen Widerspruch zwischen Partei(en) und Volksmassen herbei reden wollten. Die eh schon eingeschüchterten Wissenschaftler wagten nun keine Fragen mehr. Der Moderator stellte noch eine Verlegenheitsfrage und rief dann zum Aufbruch an das von der Anwaltskanzlei bezahlte Büfett. Millionen Fliegen können nicht irren!

10:31 27.10.2009
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Geschrieben von

hadie

Was die Arbeitnehmer jetzt brauchen, ist ein Rettungsschirm für die Portemonnaies. (Frank Bsirske)
hadie

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