Hüte Dich vor der dunklen Seite - Ein Nachtrag zur Affäre Wulff

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Letzte Woche hab ich mal wieder ferngesehen. Im Ersten diskutierte Günther Will-Plasberg mit seinen Gästen über Christian Wulff. Christian Wulff kommt mir zu den Ohren raus, deswegen schaltete ich um.
Im ZDF diskutierte Maybrit Lanz mit ihren Gästen über Christian Wulff. ‚Gut‘, dachte ich, ‚Christian Wulff kommt mir zu den Ohren raus, deswegen schalte ich mal lieber um.‘
Auf Pro7 lief Star Wars. ‚Wenigstens kein Christian Wulff‘, dachte ich. Es war der zweite Teil der Saga. Den ersten durften sie nicht zeigen, weil die 3D-Dritt-Verwertungs-Geldschneiderei von Georg Lucas gerade in den Kinos läuft.
Und schon ärgerte ich mich wieder. Ich ärgerte mich über die nicht enden wollende öffentlich rechtliche Talkshow-Realität und über die nicht enden wollende Kreativität und Dreistigkeit unserer modernen, kapitalistischen Konsumrealität. Und ganz allgemein ärgerte ich mich schon wieder über Christian Wulff.
Ich wollte gerade aufstehen, um mir ein Bier für den schnelleren Realitätsverlust zu besorgen, als mich Meister Yodas Stimme in der Tür stehen ließ.

Er sagte: „Mmmhhh...meditieren darüber ich werde!“
Ich hatte gar nicht mitbekommen, über was er meditieren wollte, aber etwas im Tonfall seiner Stimme ließ mich innehalten.
Das Wort „Meditieren“ klang aus seinem Mund vollkommen selbstverständlich, alltäglich, fast schon banal. So wie Meister Yoda über das Meditieren sprach, hätte ich mir diesen kleinen, liebenswerten, grünen Zeitgenossen niemals in einer mönchischen Pose, oder gar bei einer Art Yoga vorstellen können. Er benutzte das Wort ganz beiläufig, so wie unser einer sagen würde: „Ich bring noch mal den Müll runter“ oder „Sind noch Spaghetti da?“
Und plötzlich wusste ich, was mich so abrupt innehalten ließ. Meister Yoda sagte zwar Meditieren, aber er meinte etwas anderes, etwas einfacheres, für unsere Ohren viel banaleres: Er meinte Nachdenken!
Wenn Meister Yoda über das Nachdenken sprach, sagte er „Meditieren“!

Wie vom Donner gerührt stand ich in der Tür.
Kennen Sie diese Momente, in denen ein Wort, ein Geruch oder ein Geräusch Ihnen plötzlich ganze Gedankengebäude, riesige Problemzusammenhänge, unergründliche Welträtsel aufzuschlüsseln scheinen? Dies war ein solcher Moment. Langsam setzte ich mich wieder hin.
Dann schaltete ich zurück aufs Erste.
Günther diskutierte immer noch mit seinen Gästen. Es ging noch um Wulff, aber ich hörte nicht mehr zu. Wie in Zeitlupe bewegten sich die aufgeregten Münder auf meinem Fernseher, wie unter Drogen sah ich weit vorgewölbte, schwulstige Lippenberge sich in konvulsivischen, manischen Verrenkungen einander übertreffen und dachte: ‚Mmmhhh...meditieren darüber Ihr solltet!‘

Ich schaltete zurück auf Pro7 und sah wieder das ernste, grüne, faltige Gesicht Meister Yodas.
Er sagte gerade: „Du darfst niemals vergessen: Deine Wahrnehmung bestimmt deine Realität!“
‚Stimmt!‘, dachte ich und ich fragte mich, was er bei Plasberg wohl zu sagen hätte.
Wahrscheinlich etwas wie: „Viel zu lernen Ihr noch habt“ oder ein mahnendes: „ Ein Jedi benutzt die Macht für das Wissen, zur Verteidigung. Niemals zum Angriff!“
Dann würde Plasberg ihn auf den tiefen Fall von Christian Wulf ansprechen und Meister Yoda würde sagen: „ Hüte Dich vor der Dunklen Seite der Macht. Wenn einmal auf diesen Pfad du dich begibst, für immer wird beherrscht davon dein Schicksal sein!“

Ich konzentrierte mich wieder auf den Fernseher. Auf Pro7 sprach Meister Yoda jetzt zu einem anderen Jedi, vermutlich zu einem Schüler. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, die Kamera war auf den Meister gerichtet, aber dann schwenkte die Kamera um und ich erstarrte.
Unter der braunen Jedi-Kapuze des Schülers blickte mit gesenkten Lidern, fast traurig das Gesicht von Christian Wulff.
Ich kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder aber das Gesicht blieb das gleiche. Jetzt sprach er sogar und es war unverkennbar sein linkischer, immer leicht heiserer Ton:
„Meister!“, sagte er, „Ich fürchte mich! Was, wenn sie diesen Artikel veröffentlichen?“
Ich konnte es nicht glauben!
Meister Yoda antwortete: „ Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“
„Ist die dunkle Seite stärker, Meister?“
“Nein. Nein… nein. Schneller, leichter, verführerischer sie ist!”
„Aber was soll ich tun? Am besten, ich wende mich an Lord Maschmeyer!“
Ungläubig starrte ich auf den Bildschirm.
„Nein!“, sagte Meister Yoda. „Hüte Dich vor der dunklen Seite der Macht! Vergessen du musst was früher du gelernt.“
„Aber was soll ich tun?“
„Schwer zu sehen, in ständiger Bewegung die Zukunft ist. Meditieren darüber du musst, mein junger Padawan!“

Dann kam die Werbung.
Ich atmete tief durch, schaltete den Fernseher aus und lehnte mich in meinen Sessel zurück.
Ich dachte an Meister Yoda und an Christian Wulff und warum er mir als Präsident nie gefallen hatte. Ich fragte mich auch, warum mir Günther Will-Plasberg nicht gefiel, nicht Maybrit Lanz und auch nicht alle ihre Gäste.
Ich fragte mich, ob ich mir eigentlich selbst gefiel.
‚Vielleicht wird unser nächster Präsident ja ein bisschen wie Meister Yoda‘, dachte ich und: ‚Viel zu lernen wir noch haben!‘
Dann holte ich mir ein Bier.

22:33 13.03.2012
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Geschrieben von

Haenser

Mikrokosmen-Analyst
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