Marie's Welt: Staatsbürgerin Nr. 1 - Ein Selbstversuch

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Ich sitze in meinem Zimmer und sehe fern. Auf Phoenix übertragen sie die Debatten aus dem Deutschen Bundestag. Steinmeier spricht und ich habe Mühe nicht einzuschlafen. Es ist noch vor zwölf, aber dieser Tag hatte es bereits ganz schön in sich. Früh hoch, Kaffee kochen, Tageszeitungen und Brötchen holen, frühstücken, die ersten Meldungen in Zeitung und Internet verarbeiten, Tageseinkauf, Diskussion mit „Olaf“ am Stand der Jungen Liberalen vor dem Edeka meines Vertrauens, Haushalt, wieder Zeitung (Wirtschaftsteil), Anruf meines Vaters mit kurzer, von mir eingefädelter Diskussion über den maroden Zustand der SPD, zweiter Kaffee, wieder Zeitung (Feuilleton) und jetzt Steinmeier.
Seine Stimme, dieses berühmte Gehard-Schröder-Schnarren, versucht mir die Eckpfeiler eines Wahlprogramms ins Gehirn zu rammen. Seine Gestik entgleitet ihm mitunter ins Hilflose. „Du lügst doch“, denke ich und starre auf die dünne Linie, die sein Mund ist. „Zeig mir doch mal den Menschen hinter deinem Betongesicht. Zeig mir deine Augen! Ich will verdammt noch mal deine Augen sehen! Du willst meine Stimme, dann zeig mir Deine Augen!“
Eine Welle von Adrenalin schwappt mir durch die Brust und ich stehe auf. „Zuviel Kaffee“, denke ich. „Der Demokrat braucht einen kühlen Kopf.“ Ich hole mir ein Glas Wasser und setze mich wieder an meine Zeitung (Ausland). Den Fernseher lasse ich laufen.

Was war passiert? Vor einigen Tagen las ich in der Zeitung eine Rede, die Günther Grass zum sechzigsten Jahrestag unserer Verfassung vor Schülern einer Oberschule hielt. Er rief darin zur Besinnung auf die staatsbürgerlichen Pflichten auf und forderte die fortlaufende Überprüfung der Verfassung mit der Verfassungswirklichkeit durch die Schüler.
„Verfassungswirklichkeit“, durchfuhr es mich, und eine große Leere, gepaart mit einem ungeheuren schlechten Gewissen machte sich augenblicklich in mir breit.
Die Kombination der Begriffe Verfassung und Wirklichkeit wirkte wie ein Aufputschmittel auf den politischen Teil meines Gewissens und führte mir meine staatsbürgerliche Ahnungslosigkeit schlagartig vor Augen. Ich ließ die Zeitung sinken und starrte auf meinen Küchentisch. „Verfassung“, dachte ich, „Grundgesetz... die Würde des Menschen ist un... ist un... ist unverwüstlich, quatsch, ist un... unantastbar. Sie zu schützen ist... Pflicht... Aufgabe... Gebot... Scheiße!“
Im politischen Teil der Zeitung stand etwas über die bevorstehenden Bundestagswahlen. „Auch das noch“, dachte ich. „Nicht genug, dass ich eine grundgesetzliche Analphabetin bin, im September erwartet man auch noch eine staatsbürgerliche Willenserklärung von mir.“
Meine frustrierten Blicke hatten sich inzwischen durch meinen Küchentisch, den darunter liegenden Fussboden, die Zimmerdecke der Nachbarn und deren Couchgarnitur gefressen. So konnte das nicht weitergehen. Abrupt richtete ich mich auf, atmete einmal tief durch und erkor den heutigen Tag zu meinem ersten staatsbürgerlichen Pflichttag.

Jetzt sitze ich vor meiner Tageszeitung, und vor meinen Augen verschwimmen die Truppenbewegungen der Amerikaner in Afghanistan. Im Fernsehen hat inzwischen die energische Stimme von Renate Künast die Macht übernommen.
„Sie können doch nicht allen Ernstes... betrachtet aus dieser Perspektive ist doch ihr Programm nichts weiter als... müssen endlich begreifen dass... .“ tönt es aus meinem Wohnzimmer.
Ich ziehe einen kleinen Zettel unter meiner Zeitung hervor.
Meine Aufgabenliste für den heutigen Tag:

- Tageszeitungen lesen
- FDP-Stand besuchen (abgehakt)
- mit Papa über Sozis sprechen (abgehakt)
- Bundestagsdebatten/Fernseher?
- das Grundgesetz kaufen (eventuell auch das BGB?)
- zu Gysi auf den Rathausmarkt
- Wahlsystem anschauen
- allg. Selbstreflektion mit Schwerpunkt auf politischer Richtungssuche
- „Föderalismus“, „Bundestag“ und „Bundesrat“ googlen

„Gysi ist schon vorbei“, denke ich und streiche den Punkt.
Dann betrachte ich den vor mir liegenden Berg an Zeitungen. Eine unendliche Müdigkeit macht sich in mir breit. Lethargisch hake ich Punkt eins und Punkt vier ab. Das „Wahlsystem“ setze ich auf meine Google-Liste, das „Grundgesetz“ auch und die Selbstreflektionen verschiebe ich auf den Abend.
Dann drehe ich den Zettel um und schreibe: „Wählen nach Sympathie?“
Darunter beginne ich mit: „Schwarz-Gelb: Bundeskanzlerin Merkel, Außenminister Westerwelle...“
Dann breche ich ab.
In die nächste Zeile schreibe ich „Rot-Grün“, zögere, setze vor das „Rot“ ein weiteres „Rot“ und fahre fort mit: „Bundeskanzler Frank-Walter...“
Wieder breche ich ab.
Die nächste Zeile beginne ich mit „Rot-Gelb-Grün“, streiche das Geschriebene, schreibe „Rot-Rot-Gelb“, streiche das Geschriebene erneut, schreibe schliesslich „Schwarz-Gelb-Grün“ und lande wieder bei „Außenminister Westerwelle“.
Meine Müdigkeit ähnelt inzwischen einem Zustand der Lähmung.
Dann klingelt es an der Tür.
„Das wird Sabine sein“, denke ich und schaue nach Draußen in einen herrlichen, blauen Tag. „Wahrscheinlich will sie Kaffee trinken gehen.“
Vorsichtig horche ich in mich hinein. An der Tür klingelt es erneut und eine leichte Unruhe ergreift von mir Besitz. Ich horche tiefer und noch ein bisschen tiefer aber irgendwie scheint mein Gewissen ebenfalls eine Pause zu brauchen.
„Wir sehen uns heute Abend“ flüstere ich verschwörerisch in mich hinein, schalte den Fernseher aus und gehe zur Tür.

13:53 29.08.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Haenser

Mikrokosmen-Analyst
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