Tief im Westen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Menschen fuhren wie aus einem Tunnel in das Licht von Scheinwerfern, sie zogen sich aus einem grauen Hintergrund über den Rand einer Mauer, bis sie, auch hier, ungläubig und wie betäubt in die Fernsehkameras und das Licht der Scheinwerfer blinzelten, sie drängten, die Schulter voran, in langen Kolonnen, langsam, fast bescheiden, aber unwiderstehlich aus dem Nichts in den linken Bildrand, dann in die Bildmitte, dort an Uniformierten vorbei und versuchten, bereits am rechten Rand das Bild wieder verlassend, auf Zehenspitzen, fast hüpfend die ersten Eindrücke einer neuen Welt zu empfangen.

Es war Freitag, und die Familie hatte sich gerade vor der Tagesschau versammelt. Mein Vater weinte.

Ich denke, dass ich ihn lange angesehen haben muss, denn seine feuchten Augen und das gegen die Selbstbeherrschung aufbegehrende Zucken seines Mundes sind mir noch deutlich in Erinnerung. Etwas Bedeutendes musste dort im Fernsehen vor sich gehen, dachte ich, und weil sich die Menschen im Fernsehen gerade umarmten, und mein Vater daraufhin den Kampf gegen seine Tränen endgültig verlor, musste es etwas Gerechtes und Gütiges sein. Also weinte ich auch. Ich weinte aus tiefer Zuneigung zu meinem Vater und aus einem vagen Mitgefühl für diese Menschen, die es eben noch nicht gegeben hatte.

Meine Generation hat ein seltsames Verhältnis zur Topografie ihres Heimatlandes. Es macht sich ein an die Grenzen des Ekels stossendes Missvergnügen in ihr breit, wenn sie sich mit der räumlichen Beschaffenheit Deutschlands auseinandersetzen muss, so wenigstens meine Beobachtung. Sie interessiert sich nicht besonders für die hiesige Flora und Fauna, sie kennt die heimatlichen Flüsse nicht, nicht die Namen der bedeutendsten Erderhebungen und hat, was die Deutsche Geschichte anbelangt, vor 1933 einen großen und nach 1945 einen kleinen blinden Fleck in ihrer Bildung. Ich schließe mich da nicht aus. Aber wie konnte ich ein ganzes Volk übersehen haben?

Im Fernsehen kündigte Jo Brauner den Wetterbericht an. Mein Vater trank Bier. Seine Augen waren getrocknet und auf seinem Gesicht zeigte sich jene Mischung aus Rührung und Zufriedenheit, die Angehörige der akademischen Schicht zu zeigen pflegen, wenn sie ein bewegendes Ereignis sowohl empfunden als auch begriffen zu haben glauben. Dann erschien die Wetterkarte.

Die Konturen Mitteleuropas verschwanden unter einer dichten Wolkendecke, die sich, wie so oft, in wirbelnden Bewegungen nach Osten verlagerte. Es folgte eine Grafik, auf der gelbe Linien den Verlauf der entsprechenden Hoch- und Tiefwetterlagen auf dem jetzt sichtbaren, dunkel grundierten Umriss Europas nachzeichneten.

Schliesslich kam die Deutschlandkarte.

Es sollte Regen geben, soviel konnte ich erkennen. Es regnete in dicken, weißen, etwas unbeholfen animierten Strichen auf die Deutschen Städte nieder, die sich in einem sanften Bogen über die linke Seite des Landes verteilten. Die rechte Seite Deutschlands war leer.

„Das müssen sie jetzt auch bald ändern“, sagte mein Vater.

Ich schwieg.

Mit acht war ich einmal im Kino gewesen und hatte die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende gesehen. Es muss eines meiner ersten Kinoerlebnisse gewesen sein, denn die Bilder des Films haben sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Ich saß mit meiner Mutter und meiner Großmutter in einem jener schönen, plüschigen Großraumkinos, die irgendwann der unwiderstehlichen Multiplexwelle weichen mussten, und beobachtete das Geschehen im Wesentlichen durch einen Sehschlitz in der Armbeuge meiner Mutter.

Als am Ende des Films die Welt Atrejus und Fuchurs auseinanderfiel und nach und nach vom unerbittlichen Nichts gefressen wurde, hatte ich plötzlich die Gewissheit, dass so, wie diese graue Masse, die sich unaufhaltsam an Atreju‘s Fersen heftete und alles verschlang was ihr in den Weg kam, dass genau so der Osten Deutschlands aussehen musste. Ich begriff, dass es sich bei diesem Land um einen lebensfeindlichen Ort handeln musste, den man meiden sollte. Ein verfallenes Haus am Rande einer Siedlung, in dem es spukte.

Der Wetterbericht war zu Ende und mein Vater stand auf.

„Die Tagesschau meldet sich wieder...“ sagte Jo Brauner. Dann machte meine Mutter den Fernseher aus und ging in die Küche.

Ich dachte an einen Kinderreim, den sie meinem jüngeren Bruder in den letzten Sommerferien beigebracht hatte.

Die Familie war, wie schon im Jahr davor nach Bresahn an den Schaalsee gefahren und hatte dort die Ruhe des Tier- und Pflanzenschutzgebietes genossen. Die Natur hatte die Einsamkeit der deutsch-deutschen Grenze, die zu der Zeit direkt vor unserer Nase durch den See verlief, genutzt, um sich ein wenig zu erholen, und nur Anliegern war es erlaubt, sich dem See zu nähern.

Eines Morgens war der ganze See voller Marienkäfer gewesen, und mein Bruder war, während er schwamm, von einigen Käfern in den Arm gebissen worden. Ich kann mich noch an seine panischen Bewegungen erinnern, mit denen er so schnell wie möglich zurück ans Ufer zu gelangen versuchte.

Als wir zurück im Ferienhaus waren und ich meinem Vater die Geschichte erzählt hatte, sagte er: „Wir haben Ostwind, die kommen bestimmt aus der Zone.“

Meine Mutter nahm meinen kleinen Bruder in den Arm, wiegte ihn hin und her und flüsterte dabei:

Marienwürmchen setze dich

Auf meine Hand,

Ich tu dir nichts zu Leide.

Es soll dir nichts zu Leid gescheh’n,

Will nur deine bunten Flügel seh’n,

Bunte Flügel meine Freunde.

Marienwürmchen fliege weg,

Dein Häusschen brennt,

Die Kinder schrei’n so sehre.

Am Abend jenes Tages stand ich auf dem Steg, der zu unserem Ferienhaus gehörte und blickte über den See auf die andere Seite. Die Grenzbojen leuchteten noch schwach in der Dämmerung. Das gegenüberliegende Ufer war ein schwarzer Kamm aus Bäumen. „Ostwind“, dachte ich, und „Zone“.


12:26 07.10.2010
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Geschrieben von

Haenser

Mikrokosmen-Analyst
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